Ein Wafer mit neuentwickelten Chips der Firma Q.ANT. | picture alliance/dpa

Start-ups Neue Branchen locken Gründer

Stand: 28.04.2022 08:14 Uhr

Die Zahl der neu gegründeten Start-ups in Deutschland ist gestiegen. Neue Branchen rücken bei Gründern in den Fokus - und vor allem eine Region im Süden macht der Gründerhauptstadt Berlin Konkurrenz.

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

Die Zahl der neuen Start-ups ist 2021 abermals gestiegen. Insgesamt 3348 neue Start-ups wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gegründet. Damit stieg die Zahl der Neugründungen im Vergleich zu 2020 um elf Prozent. Das geht aus einer Auswertung der Analysefirma Start-updetector hervor. Zum dritten Mal präsentiert die Firma Daten zu Start-up-Gründungen und -Finanzierungsrunden in Deutschland.

Lilli Hiltscher

Nachdem der erste Corona-Lockdown im März 2020 die Zahl der Neugründungen bei Start-ups einbrechen ließ, hat sich die Situation nun wieder entspannt. "Auf einem starken Niveau von etwas über 800 Start-up-Neugründungen pro Quartal scheinen sich die Zahlen auch zu stabilisieren", heißt es in der Analyse. Der Branchenverband zeigt sich erfreut über die aktuellen Entwicklungen. "Start-ups sind die Wirtschaftsmacht der Zukunft", sagt Christoph J. Stresing, Geschäftsführer beim Bundesverband Deutsche Start-ups. Allerdings bleibe noch immer viel Potential ungenutzt. "Das gilt zum Beispiel für den Bereich der Ausgründungen aus Universitäten oder Forschungsinstituten. Trotz einer herausragenden Forschungslandschaft tun wir uns bei dem Transfer der Forschungsergebnisse zu marktreifen Produkten zu oft zu schwer und stehen uns damit selbst im Weg."

Hoffnung macht neben den Neugründungen vor allem die Zahl der Firmen, die externe Investoren wie Risikokapitalgeber gewinnen konnten: Sie stieg um 27 Prozent auf 2087. Stresing verweist allerdings darauf, dass dies noch immer nicht an die Finanzierungssummen in anderen Ländern heranreiche: "Trotz der positiven Entwicklung der Investitionszahlen in den vergangenen Jahren liegen wir in Deutschland bei den Investitionen pro Kopf weiterhin sehr deutlich nicht nur hinter den USA, sondern auch hinter Ländern wie Schweden oder dem Vereinigten Königreich."

Was ist ein Start-up?

Unter Start-ups werden innovative, zumeist digitale Unternehmen verstanden, die in meist jungen Märkten neue Geschäftsmodelle entwickeln. Nicht jedes neu gegründete Unternehmen ist also ein Start-up. Selbständige Handwerker oder Freiberufler wie Architekten und Rechtsanwälte etwa gelten als Existenzgründer - und nicht als Start-up-Unternehmer. Als Kriterium für letztere gilt neben einer innovativen Geschäftsidee das vorrangige Ziel, schnell zu wachsen.

Obwohl als Start-ups Firmen aus allen Branchen bezeichnet werden können, sind sie in der Praxis häufig im Technologie- und Internetsektor tätig. Typische Branchen sind der elektronische Handel, Anwendungssoftware, Finanztechnologie, Biotechnologie, Nanotechnologie, neue Fertigungsverfahren, Industrie 4.0 oder Luft- und Raumfahrttechnik.

Berlin bleibt Gründungshauptstadt

Wie schon in den vergangenen Jahren wurden die meisten Start-ups 2021 in Berlin gegründet: Mit 747 Firmen entstanden rund 22 Prozent aller neuen Start-ups in der Bundeshauptstadt. "Gerade in Berlin sehen wir ein in vielen Teilen ein gereiftes Start-up-Ökosystem", erklärt der Geschäftsführer des Start-up-Verbands. Es bestehe nicht nur aus Gründern und Investoren, sondern auch aus hochqualifizierten Mitarbeitenden, Universitäten und Hochschulen und sei mittlerweile in der Lage, "sich aus seiner eigenen Dynamik heraus zu befeuern".

