Der Schriftzug Uniper ist hinter einer Glasfassade zu lesen.  | dpa

Gaskonzern Uniper Täglich bis zu 200 Millionen Euro Verlust

Stand: 13.11.2022 20:47 Uhr

Der Name Uniper steht wie kein anderer für die Energiekrise - ohne russisches Gas drohte dem Konzern die Pleite. Dann die Notbremse: Verstaatlichung und die verzweifelte Suche nach neuem Gas. Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Rebecca Kirkland, WDR

Es ist Mitte September. Manager Holger Kreetz hat einige schlaflose Nächte hinter sich. "Wir sind zwar Dramatik bei der Uniper gewohnt, aber die letzte Woche war doch heftig" sagt er, während er in der vierten Etage der Düsseldorfer Firmenzentrale seinen Laptop aus seinem Spind holt und sich einen freien Schreibtisch sucht.

Uniper war Deutschlands größter Abnehmer für russisches Gas und versorgt nach eigener Aussage mehr als 500 Stadtwerke mit Energie. Als das russische Gas Anfang September ausbleibt, gerät der Energieriese ins Wanken. Sogar eine Insolvenz steht zu diesem Zeitpunkt im Raum.

"Ich habe die Situation völlig falsch eingeschätzt"

Eigentlich betreut Kreetz für Uniper das europäische Kraftwerkgeschäft und soll die Energiewende im Unternehmen voranbringen. Jetzt gibt es neue Prioritäten: Ersatz für das russische Gas muss her - und zwar möglichst schnell. Dass in naher Zukunft noch einmal Gas aus Russland kommt, hält Kreetz, der für Uniper selbst viel in Russland unterwegs war, für wenig realistisch. "Das Tischtuch mit der Gazprom ist komplett zerschnitten."

Auf eigene Fehler angesprochen, wird der Manager nachdenklich: "Ich habe die Situation - wie so viele andere auch - völlig falsch eingeschätzt. Dass das Abschneiden von russischem Gas als politisches Mittel überhaupt genutzt wird, war für mich wirklich undenkbar."

Explodierende Preise und ein völlig verrückter Markt

Im sechsten Stock der Firmenzentrale liegt der sogenannte Trading Room. Hier kaufen die Händler weltweit Strom und Gas ein - und müssen nun versuchen, das fehlende russische Gas irgendwie woanders aufzutreiben.

Die Preise für Strom und Gas an den Energiebörsen, den sogenannten Spot-Märkten, gehen seit dem Frühjahr steil nach oben. "Solche Preissprünge habe ich in den 28 Jahren meines Berufslebens noch nicht gesehen", sagt Abteilungsleiter Gregor Pett mit Blick auf die ansteigenden Preiskurven auf den Monitoren seiner Händler. Weil Uniper mit seinen Kunden aber noch Verträge mit alten Konditionen - also niedrigeren Preisen - hat, verliert der Konzern nun zwischen 100 und 200 Millionen Euro - und zwar täglich. 

Pett verteidigt die enormen Ausgaben: "Wenn wir es nicht tun würden, dann müssten es Stadtwerke zu genau dem Preis kaufen, und die wären in kürzester Zeit in derselben Situation wie wir." Uniper sei wie ein Airbag für die deutsche Energieversorgung.

Verstaatlichung: Durchatmen ohne Gewinnergefühl

Am Morgen des 21. September sieht dann plötzlich anders aus: Der Bund will Uniper übernehmen - weil die bis dahin gezahlten und zugesagten Milliardenhilfen immer noch nicht ausreichten, um den angeschlagenen Konzern zu retten.

Noch Tage später merkt man Manager Kreetz die Erleichterung darüber an. "Das ist jetzt für viele erstmal ein Durchatmen." Für ihn sei, so erklärt er, die Entscheidung der Bundesregierung allerdings alternativlos gewesen. Trotzdem sehe er sich nicht als Gewinner der Krise. "Der Aktienkurs, der Anfang des Jahres bei 42 Euro lag, war zwischenzeitlich unter drei Euro - da kann man schwer von Gewinnern sprechen", so Kreetz.

Baustelle mit enormem Tempo als Ausweg?

Rund 350 km nördlich der Firmenzentrale in Düsseldorf baut Uniper nun mit Hilfe des Bundes eines der beiden LNG-Terminals. In Wilhelmshaven soll - wenn alles nach Plan verläuft - noch in diesem Jahr Flüssiggas mit Schiffen angeliefert werden. "Was sonst fünf Jahre dauert, geht auf einmal in zehn Monaten", so Kreetz. Wenn das Terminal erstmal läuft, soll es rund acht Prozent des deutschen Gasverbrauches auffangen können.

Das könne den Gaspreis etwas senken, hofft Kreetz. "Dass er aber wieder so niedrig wird wie vor dem Krieg, das kann ich mir ehrlicherweise nicht vorstellen." Und noch etwas macht ihn nachdenklich. Er, der in seinem Unternehmen eigentlich auch für Umbau zu erneuerbarer Energie zuständig ist, hilft nun dabei, ein Terminal für fossilen Brennstoff zu bauen.

Dafür werden noch einige Generationen zahlen

"CO2-frei zu werden, das war für mich persönlich immer ein totaler Antreiber und Motivation. Nun ist alles anders. Aber ich bin trotzdem davon überzeugt, das Richtige zu tun, um Deutschland durch den Winter zu bringen." So schnell, wie der Terminalbau jetzt laufe, so schnell müssten auch erneuerbare Energien ausgebaut werden.

Mit Blick auf die Uniper-Baustelle wirkt Manager Kreetz schon viel gelöster. Die Absicherung durch den Staat, die Fortschritte beim Flüssiggas - für ihn richtige Schritte, um Deutschland durch den Winter der Energiekrise zu bringen. Doch eins ist auch klar: Die Rechnung für diese enormen staatlichen Investitionen müssen noch einige Generationen abbezahlen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 08. November 2022 um 06:00 Uhr.