Logos für Apps der US-Internetkonzerne Google (l-r), Amazon und Facebook sind auf dem Display eines iPhone zu sehen.  | dpa

Börsenwert eingebrochen Warum die Techkonzerne schwächeln

Stand: 31.10.2022 16:22 Uhr

Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft: Mehrere Techriesen haben in der vergangenen Woche schwache Zahlen vorgelegt und zusammen Hunderte Milliarden Börsenwert verbrannt. Woran liegt das?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Die Techkonzerne aus den USA - einst Börsenstars und Überflieger - haben in der vergangenen Woche teilweise rasante Abstürze erlebt. So verlor die Facebook-Mutter Meta, zu der auch WhatsApp und Instagram gehören, innerhalb von nur drei Tagen etwa 28 Prozent an Börsenwert. Die Aktie von Amazon brach an der US-Technologiebörse Nasdaq um mehr als 14 Prozent ein.

Till Bücker

Auch die Papiere der Google-Mutter Alphabet und Microsoft rutschten um fast acht beziehungsweise knapp sechs Prozent ab. Insgesamt verbrannten die vier Großkonzerne damit nach Angaben des Finanzdienstes "Bloomberg" von Dienstag bis Freitag fast 700 Milliarden Dollar an Börsenwert. Warum schwächeln die Techgiganten derart?

Erwartungen der Investoren nicht erfüllt

"Teilweise haben die Unternehmen die Erwartungen der Anleger nicht erfüllt", erklärt Kapitalmarktstratege Stefan Riße von der Vermögensverwaltung Acatis im Gespräch mit tagesschau.de. Dabei sind die Ergebnisse im dritten Quartal gar nicht mal so schlecht ausgefallen, wie man angesichts der Kurseinbrüche erwarten könnte. Alle vier Konzerne meldeten in den Monaten von Juni bis September schwarze Zahlen.

So erwirtschaftete Alphabet einen Gewinn von 13,9 Milliarden Dollar und Microsoft sogar 17,7 Milliarden Dollar. Auch Amazon (2,9 Milliarden Dollar) und Meta (4,4 Milliarden Dollar) schafften ein Plus. Und trotzdem: "Diese Woche wird in die Geschichtsbücher eingehen als eine der schlechtesten für Big Tech", sagte Dan Ives, Analyst des Investment-Unternehmens Wedbush, dem "Handelsblatt". Denn es ist die Geschäftsentwicklung, die die Investoren nervös macht.

"Die Börse hat immer eine Erwartung und es wird auf ein gewisses Ereignis spekuliert. Wenn dieses schlechter ausfällt als erwartet, gibt es Prügel und die Kurse sinken", erklärt Riße. Sowohl bei Alphabet und Amazon als auch bei Meta hatten Analysten mit besseren Quartalsergebnissen gerechnet. Zudem lagen die Gewinne weitaus niedriger als in der Corona-Hochphase, als die Tech-Riesen dank ihrer Cloud- und Streaming-Angebote, dem Online-Handel sowie Hardware fürs Homeoffice Rekordsummen erwirtschafteten.

Hohe Kosten, weniger Werbung und sinkender Konsum

Daneben spielen Aussichten an den Märkten eine große Rolle. Diese fielen bei den Techkonzernen teilweise pessimistisch aus. Der weltgrößte Online-Händler Amazon etwa warnt angesichts der hohen Inflation und Rezessionssorgen vor einem überraschend schwachen Weihnachtsgeschäft und rechnet wegen steigender Kosten mit einem Gewinneinbruch. Auch Alphabet und Microsoft enttäuschten mit ihrem Ausblick.

Das dürfe jedoch eigentlich niemanden wundern, sagt Riße. "Wir laufen in den USA und in Europa auf eine Rezession zu. Wir haben große Unsicherheiten." Eine der ersten Maßnahmen von Unternehmen sei in solchen Situationen die Kürzung von Marketingausgaben. Sprich: Sie schalten weniger Werbeanzeigen. Das merken Online-Plattformen wie Google, Amazon oder Facebook.

