Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes (Archiv) | AFP

Prozess um Bluttestfirma Der tiefe Fall der Elizabeth Holmes

Stand: 31.08.2021 04:01 Uhr

Es ist der größte Betrugsskandal im Silicon Valley. Der Gründerin des Bluttest-Unternehmens Theranos, Holmes, wird vorgeworfen, Investoren und Patienten getäuscht zu haben. Ihr Geschäftsmodell basiert auf einem riesigen Schwindel.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles, zzt. in San Francisco

Vor sechs Jahren galt die heute 37-Jährige Elizabeth Holmes als der große Star des Silicon Valley. Sie wurde als der nächste Steve Jobs gefeiert. Sie imitierte den verstorbenen Co-Gründer von Apple sogar in puncto Kleidung: Meist trug sie einen schwarzen Rollkragenpulli. Vor sechs Jahren erzählte sie mit gekünstelt tiefer Stimme und im Brustton der Überzeugung auf einer Podiumsdiskussion: "Erst halten sie dich für verrückt und bekämpfen dich, und dann veränderst du die Welt".

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Prominente Investoren, illustrer Aufsichtsrat

Mit ihrem 2003 gegründeten Biotech-Unternehmen Theranos wollte sie die Welt der Blutanalyse revolutionieren. Holmes war da gerade 19 Jahre alt und hatte ihr Stanford-Studium nach nur einem Jahr abgebrochen. Sie schaffte es, dass Verleger Rupert Murdoch allein 100 Millionen Dollar in das Startup investierte; genauso viel steuerte die ehemalige US-Bildungsministerin Betsy de Vos bei. Es gab Dutzende weitere Großinvestoren. Die ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz saßen im Aufsichtsrat des Unternehmens. 

Bevor der Schwindel 2016 aufflog, galt Theranos als neunfaches "Einhorn": Es war mit neun Milliarden Dollar bewertet. "Wenn diese Technologie tatsächlich funktioniert hätte, wäre das das Ende der Bluttest gewesen, wie wir sie heute kennen. Sie hätten damit sehr viel Geld verdienen können", erklärt Investigativ-Reporter Michael Siconolfi vom "Wall Street Journal" den damaligen Hype um Theranos.

Am Ende reicht es nur für eine Herpes-Diagnose

Edison hieß das von Theranos entwickelte Gerät zur Analyse von Blut. Ein schwarzer Kasten, vielleicht so groß wie ein Tisch-Kopierer. Mit nur wenigen Tropfen Blut sollte die Maschine rund 240 verschiedene Tests durchführen können. Am Ende konnte Edison treffsicher nur bestimmen, ob jemand Herpes hat. 

Ein Reporter des "Wall Street Journal" deckte 2015 auf, dass das Unternehmen heimlich und im Hintergrund Analyse-Geräte von Siemens benutzt hatte. Alles falsch, behauptete damals Holmes: "Wir haben niemals andere kommerziell erhältliche Laborgeräte benutzt. Jeder jemals durchgeführte Test hat auf die von uns entwickelte Technologie zurückgegriffen." Mehrere der gut 800 Mitarbeitenden gingen damals an die Öffentlichkeit, weil sie Holmes nicht länger decken wollten. Edison war da schon in mehreren Apotheken im Einsatz - und lieferte reihenweise falsche Ergebnisse. 

Holmes drohen 120 Jahre Gefängnis

Der Prozess, der heute mit der Auswahl der Geschworenen beginnt, hat ein großes Problem: Es gibt keine handfesten Beweise. Kurz bevor das Start-up bankrott ging, haben Angestellte einen Server, auf dem Millionen Bluttest-Ergebnisse gespeichert waren, vernichtet. Sandra Randazzo, Reporterin beim "Wall Street Journal", erklärt, was im Prozess gegen Holmes jetzt entscheidend ist: "Es kommt darauf an, ob sie absichtlich betrügen wollte. Ihre Anwälte könnten anführen, dass sich im Silicon Valley viele Start-ups besonders rosig darstellen, wenn sie Investoren gewinnen wollen. Theranos könnte da keine Ausnahme gewesen sein." 

Am Wochenende wurde eine weitere Verteidigungslinie bekannt: Holmes Anwälte wollen ihren damaligen Stellvertreter bei Theranos, Sunny Balwani, mit dem sie auch eine Beziehung hatte, als Drahtzieher darstellen. Er soll sie psychisch und sexuell über Jahre missbraucht haben. Holmes drohen bei einer Verurteilung bis zu 120 Jahre Gefängnis.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. August 2021 um 05:38 Uhr und 10:41 Uhr.