Hafen von Odessa | picture alliance / Zoonar

Sorge um Mitarbeiter Wie deutsche Firmen nun reagieren

Stand: 24.02.2022 12:46 Uhr

Der Hafenkonzern HHLA schließt einen Terminal in Odessa, VW richtet einen Krisenstab ein - viele deutsche Unternehmen sind direkt betroffen vom Krieg in der Ukraine. Die Frage ist auch: Wie geht es mit dem Russlandgeschäft weiter?

Der Hamburger Hafen- und Logistikkonzern (HHLA) hat den Betrieb seines Containerterminals in Odessa im Südwesten der Ukraine eingestellt. Seit 2001 betreibt der deutsche Konzern am Schwarzen Meer ein Containerterminal mit 480 Mitarbeitern. Er zählt damit zu den größten ausländischen Investoren in der Ukraine.

"Odessa und die Ukraine sind für uns ein bedeutender Standort", sagte eine HHLA-Sprecherin dem "Handelsblatt": "Wir können nur abwarten, wie sich die Situation entwickelt." Das Unternehmen habe einen Krisenstab gebildet, der sei in Kontakt mit den lokalen Behörden und der Bundesregierung. Zwei Schiffe lägen noch dort, die bereits abgefertigt seien. Es sei unklar, ob sie den Hafen verlassen könnten. Die Mitarbeiter seien aber alle in Sicherheit, hieß es.

Tausende deutsche Firmen in Russland aktiv

Für viele deutsche Unternehmen stellt sich nun die Frage, wie sie auf den russischen Einmarsch in die Ukraine reagieren. Nach Angaben der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) sind aktuell noch etwa 3651 deutsche Firmen in Russland aktiv. "Deutsche Unternehmen gehören damit zu den aktivsten ausländischen Investoren in Russland. Neben dem hohen Modernisierungsbedarf und dem guten Image der Marke 'Made in Germany' locken vor allem die vergleichsweise hohen Gewinnmargen", erklärt ein Sprecher des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) auf Anfrage von tagesschau.de.

Vor der Invasion hatte sich der Außenhandel etwas erholt: Nach Angaben der DZ-Bank rangierte Russland zuletzt auf Platz 14 der wichtigsten Zielländer für deutsche Ausfuhren - 1,9 Prozent der deutschen Exporte gingen laut DIHK nach Russland - und auf Rang 12 der wichtigsten Herkunftsländer für Importe nach Deutschland, 2,8 Prozent aller Importe nach Deutschland stammten aus Russland. Zwischen Russland und Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt vor allem Rohstoffe, Fahrzeuge und Maschinen gehandelt worden. Im Gesamtjahr 2021 stiegen die deutschen Exporte um 15,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 26,6 Milliarden Euro.

Deutsche Bank verweist auf Notfallpläne

Direkt in Russland engagiert ist beispielsweise die Deutsche Bank, die allerdings schon seit der Annexion der Krim 2015 ihr Geschäft in Russland deutlich reduziert hat. In einer ersten Reaktion verwies das Geldhaus auf seine Notfallpläne: Man sei zutiefst besorgt angesichts des Angriffs auf ein souveränes europäisches Land und darüber, dass die Grenzen in Europa in Frage gestellt werden, erklärte ein Bank-Sprecher am Morgen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir haben uns auf verschiedene Szenarien vorbereitet und Notfallpläne erstellt", sagte der Sprecher.

Ähnlich reagiert auch die Deutsche Telekom: Man treffe Maßnahmen für die rund 2000 Mitarbeiter am Softwareentwicklungsstandort in St. Petersburg und erwäge einen Abzug des Personals. "Wir müssen uns überlegen, wie wir mit den Menschen in der Region umgehen", sagte Firmenchef Tim Höttges. Dazu gehöre auch die Frage, ob die Telekom Visa anbiete. Damit könnte die Arbeit teilweise verlagert werden, sagte Konzernchef und fügte hinzu, dass man individuell vorgehen wolle. Die Mitarbeiter in Russland arbeiten unter anderem für die IT-Tochter T-Systems und sind für die Planung und Dokumentation des Glasfaserausbaus zuständig. Nun müsse man prüfen, ob und wie diese Aufgaben gegebenenfalls verlagert werden könnten, sagte Höttges.

Autobauer und Zulieferer beobachten Lage besorgt

Betroffen vom Krieg in der Ukraine ist auch die deutsche Autoindustrie. Zulieferer und Autobauer haben nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie in Russland und der Ukraine 49 Fertigungsstandorte: "Die Folgen für die Unternehmen und ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind derzeit noch nicht konkret absehbar", sagte Verbandspräsidentin Hildegard Müller: "Ein Abbruch der Lieferketten hätte ebenfalls negative Auswirkungen." Im vergangenen Jahr exportierten die deutschen Hersteller knapp 40.000 Fahrzeuge nach Russland und in die Ukraine. Das sind weniger als zwei Prozent aller aus Deutschland ausgeführten Autos.