Dazu kommt die hohe Inflation und die damit verbundene sinkende Kaufkraft. "Auch die Verbraucher sind derzeit verunsichert. Sie müssen viel mehr aufwenden für die Dinge des täglichen Lebens", sagt Riße. Die Lebensmittelpreise seien um 20 Prozent gestiegen, wodurch weniger Geld für Online-Shopping - zum Beispiel bei Amazon - übrig bleibe.

Sind die Entwicklungen jetzt eingepreist?

Des Weiteren verweist der Fachmann auf die derzeit steigenden Zinsen: "Bei Wachstumsunternehmen, zu denen auch die Technologiekonzerne zählen, werden am Finanzmarkt vor allem die zukünftigen Gewinne bewertet - die abgezinst werden müssen." Dadurch sinke automatisch der sogenannte innere Wert des Unternehmens.

Gleichzeitig schmälert der starke Dollar die Auslandseinnahmen in der US-Währung, worunter speziell Amazon und Microsoft leiden. Mit Blick auf diese Aspekte raten die Analysten von UBS Global Wealth Management Anlegern, beim Kauf der Technologietitel vorsichtig zu bleiben. "Auch wenn die Tech-Werte bislang sich schon deutlich schlechter geschlagen haben als der Markt, glauben wir nicht, dass der anhaltende Gegenwind vollständig in den Kursen eingepreist ist."

Acatis-Stratege Riße sieht das anders: "Die genannten Konzerne haben an der Börse schon alle kräftig auf die Nase gekriegt. Die schlechteren Ergebnisse und Ausblicke sind zum großen Teil schon in den Kursen enthalten." Langfristig seien die Unternehmen immer noch "extrem gut aufgestellt". Microsoft, Google-Mutter Alphabet und Amazon seien mittlerweile eine Art "Versorger im täglichen Alltag" geworden: "Wer glaubt denn, dass wir in zehn Jahren nicht mehr Google Maps oder YouTube benutzen, dass es keine Software von Microsoft mehr gibt oder wir nichts mehr im Internet bestellen?", fragt Riße.

Techkonzerne weiter gut aufgestellt - außer Meta?

"Die Unternehmen haben eine wahnsinnig gute Marktstellung", so der Experte weiter. Außerdem hätten sie keine explodierende Energierechnung, keine Netto-Verschuldung und keinen hohen Kapitalbedarf, um ihr Geschäft zu betreiben. Auch seien durch den Krieg in der Ukraine wenig betroffen, da sie in der virtuellen Welt unterwegs seien und auch ihr Firmensitz geographisch weit entfernt liege. "Man muss festhalten, dass diese Firmen weiterhin Milliarden verdienen", betont der Kapitalmarktstratege. Zwar sei auch die Techbranche von einigen aktuellen Problemen betroffen - doch im Vergleich zu Stahlwerken oder Chemieunternehmen stünden sie immer noch gut da.

Lediglich bei Meta ist Riße skeptischer: "WhatsApp würde ich auch als Grundbedarfsversorger betrachten. Facebook und Instagram beinhalten dagegen einen gewissen Zeitgeist, der vorübergehen kann." Der Konzern geriet in der vergangenen Woche besonders unter Druck. Die Aktie verbuchte mit einem Minus von knapp 25 Prozent den zweitgrößten Tagesverlust der Firmengeschichte. Dadurch schrumpfte der Börsenwert der Facebook-Mutter um fast 86 Milliarden Dollar.

Mit 96,38 Dollar notierte das Meta-Papier am Donnerstag zeitweise so niedrig wie seit knapp sieben Jahren nicht mehr. Analysten verwiesen darauf, dass Meta weiterhin Geld in kapitalintensive Projekte stecke, während der Werbemarkt austrockne. Konzernchef Mark Zuckerberg setzt auf das "Metaverse" - eine Art digitale Welt - und investiert jährlich zehn Milliarden Dollar, rechnet aber erst in zehn Jahren damit, Geld zu verdienen.