Erdölraffinerie PCK in Schwedt  | picture alliance/dpa/dpa-Zentral
Hintergrund

Staatlicher Energie-Lieferant Wer hinter Rosneft steckt

Stand: 20.05.2022 15:56 Uhr

Der russische Ölkonzern Rosneft gehört zu den größten Energieunternehmen der Welt. Sein Aufstieg ist eng mit dem von Kreml-Herrscher Putin verbunden. Welche Position hat er im deutschen Energiemarkt? Ein Überblick.

Nach heftiger und wochenlanger Kritik verlässt der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder den Aufsichtsrat beim russischen Ölkonzern Rosneft. Zuvor hatte sich das Europaparlament für EU-Sanktionen gegen den SPD-Politiker ausgesprochen. Zudem beschloss der Haushaltsausschusses im Bundestag, dass Schröder sein Parlamentsbüro und Mitarbeiter verlieren soll. Aber auch die starke Position des Unternehmens Rosneft im deutschen Energiemarkt ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine zunehmend in den Fokus gerückt, zumal Deutschland unabhängig werden will von Energielieferungen aus Russland.

An drei Raffinerien in Deutschland beteiligt

Rosneft ist ein russischer Staatskonzern und nach eigenen Angaben bezogen auf die "Produktion flüssiger Kohlenwasserstoffe und Reserven" das größte Öl- und Gasunternehmen der Welt. Der Anteil am globalen Ölmarkt betrage etwa sechs Prozent. Im Bereich der Rohölraffination sei Rosneft russischer Marktführer und verfüge über 13 Raffinerien im Heimatland. Zudem sei der Konzern an fünf Raffinerien im Ausland beteiligt - so auch in Deutschland.

An drei deutschen Raffinerien war Rosneft bis zuletzt beteiligt: in Karlsruhe, im bayerischen Vohburg/Neustadt an der Donau sowie im brandenburgischen Schwedt/Oder. Letztere ist der wichtigste Lieferant für Mineralölerzeugnisse im Raum Berlin-Brandenburg. Die PCK-Raffinerie wurde bislang direkt von Rosneft als Mehrheitseigentümer kontrolliert. Aktuell sind mehr als 1100 Menschen dort beschäftigt. Sie verarbeitet nach eigenen Angaben jährlich zwölf Millionen Tonnen Rohöl und gehört damit zu den größten Verarbeitungsstandorten in Deutschland. Über die Pipeline wird die Bundesrepublik zu 25 Prozent mit Rohöl versorgt. Das Öl kommt seit fast 60 Jahren über die Pipeline "Druschba" (Freundschaft) aus dem 5300 Kilometer entfernten Sibirien.

Bald unter treuhänderischer Verwaltung?

Damit spielt das Unternehmen nicht nur eine wichtige Rolle im globalen Ölgeschäft, sondern bislang auch in Deutschland. Laut der Website von Rosneft Deutschland ist der Staatskonzern hierzulande das drittgrößte Unternehmen in der Mineralölverabreitung. Die verarbeitete Menge umfasse rund 12,5 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr und mache damit mehr als zwölf Prozent der gesamten Verarbeitungskapazität aus. Rosneft habe in den vergangenen drei Jahren rund ein Viertel der deutschen Rohölimporte geliefert. Das Tochterunternehmen Rosneft Deutschland sei dabei sowohl für die Belieferung der Raffinerien als auch für den Vertrieb der Mineralölprodukte verantwortlich.

Allerdings hat die Bundesregierung mit der Novelle des Energiesicherungsgesetzes kürzlich die rechtliche Möglichkeit geschaffen, kritische Energie-Infrastruktur unter treuhänderische Verwaltung des Staates zu stellen. So könnte Rosneft die Kontrolle verlieren etwa über die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt, die für die Versorgung Ostdeutschlands besonders wichtig ist.

Umstrittener Aufstieg unter Setschin

Chef des Rosneft-Konzerns, der 1993 als Aufsicht für mehrere russisch Ölgesellschaften gegründet wurde, ist Igor Setschin. Der 61-Jährige steht seit der Krim-Annexion auf der US-Sanktionsliste und ist seit den 1990er-Jahren enger Vertrauter von Wladimir Putin. Als Vizechef der Präsidentenadministration ordnete er 2003 die Zerschlagung des einst größten Ölkonzerns Yukos an - und dessen Übernahme durch Rosneft. Daraufhin wurde Setschin selbst zum Chef ernannt.

Anschließend stieg Rosneft zu einem der weltgrößten Energiekonzerne auf. 2006 ging der Konzern an die Börse. Als Setschin nach seiner Tätigkeit als Vize-Regierungschef 2008 bis 2012 an die Spitze des Energieriesen zurückkehrte, legte er 55 Milliarden Dollar auf den Tisch, um die damalige Nummer drei der russischen Ölfirmen, TNK-BP, zu kaufen. Danach folgten weitere umstrittene Zukäufe. Im Jahr 2021 erwirtschaftete das Unternehmen Schätzungen zufolge einen Umsatz rund 117 Milliarden US-Dollar.

Darüber hinaus brachte Setschin mithilfe einer Intrige 2016 den russischen Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew zu Fall und später ins Gefängnis. Medienberichten zufolge wird kein anderer Wirtschaftsboss im russischen Fernsehen so oft zusammen mit Putin gezeigt wie der Rosneft-Chef. Wie 25 andere Milliardäre steht Setschin seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf der EU-Sanktionsliste. Anfang März beschlagnahmte der französische Zoll deshalb an der Mittelmeerküste seine Luxusjacht. Die "Amore Vero" ("Wahre Liebe") soll 86 Meter lang sein und mit sieben Luxus-Suiten, einem Kino, Schönheitssalon und einer Garage für Wasserski-Boote ausgestattet sein. Geschätzter Kaufpreis: 120 Millionen Dollar.

Schröder kam 2017 in den Aufsichtsrat

Gerhard Schröder, der 2005 aus dem Kanzleramt ausschied, war Ende September 2017 in den Aufsichtsrat von Rosneft eingetreten. Trotz andauernder Kritik war der heute 78-jährige und langjährige Freund Putins in den Verwaltungsrat des größten russischen Ölkonzerns gewählt worden. Die russische Regierung hatte den ehemaligen SPD-Politiker nominiert, der im Februar auch für einen Posten im Gaskonzern Gazprom kandidierte.

Rosneft-Chef Setschin sagte damals bei der Aktionärsversammlung, Schröder solle dabei helfen, das Europa-Geschäft des Konzerns aufzubauen. Nun teilte dieser mit, es sei ihm unmöglich, das Mandat weiterzuführen. Zuletzt hatte Schröder unter massivem Druck gestanden und war aufgefordert worden, wegen des Ukraine-Kriegs nicht mehr als Öl- und Gaslobbyist für Russland tätig zu sein. Der SPD-Politiker hat außerdem die Pipeline-Projekte Nord Stream und Nord Stream 2 in Führungspositionen begleitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Mai 2022 um 16:00 Uhr.