Solarpark

Spektakuläres Comeback Der neue Boom der Solarbranche

Stand: 24.06.2021 08:03 Uhr

Nach Jahren des Niedergangs und der Insolvenzen erlebt die Solarbranche in Deutschland ein Comeback. Sogar Solarzellen werden hierzulande wieder hergestellt. Hilfe kommt auch von der Koalition.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Während der Ausbau der Windkraftanlagen stockt, erfreuen sich Photovoltaikanlagen immer größerer Beliebtheit. Bei einer Ausschreibung im März wurde die Bundesnetzagentur von Anträgen regelrecht überrannt. Es gab mehr als doppelt so viele Interessenten wie erwartet. Sehr zur Freude von Union und SPD, die sich kurz vor der Sommerpause auf ein Sofortprogramm zum Energie- und Klimaschutz geeinigt haben. Nachdem das Bundeskabinett gestern grünes Licht gegeben hat, soll das Paket heute vom Bundestag verabschiedet werden.

Danach werden ab dem kommenden Jahr die Ausschreibungsmengen für Photovoltaikanlagen um 4,1 Gigawatt auf sechs Gigawatt angehoben. Auch können künftig die Kommunen finanziell an Photovoltaik-Flächen beteiligt werden. Bislang gab es das nur bei Windkraftanlagen. Nicht verständigen konnten sich Union und SPD auf eine Solar-Pflicht für Neubauten. Verbraucherschützer und der Verband Haus und Grund hatten die Pläne heftig kritisiert.

Megaboom der Solarbranche

Solaranlagen erfreuten sich bereits im vergangenen Jahr großer Beliebtheit. Laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) wurden ein Viertel mehr Solaranlagen auf deutschen Dächern installiert als im Vorjahr, genau 184.000, mit einer Leistung von rund 4,9 Gigawatt. Keine andere Energieform legte bei der Stromerzeugung stärker zu. Dazu trugen aber wohl auch Vorzieheffekte bei. So bestand noch im Frühjahr Unsicherheit über den Fortbestand der staatlichen Förderung, hinzu kam die zeitweise ermäßigte Mehrwertsteuer.

Nahezu jede zehnte in diesem Jahr verbrauchte Kilowattstunde stammt hierzulande inzwischen aus Sonnenenergie. Schon fordert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dass bis 2030 jedes Jahr neue Solaranlagen mit einer Leistung von mindestens zehn Gigawatt (GW) installiert werden. "Wir brauchen einen Solar-Boom", sagte kürzlich die BDEW-Vorsitzende Kerstin Andreae dem "Handelsblatt".

Wieder Solarzellen aus Bitterfeld

Die heimische Produktion von Solarmodulen feiert in diesen Tagen ein unerwartetes Comeback. So werden in Deutschland wieder Solarzellen hergestellt, im einstigen "Solar Valley" bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Hier hat das Schweizer Unternehmen Meyer Burger kürzlich ein neues Werk eröffnet, das in diesen Tagen hochgefahren wird.

"Wir setzen am historischen Solarstandort Solar Valley einen Meilenstein auf dem Weg Europas zu mehr strategischer Unabhängigkeit bei der Schlüsseltechnologie Photovoltaik", sagte Unternehmenschef Gunter Erfurt bei der Eröffnung am 18. Mai. In dem hochautomatisierten Betrieb sollen täglich bis zu 200.000 Solarzellen vom Band laufen. In einem ersten Schritt ist eine Jahreskapazität von 400 Megawatt geplant. Bis 2026 sollen es fünf Gigawatt werden.

Nebenan baut die zum südkoreanischen Hanwha-Konzern gehörende Solarfirma Q-Cells ihren Standort in Bitterfeld aus und will bis 2023 gut 140 Millionen Euro in die Forschung- und Entwicklung neuer, rohstoffarmer Solarmodule investieren. Q-Cells war einst einer der größten Photovoltaikhersteller Europas, wurde aber von der chinesischen Konkurrenz verdrängt und musste 2012 Insolvenz anmelden, bevor ihn die Koreaner aufkauften.

Das lukrative Geschäft mit Solarparks

Tatsächlich spielt die Herstellung von Solarmodulen bei der Wiedergeburt der Branche eher eine untergeordnete Rolle. Die wichtigsten Akteure des neuen Booms sind inzwischen Betreiber und Entwickler von Solarparks, allen voran die inzwischen in den Aktienindex MDAX aufgestiegene Hamburger Firma Encavis. Der ehemals unter dem Namen "Capital Stage AG" firmierende Stromanbieter erwirbt und betreibt Solarkraftwerke und (Onshore-)Windparks in Deutschland und anderen europäischen Ländern - mit Erfolg wie der jüngste Ausblick zeigt.

So soll das Ergebnis in diesem Jahr mehr als doppelt so stark zulegen wie 2020. Der Umsatz soll auf über 320 Millionen Euro anwachsen, dank zweier neu ans Netz angeschlossener Solarparks in Spanien mit einer maximalen Produktionskapazität von jeweils 200 und 300 Megawatt. Die regelmäßigen Einnahmen, die ein solches Geschäftsmodell erzeugt, sind auch anderen Unternehmern nicht entgangen.

Steht mit BEE ein neuer Börsengang bevor?

So entschlossen sich vor fünf Jahren ein Dutzend Encavis-Manager, ihre eigene Firma zu gründen. Mit finanzieller Hilfe der Unternehmerfamilie Wacker (Wacker Chemie) und der ehemaligen Verlegerfamilie Jahr entstand der Wind- und Solarparkbetreiber Blue Elephant Energy (BEE). Das Unternehmen steuert Anlagen mit einer Leistung von zusammen 1,1 Gigawatt. Projekte in einer ähnlichen Größenordnung sind in Planung. BEE kam im vergangenen Jahr mit gut 80 Millionen Euro Umsatz auf ein operatives Ergebnis (Ebitda) von mehr als 60 Millionen Euro.

Wegen der ungewöhnlich hohen Marge sowie den Wachstumsaussichten der Branche wird inzwischen sogar über einen Börsengang der Hamburger spekuliert. Dabei könne das Unternehmen 150 Millionen Euro einnehmen, berichteten Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Danach könnte die Emission noch in diesem Sommer, möglichst im Juli, umgesetzt werden. Das Unternehmen äußert sich nicht zu den Spekulationen. Firmenchef Felix Goedhart wird aber von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" mit den Worten zitiert: "Unsere operative Gewinnmarge von 74 Prozent bei niedrigem Risiko dürfte für Investoren interessant sein."

Solarstrom aus Mecklenburg für VW

Der Klimaschutz und das Ziel der EU-Kommission, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen, erzeugt immer mehr Allianzen zwischen unterschiedlichsten Firmen. So hat der Hamburger Vermögensverwalter Luxcara einen Solarpark in Mecklenburg erworben, und den Energieriesen RWE mit der Vermarktung beauftragt. RWE wird den Autobauer Volkswagen ab nächstem Jahr mit Strom beliefern. Die Anlage hat eine Gesamtkapazität von 170 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr, was sie zu einer der größten Solarprojekte in Deutschland macht.