Doch andere Bundesländer konnten mitziehen, denn in den meisten stieg die Zahl der Neugründungen. Ein besonderes hohes Wachstum konnten laut der Analyse Baden-Württemberg (plus 21 Prozent), Niedersachsen (plus 30 Prozent), Sachsen (plus 54 Prozent) und Sachsen-Anhalt (plus 166 Prozent) verzeichnen. Sachsen ist mit 108 neu gegründeten Start-ups 2021 der Spitzenreiter unter den ostdeutschen Bundesländern, in denen die Gründungsquote vergleichsweise gering ist.

Überraschendes zeigt die Auswertung der Neugründungen auf Ebene der Kreise: Der Landkreis Starnberg führt mit einer Gründungsdichte von 20,5 neuen Start-ups je 100.000 Einwohner vor Berlin die Liste an. "Die Firmen aus dem Kreis Starnberg sind vielfältig: vom regionalen Frischekurier Regioluzzer über Servail, deren Roboter im laufenden Betrieb Bahngleise warten sollen, bis zu The Exploration Company, deren Gründerin Hélène Huby ein Raumschiff bauen will," so die Analysten. "Laut Wikipedia weist der Landkreis im Jahr 2021 sowohl das höchste Pro-Kopf-Einkommen als auch die höchste Lebenserwartung in Deutschland auf. Das könnte am hohen Durchschnittseinkommen in der Region liegen."

Umwelttechnologien rücken in Vordergrund

Beim Blick auf die Branchen, in denen Start-ups gegründet werden, dominieren nach wie vor Software, Medizin und E-Commerce. "Der vermutlich Pandemie-getriebene E-Commerce-Boom von 2020 scheint aber langsam abzuklingen, denn in dieser Branche ist ein leichter Rückgang zu verzeichnen", heißt es in dem Report.

Dagegen stieg die Zahl der Gründungen vor allem in den Bereichen Gaming, Medien und der Umwelttechnologie an. Neue Methoden zur Bekämpfung der Klimakrise scheinen der neue große Trend bei Start-ups und Investments zu werden, denn die Branche konnte ein Plus von 144 Prozent verbuchen.

Erstmals über 20 Prozent Frauen

Gegründet werden die Start-ups nach wie vor hauptsächlich von Männern. Allerdings steigt der Anteil der Firmen mit mindestens einer Frau in der Geschäftsführung seit Jahren und konnte 2021 erstmals die 20-Prozent-Marke überschreiten: "Damit ist der Anteil von weiblich (mit-) geführten Start-ups zwar weiterhin erschreckend gering, aber 84 neue Female Start-ups entsprechen immerhin einer absoluten Steigerung um 14 Prozent im Vergleich zu 2020", so die Analysten.

Auffällig hoch ist der Anteil von Personen mit einem akademischen Abschluss, die an einer Start-up-Gründung beteiligt sind. 14 Prozent der Teams haben Doktoren oder Professoren im Team, während Professoren und Doktoren in der Gesamtbevölkerung gerade einmal 1,2 Prozent ausmachen: "Der Vergleich zeigt, dass ein hoher akademischer Grad offenbar eine Start-up-Gründung deutlich begünstigt."

Besonders schnell geht es in Bayern

Wer besonders schnell ein Start-up gründen will, der sollte genau auf das Bundesland achten. Denn wie die Analyse ergab, waren Gründungen in Bayern und Baden-Württemberg im Schnitt bereits nach 28 Tagen im Handelsregister eingetragen. In Hessen und dem Saarland hingegen dauerte dies fast vier weitere Wochen. Am schnellsten geht es in der bayrischen Stadt Landshut: Hier dauert die Eintragung nur acht Tage.