Mittschiff der "Global Dream" (Archivbild) | dpa

Fehlende Aufträge Schiffbau in der Existenzkrise

Stand: 04.05.2021 16:26 Uhr

Die Corona-Krise hat die deutsche Werftindustrie hart getroffen. Der Bau von Kreuzfahrtschiffen sorgte jahrelang für einen Boom, nun ist das Geschäft eingebrochen. Dazu kommt die Konkurrenz aus Asien.

Der deutsche Schiffbau steckt mitten in einer Existenzkrise. Im internationalen Vergleich sind deutsche Werften technologisch an der Spitze, hochspezialisiert und vergleichsweise klein. Unternehmen wie etwa die Papenburger Meyer Werft, die MV Werften mit Sitz in Wismar oder die Bremer Fr. Lürssen Werft haben sich lukrative Nischen erobert.  

Während Meyer, der größte deutsche Schiffbauer, sich ebenso wie die MV Werften auf den höchst anspruchsvollen Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisiert hat, baut Lürssen erfolgreich Luxusyachten und Marineschiffe.

Werften hängen an der Kreuzfahrtbranche   

Aber die Pandemie bringt das Geschäftsmodell ins Wanken. Denn die Kreuzfahrtindustrie gehört zu den von der Corona-Krise besonders hart getroffenen Branchen. Tausende Arbeitsplätze und viele Standorte sind mittlerweile gefährdet, denn der Bau von Kreuzfahrtschiffen ist für rund drei Viertel des zivilen Schiffbaus hierzulande und in Europa verantwortlich.

Wegen der weltweiten Lockdowns hatten die großen Kreuzfahrtreedereien im vergangenen Jahr mit zweistelligen Milliardenverlusten zu kämpfen. Die Bestellungen für neue Schiffe blieben daher aus. Mit neuen Bestellungen in signifikantem Umfang sei vor 2024 nicht zu rechnen, heißt es im heute publizierten Jahresbericht des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM).  

Die Folgen für die Auftragslage sind dramatisch. Laut VSM schrumpften die Auftragseingänge deutscher Seeschiffswerften 2020 auf 0,9 Milliarden Euro. Das ist ein Minus von rund 80 Prozent gegenüber den Jahren vor der Pandemie, so der Verband.

Schwindende Marktanteile

Allerdings ist es nicht allein der durch die Coronakrise verursachte Nachfrageeinbruch, der den deutschen Schiffbauern zu schaffen macht. Auch die Konkurrenz aus China und Asien bedroht die hiesige Industrie. "Als deutscher Mittelständler können Sie gegen strategisches Handeln des chinesischen Staates nicht ankommen", mahnte VSM-Präsident Harald Fassmer bei der Vorstellung des Jahresberichts. Mit den bisherigen Rahmenbedingungen drohe der Verlust wichtiger Schiffbau-Fähigkeiten.

Mittlerweile gehe es um mehr als um die Überbrückung fehlender Nachfrage infolge der Coronakrise, meint auch der Chef der Papenburger Meyer Werft, Bernard Meyer. Der europäische Schiffbau verliere bereits seit Jahrzehnten Marktanteile "aufgrund von massiven Subventionen und Marktverzerrungen" vorwiegend an chinesische Wettbewerber.

"Deshalb geht es inzwischen um die Frage, ob in Deutschland und Europa in zehn Jahren überhaupt noch zivile Schiffbauindustrie in nennenswertem Umfang bestehen kann", warnt Meyer.  

"Maritimer Standort bedroht"  

Die Politik ist längst auf das Thema aufmerksam geworden. "Aggressiv auftretende Wettbewerber aus Asien bedrohen nicht nur den maritimen Standort Deutschland, sondern Europa insgesamt", hatte das Wirtschaftsministerium im neuen Bericht zur Lage der maritimen Wirtschaft festgestellt, der im März dieses Jahres veröffentlicht wurde.

Durch die chinesische Strategie der Spitzensubventionierung drohten gerade im Marktsegment Kreuzfahrtschiffe Überkapazitäten - wie früher schon bei Fracht-, Container- oder Tankerschiffen, heißt es darin weiter.

Die Bundesregierung hatte im Juni 2020 ein Konjunkturprogramm zur Milderung der Corona-Folgen für die maritime Industrie beschlossen und eine Milliarde Euro für Schiffbau und Schifffahrt in Deutschland bereitgestellt. Seit dem vergangenen Jahr gilt der Schiffbau als nationale Schlüsselindustrie.    

Es geht um Zehntausende Jobs

Zwischen Emden im Westen und Wolgast im Osten zählten die 60 größeren Werften 2019 noch 20.300 Beschäftigte. Mit Zulieferern bietet die Branche etwa 200.000 Arbeitsplätze. Neben dem Bau neuer Schiffe zählen Wartung, Reparaturen und Umbauten zum Geschäft. Die maritime Wirtschaft gehört laut Bundeswirtschaftsministerium mit einem jährlichen Umsatzvolumen von rund 50 Milliarden Euro zu den wichtigen Wirtschaftszweigen in Deutschland.  

Auf der kommenden 12. Nationalen Maritimen Konferenz, die am 10. und 11. Mai in Rostock stattfindet, wird über die Zukunft der Branche verhandelt werden. Zu der Konferenz wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet.

Der IG-Metall-Bezirksleiter Küste, Daniel Friedrich, wünscht sich dort ein "klares Signal". Es müssten "konkrete Maßnahmen zum Schutz der Arbeitsplätze und Standorte" auf den Weg gebracht werden, fordert Friedrich.

Über dieses Thema berichtete NDR 90,3 aktuell am 04. Mai 2021 um 14:00 Uhr.