Sticker einer Gewerkschaft bei Starbucks | REUTERS

"Kleine Revolution" in New York Mehr Arbeitnehmerrechte bei Starbucks?

Stand: 03.04.2022 14:59 Uhr

Gewerkschaftler haben es in den USA traditionell schwerer als in vielen europäischen Ländern. Vor allem Großkonzerne wehren sich meist energisch gegen eine Arbeitnehmervertretung - doch nicht immer mit Erfolg.

Von Peter Mücke, ARD-Studio Washington

Sowas hat es bei Starbucks noch nicht gegeben: Ende vergangenen Jahres wagten es Mitarbeiter einer Filiale in Buffalo im Bundesstaat New York erstmals, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren. Bisher undenkbar im Imperium der Kaffeekette. Ein Schritt mit Vorbildcharakter: In diesen Tagen wird auch in drei Starbucks-Filialen in New York City über die Gewerkschaftsfrage abgestimmt. "Es ist Zeit, dass wir uns gewerkschaftlich organisieren", sagt Owen Burnham, der in der Filiale am New Yorker Astor Place arbeitet. "Die Pandemie hat gezeigt, dass wir systemrelevant sind. Und das muss sich auch in unseren Rechten wiederspiegeln. Uns geht es auch um zukünftige Mitarbeiter. Wir wollen keine Jobs, von denen man nicht leben kann." In den USA muss sich die Mehrheit der Mitarbeiter eines Betriebs - oder eben einer Starbucks-Filiale - dafür aussprechen, von einer Gewerkschaft vertreten zu werden. In Owens Filiale wird jetzt abgestimmt - Ausgang unklar.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Gewerkschaftsengagement kann den Job kosten

Denn die Unternehmen täten alles, um Mitarbeiter von einem "Ja" abzuhalten, sagt Joshua Freeman von der New Yorker City-University, Experte für die Geschichte der US-Arbeiterbewegung: "In den Vereinigten Staaten hat sich eine ganze Branche drauf spezialisiert, Anwaltskanzleien und Beratungsfirmen. Sie machen im Auftrag des Arbeitgebers Veranstaltungen, an denen die Mitarbeiter teilnehmen müssen", erklärt Freeman. "Dort wird dann darüber geredet, dass die Mitgliedschaft teuer ist und die Gewerkschaft vielleicht gar nichts erreichen kann. Dass es Streiks geben könnte, die dem Unternehmen schaden und die Leute ihren Job verlieren. Aber häufig feuern Firmen auch einfach die Angestellten, die sich für Gewerkschaften engagieren."

So ging es auch den Starbucks-Mitarbeitern in Memphis, die - vergeblich - für eine Gewerkschaft gekämpft hatten und jetzt arbeitslos sind. Trotzdem haben sich Angestellte in mehr als 100 Starbucks-Filialen entschieden, über die Gewerkschaftsfrage abzustimmen. Und sie haben damit für eine Menge Unruhe in der Starbucks-Zentrale in Seattle gesorgt, so Freeman. "Starbucks hat sogar den langjährigen Vorstandschef Howard Schultz persönlich nach Buffalo geschickt, um die Mitarbeiter zu überzeugen, mit 'Nein' zu stimmen. Auch andere Filialen sind geradezu geflutet worden von hochrangigen Starbucks-Managern." Der Kaffeeketten-Riese hat mehr 9000 Filialen in den USA und will unbedingt verhindern, dass die bislang kleine "Gewerkschaftsrevolution" zum Flächenbrand wird. 

"Eine interessante Situation"

Auch wenn der Historiker Freeman sich nicht sicher ist, ob es sich tatsächlich um den Beginn einer neuen Arbeiterbewegung in den USA handelt, so findet der doch die Initiative der Starbucks-Mitarbeiter bemerkenswert: "Traditionell war es die Strategie der Gewerkschaften, immer auf die Festung zu zielen. Also große Firmen, große Fabriken. Aber die Unternehmen konnten das auch immer gut abwehren." Starbucks sei auch ein großes Unternehmen, aber jede Filiale klein: "Das ist wie tausend Wespenstiche für das Unternehmen. Und die Gewerkschaften brauchen immer nur ein paar Dutzend Stimmen." Natürlich seien das unter dem Strich bisher nur wenige Mitarbeiter, aber, so Freeman: "Die machen der Firmenzentrale große Sorgen. Das widerspricht den bisherigen Erfahrungen in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Auf jeden Fall ist das eine interessante Situation."

Die Spannung ist jedenfalls groß, wie die Abstimmungen ausgehen werden. Auch in der New Yorker Starbucks-Filiale, in der Owen Burnham arbeitet: "Natürlich haben wir auch ein bisschen Angst. Aber wir wissen, wir kämpfen auf der richtigen Seite. Wir sind stark, wir haben unsere Ziele - und wir haben uns. Und so werden wir das gemeinsam durchstehen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. April 2022 um 12:41 Uhr.