Tschechien, Ostrava: Sauerstoffflaschen bei dem Hersteller Vítkovice Cylinders. | dpa
Hintergrund

Versorgung von Covid-Patienten Das Geschäft mit dem Sauerstoff

Stand: 07.05.2021 18:47 Uhr

Nicht nur Indien leidet in der Pandemie unter einem Mangel an Sauerstoffflaschen. Wie funktioniert der Markt - und warum wird in der Krise nicht einfach mehr davon produziert?

Von Victor Gojdka, ARD-Börsenstudio

Neben Börsenkursen und Goldpreisen drucken indische Zeitungen jetzt auch die Lieferstatistiken für Sauerstoff: Mehrere Hundert Dollar zahlen manche Landsleute für größere Sauerstoffflaschen - zehn Mal so viel wie in normalen Zeiten. Und doch reicht es oft immer noch nicht, wie dieser Klinikleiter vor einigen Tagen auf Twitter berichtete:

Wir haben nicht genug Sauerstoff, um unsere Patienten für die kommenden zwei Stunden zu halten. Wir versuchen es seit 4.30 Uhr in der Frühe - und kriegen ihn doch nirgendwo.

Es wirkt fast perfide, dass Sauerstoff - frei verfügbar in der Luft - zur kostbaren Ware geworden ist. Manche sagen: Da wird aus Luft Geld gemacht. Aber in Wirklichkeit ist es komplizierter. Man braucht dafür riesige und teure Produktionsanlagen. "Man nutzt Elektrizität, um die Luft flüssig zu machen", sagt Industriegasexperte Stephen B. Harrison von der Beratungsgesellschaft SBH4. "Und dann kann die Luft in ihre Bestandteile wie Stickstoff und Sauerstoff geteilt werden. Und die werden dann gelagert oder verteilt, wie man es eben braucht."

Sauerstoff-Pipelines für die Industrie

Am Ende landet der fertig getrennte Sauerstoff längst nicht nur auf den Intensivstationen zur Beatmung. Auch die Schwerindustrie braucht das geruchslose Gas: Keine Stahlproduktion kommt ohne aus. Durch Nordrhein-Westfalen ziehen sich sogar ganze Sauerstoff-Pipelines für die Industrie. Einer der größten Spieler im Geschäft ist der Industriegase-Konzern Linde mit deutschem Sitz bei München.

"Das Sauerstoffgeschäft bei großen Industriegase-Konzerne wie Linde oder Air Liquide steht wohl für so rund 20 Prozent des Umsatzes oder des Gewinns", sagt Gase-Experte Stephen B. Harrison. "Weltweit ist Linde der größte Industriegase-Lieferant. Sie können Industriegase in viele, viele Länder liefern."

Eins zu eins dasselbe sind Gesundheits-Sauerstoff und die Industrievariante aber nicht. Chemisch ist die Formel zwar gleich, aber beim Sauerstoff für die Beatmung komme es auf die Feinheiten an, sagt Werner Marcisch, der Geschäftsführer des Industriegase-Verbands: "Klar, es wird aus der Luft der Sauerstoff hergestellt. Aber Sie müssen bestimmte Qualitätskriterien einhalten, die das Arzneimittelgesetz vorschreibt. Was keiner weiß: Das ist ein Arzneimittel." Es dürfen nur ganz wenige Fremdstoffe darin enthalten sein. Darauf legten auch die Behörden ein großes Augenmerk.

Probleme in der Logistik

Insgesamt 57 große Produktionsanlagen für Sauerstoff gibt es allein in Deutschland. Knapp ist der wichtige Stoff hierzulande also nicht. Und selbst in Indien reicht die Sauerstoffproduktion eigentlich aus. Was fehlt, sind eher Spezial-Lastwagen und Sauerstoff-Flaschen für den Transport. Der Geschäftsführer des Industriegase-Verbands verweist auf auf die indische Politik.

"Die haben schon vor vier Monaten gesagt: Sie haben alles im Griff. Sie haben gar nichts im Griff gehabt", so Marcisch. "Das wurde einfach ignoriert." Nun gebe es Hilfslieferungen auch aus Deutschland, doch selbst die reichten nicht aus. "Das ist einfach stark unterschätzt worden."

Über die aktuell hohe Nachfrage nach Sauerstoff will sich in der Industrie allerdings niemand freuen. Eigentlich, sagen die Sauerstoffexperten, hofften alle, dass im kommenden Jahr weniger Sauerstoff gebraucht wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft am Mittag" am 06. Mai 2021 um 13:44 Uhr.