Einer der Betroffenen ist der deutsche Autobauer Volkswagen, der die Entwicklungen besorgt beobachtet: "Volkswagen hofft auf eine schnelle Einstellung der Kampfhandlungen und eine Rückkehr zur Diplomatie", so ein Sprecher des Konzerns auf Anfrage von tagesschau.de. Die ökonomischen Auswirkungen auf die Tätigkeiten des Konzerns würden laufend durch einen Krisenstab ermittelt: "Bei allen Aktivitäten vor Ort steht die Sicherheit und Unversehrtheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an erster Stelle."

Ähnlich äußert sich auch der deutsche Autozulieferer Bosch auf Anfrage von tagesschau.de: "Wir verfolgen die jüngsten Entwicklungen in der Region und ihre möglichen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen mit großer Sorge. Gleichzeitig treffen wir alle erforderlichen Vorkehrungen für den Schutz unserer Mitarbeiter." Deutsche Mitarbeiter seien derzeit nicht vor Ort, Dienstreisen habe man schon länger stark eingeschränkt. "Die Entwicklung konkreter Handlungsoptionen liegt in der Verantwortung der Politik", so eine Sprecherin. Der Konzern konnte in Russland im vergangenen Jahr rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz machen und beschäftigt dort etwa 3.400 Mitarbeiter. Auch in der Ukraine gibt es einen Fertigungsstandort, in Krakovets im Westen des Landes. Dort werden Starter für den Kraftfahrzeugersatzteilmarkt instand gesetzt.

"Konsequenzen nicht absehbar"

Für den Maschinen- und Anlagenbauer Dürr aus Stuttgart macht das Russlandgeschäft nur ein bis zwei Prozent am Umsatz aus: "Welche Konsequenzen sich aus dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ergeben, ist derzeit noch nicht klar. Entscheidend wird sein, welche weiteren Sanktionen ergriffen werden und wie sich dies auf die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland auswirken wird", sagte ein Sprecher des Konzerns auf Anfrage von tagesschau.de.

Die Commerzbank teilte mit, das Institut habe nur wenig Geschäft mit Russland. Man beobachte die weiteren Entwicklungen genau und passe die Risikoeinschätzung kontinuierlich an: "Wir sind für verschiedene Szenarien vorbereitet." Auch für verschärfte Sanktionen habe man Vorkehrungen getroffen.

Wirtschaftlichen Folgen noch nicht absehbar

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hält eine Einschätzung der Lage noch für verfrüht: "Die wirtschaftlichen Folgen dieser Invasion sind noch nicht absehbar, sie sind aber ganz sicherlich schwerwiegend", so DIHK-Präsident Peter Adrian. Er denke heute "besonders an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der deutschen Unternehmen und der Auslandshandelskammer in der Ukraine".

Innerhalb der Ukraine sind laut AHK rund 2000 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung vom russischen Einmarsch betroffen. Deutsche Direktinvestitionen in der Ukraine betrugen 2019 nach Angaben der Deutschen Bundesbank 3,6 Milliarden Euro. Bezogen auf den gesamten Import- und Exportwert befindet sich die Ukraine aktuell auf Rang 41 unserer wichtigsten Handelspartner.

Lufthansa und DB Schenker stellen Verbindungen ein

Bereits seit einigen Tagen hatten Fluglinien nach und nach ihre Verbindungen in die Ukraine eingestellt. Als Reaktion auf Russlands Invasion strich Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa ihr letztes Flugziel im Land. Der für Donnerstagabend geplante Flug von Frankfurt in das westukrainische Lwiw wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt, wie ein Sprecher am Morgen sagte. Zuvor hatte der Konzern bereits die Verbindungen nach Odessa und Kiew gestrichen. Im Laufe des Tages werde man die Gesamtsituation bewerten und das Vorgehen für die weiteren Tage besprechen. Lufthansa-Crews halten sich nicht in der Ukraine auf.

Auch der deutsche Logistikdienstleister DB Schenker hat seinen Betrieb in der Ukraine gestoppt und seine Mitarbeiter in der Ukraine gebeten, zuhause zu bleiben. "Alle Verbindungen von und nach der Ukraine sind vorerst eingestellt. Bisher laufen alle anderen Sendungen wie gewohnt. Wir arbeiten an Notfallplänen für verschiedene Szenarien und informieren Sie über größere Änderungen", teilte der Konzern mit.