Kohlekraftwerk in Mehrum Niedersachsen | dpa

Weniger CO2 durch Kraftwerke EU-Emissionshandel zahlt sich aus

Stand: 17.06.2021 15:36 Uhr

Der Europäische Emissionshandel hat im vergangenen Jahr Wirkung gezeigt. Nach Zahlen des Umweltbundesamts ist der CO2-Ausstoß in Deutschland in den Kraftwerken stark gesunken. Bei der Industrie sieht das anders aus.

Von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Die deutschen Kraftwerke haben im vergangenen Jahr 15 Prozent weniger CO2 ausgestoßen als 2019. Insbesondere Kohlekraftwerke wurden heruntergefahren. Der Energiesektor und die Industrie haben hierzulande seit 2013 ihren CO2-Ausstoß um 33 Prozent verringert. Das zeigen aktuelle Zahlen, die das Umweltbundesamt (UBA) vorgestellt hat.

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

Nach Einschätzung des Leiters der Deutschen Emissionshandelsstelle beim UBA, Jürgen Landgrebe, hat sich der Europäische Emissionshandel bewährt. "Die Treibhausgasemissionen der Anlagen in Deutschland sind deutlich gesunken." Seit dem Jahr 2018 habe die EU entschieden, die Ambitionen beim Europäischen Emissionshandel deutlich zu stärken. "Und dadurch haben sofort die Märkte reagiert", sagte Landgrebe.

Deutliche Teuerung seit 2018

Der Emissionshandel gilt als marktwirtschaftliches Instrument, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Seit 2005 gibt es das System. Es sorgt dafür, dass in Deutschland rund 1800 Kraftwerke und Industriebetriebe Emissionszertifikate benötigen, um CO2 ausstoßen zu dürfen.

Preis für CO2-Zertifikate, Chart von Januar 2018 bis Mai 2021

Die Zertifikate werden gehandelt. Deren Anzahl sinkt jährlich, womit sich deren Preis schrittweise verteuert. Somit wird auch der CO2-Ausstoß immer kostspieliger. Während der Zertifikatepreis lange recht niedrig war, hat er sich seit 2018 deutlich verteuert - auf jetzt mehr als 50 Euro pro Tonne CO2.

Davon hätten Gaskraftwerke und die erneuerbaren Energieanlagen profitiert, sagte der Leiter der Emissionshandelsstelle. Im vergangenen Jahr sei der deutsche Bruttostromverbrauch zu mehr als 45 Prozent von erneuerbaren Energien gedeckt worden. "Es ist das Ziel, dass wir die fossilen Energieträger stark bepreisen, so dass dadurch auch die erneuerbaren Energien schneller wettbewerbsfähig werden", sagte Landgrebe.

Schwache Effekte bei der Industrie

Viele Marktbeobachter gehen davon aus, dass der Emissionshandel dazu führen könnte, die Kohlekraftwerke hierzulande deutlich früher abzuschalten als 2038. Dieses Enddatum wurde vor gut zwei Jahren im sogenannten Kohlekompromiss zwischen Industrie, Umweltverbänden und Gewerkschaften vereinbart. Die Bundesregierung hatte den Kompromiss im Kohleausstiegsgesetz weitgehend übernommen.

In der Industrie ist der Effekt des Emissionshandels dagegen bislang weniger stark ausgeprägt. Die Emissionen sanken seit 2013 nur um etwa acht Prozent - bedingt auch durch die Corona-Pandemie. Denn vielfach fehlt es an marktfähigen Alternativen etwa für die Chemiewerke oder die Stahlindustrie. Letztere soll langfristig von Koks auf Wasserstoff umstellen.

Hilfen für Umrüstung

Der Leiter der Deutschen Emissionshandelsstelle plädierte dafür, den Druck auf die Industrie zu erhöhen. Es sollten bald weniger CO2-Zertikate ausgegeben werden. Zudem stünden öffentliche Hilfen zur Umrüstung bereit. Landgrebe verwies auf den europäischen Innovationsfonds, der annähernd 20 Milliarden Euro zur Verfügung stellen werde für entsprechende Investitionen.

"Auch über den nationalen Dekarbonisierungsfonds werden etwa zwei Milliarden Euro bereitgestellt, um solche Technologien stark zu fördern und in die Marktreife zu bringen“, sagte Landgrebe.

Sonderabgaben auf Industrieimporte?

Die Stahlindustrie und andere Sektoren befürchten, dass europäische Unternehmen Wettbewerbsnachteile erleiden könnten, wenn der Umstiegsdruck zu stark wird. Der Klimaschutz habe nichts davon, wenn der Stahl zukünftig stärker aus Indien oder China komme, lautet das Argument.

In der Europäischen Union gibt es daher Überlegungen, Industrieimporte aus Weltregionen mit geringen Klimastandards mit Sonderabgaben zu belegen, um die heimische Industrie zu schützen.

Die EU-Kommission will im Juli Pläne vorlegen, wie der Emissionshandel noch stärker genutzt werden kann. Zum einen wird erwogen, den CO2-Deckel schneller abzusenken, um die angestrebten ambitionierteren europäischen Klimaziele zu erfüllen. Zum anderen könnte der Zertifikatehandel auf die Bereiche Verkehr und Gebäude ausgeweitet werden.

Preisaufschlag an der Tankstelle

In Deutschland gilt seit Jahresbeginn eine nationale CO2-Bepreisung für Sprit, Heizöl und Erdgas. Dieses System setzt aber derzeit nicht auf einen festen CO2-Deckel, der schrittweise abgesenkt wird, sondern auf einen Preisaufschlag etwa an der Tankstelle - in der Hoffnung, dass die Menschen dadurch weniger Sprit verbrauchen.

Ähnlich wie beim Thema Kohleausstieg könnte der europäische Emissionshandel auf Dauer die nationalen Sonderregelungen hierzulande überflüssig machen - wenn er sich als das effizientere und marktkonformere System erweist, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juni 2021 um 17:05 Uhr.