Reinigungskraft in einem Pflegeheim | dpa

Migranten auf dem Arbeitsmarkt "Fast unmöglich, einen Job zu finden"

Stand: 13.05.2021 11:20 Uhr

Arbeitslosigkeit in der Corona-Krise: Davon sind besonders oft prekär Beschäftigte betroffen - und unter ihnen sind besonders viele Migrantinnen und Migranten. Vielen droht ein Teufelskreis.

Von Andreas König, rbb

Sie sind befristet und erst kurze Zeit beschäftigt, dann auch noch in der Gastronomie oder in anderen vom Lockdown betroffenen Branchen: Bei Geflüchteten ist das Risiko, während der Pandemie ihren Job zu verlieren, fast dreimal so groß wie bei Beschäftigten ohne Migrationshintergrund. Das schreibt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einem neuen Bericht.

Andreas König

Online-Netzwerk bemüht sich zu helfen

Eine Sprachnachricht auf Farsi tönt gerade aus ihrem Computerlautsprecher. Shamila Hashima hört sich die Schilderung eines afghanischen Flüchtlings an. Der hat sich auf der Facebook-Seite von "Handbook Germany" gemeldet. Er habe nach einem Jahr seinen Job bei einer Transportfirma verloren und versuche seit fünf Monaten, Hilfe von der Arbeitsagentur zu bekommen - bisher vergeblich. Jetzt weiß der alleinerziehende Vater bald nicht mehr, wovon er Miete und Lebensmittel für sich und seine Tochter bezahlen soll.

So wie dem Mann, mit dessen Fragen sie sich gerade beschäftige, ergehe es vielen, sagt Shamila. Dass alles nur noch online gemacht werde und man wegen der Corona-Einschränkungen nicht einfach so zur Arbeitsagentur oder zum Amt gehen könne, sei für viele ein Problem. Auch mit guten Deutschkenntnissen sei es schwierig, die ganzen Formulare richtig auszufüllen. 

Über soziale Netzwerke am besten zu erreichen

Hashimi kennt sich aus. Die Afghanin arbeitet seit 2017 bei dem Beratungsprojekt "Handbook Germany" als Redakteurin und Beraterin für Farsi. In Afghanistan hatte sie als Journalistin gearbeitet, bis sie vor acht Jahren aus ihrer Heimat floh und über einige Umwege nach Deutschland kam.

"Wir sind ein digitales Projekt, wir sprechen diejenigen an, die auf Facebook oder sonst wo unterwegs sind," ergänzt Mosjkan Ehrari, die Leiterin des Projektes. "Ganz viele Beratungsstellen sind ja ausgefallen, weil man sich vor Ort nicht mehr treffen konnte. Deshalb sind wir ein ganz wichtiger Anker. Corona hat dafür gesorgt, dass wir ungefähr tausend Anfragen jeden Monat bekommen von Menschen aus unserer Zielgruppe."

Studie belegt Probleme für Zuwanderer am Arbeitsmarkt

"Geflüchtete und Migranten überdurchschnittlich betroffen": So lautet das Fazit einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg zu den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Beschäftigungssituation. Herbert Brücker, er leitet den Forschungsbereich Migration und Integration, hat mit seinem Team unter anderem die Arbeitsmarktstatistiken des vergangenen Jahres ausgewertet. 

So sind besonders im ersten Lockdown ab März 2020 Geflüchtete häufiger entlassen worden als andere Beschäftigte. Ursachen dafür seien oft prekäre oder befristete Arbeitsverhältnisse, kurze Betriebszugehörigkeit oder die Art der Tätigkeit. Dem IAB zufolge lag die Arbeitslosenquote unter Geflüchteten im zweiten Quartal 2020 um acht Prozent höher als im Jahr zuvor. Im Dezember waren es 2,6 Prozent. Im Vergleich dazu stieg die Quote bei Deutschen ohne Migrationshintergrund um ein Prozent. Auch waren Geflüchtete häufiger von Kurzarbeit betroffen und hatten geringere Chancen und Gelegenheiten, ihre Arbeit von zu Hause aus zu erledigen.

 "Wir unterbrechen hier gerade den Integrationsprozess"

Dass die Beschäftigung nach dem Ende des ersten Lockdowns schnell wieder zugenommen habe, sei ein positives Ergebnis der Untersuchung, so Brücker. Und dass viele Unternehmen die negativen Folgen der Pandemie anstatt durch Entlassungen überwiegend durch Kurzarbeit und andere Anpassungen abgefangen haben. Der starke Rückgang der Beschäftigung bei Geflüchteten habe viel damit zu tun, sagt Brückner, dass Integrationskurse sowie Arbeitsmarktmaßnahmen wegen der Corona-Einschränkungen ab- oder unterbrochen worden seien.

"Das besorgt uns sehr, weil diese Programme wie etwa Sprachkurse wesentlich die Chancen erhöht haben, in Beschäftigung zu kommen", betont der Wissenschaftler. "Wir beobachten in Befragungen auch, dass die Sprachkompetenz abgenommen hat durch den Abbruch dieser Programme." Das könne auch negative mittel- und langfristige Folgen haben, was wiederum auf einen erheblichen Handlungsbedarf in der Integrations- und Arbeitsmarktpolitik hindeute, schlussfolgert der Nürnberger Forscher.

Kein Job, kein Aufenthaltsrecht - die Behörden in der Pflicht

Für viele Geflüchtete, die sich an sie wendeten, entwickle sich gerade ein Teufelskreis, warnt Projektleiterin Ehrari. Da es gerade keine Präsenztermine gebe bei den Behörden, hätten viele Probleme - Pässe liefen ab, Aufenthaltstitel ebenso. "Wenn ich keinen Aufenthalt habe, verliere ich meine Arbeit - oder umgekehrt: Ich verliere meine Arbeit und kann dadurch meinen Aufenthaltsstatus verlieren. Das ist ein großes Problem."

Und es gebe viele weitere Probleme, so die Projektleiterin: "Schulen und Kitas sind zu, Eltern müssen ihre Kinder betreuen und verlieren dadurch ihren Arbeitsplatz - weil sie auch gar nicht im Homeoffice arbeiten können. Viele der Jobs unserer Zielgruppen, auch wenn sie hochqualifiziert sind, sind in Gastronomie, Hotelerie, Reinigung und so weiter."

Die Behörden müssten hier dringend Lücken in ihren Informationskampagnen schließen, fordert Ehrari. Es gehe um mehr detaillierte, mehrsprachige Beratungsangebote, um konkret auf die Belange der Arbeitslosen unter den Geflüchteten eingehen zu können.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Mai 2021 um 09:00 Uhr.