Hafermilchprodukt der Marke Oatly

Oatly geht an die Börse Das Hafermilch-Imperium aus Schweden

Stand: 20.05.2021 15:52 Uhr

Der Haferdrink-Hersteller Oatly feiert heute sein Börsendebüt. Das schwedische Unternehmen will die Lebensmittelbranche umkrempeln - wie einst Ikea die Möbelindustrie.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Milchalternativen liegen im Trend - auch an der Börse. Die schwedische Haferdrink-Firma Oatly ist dafür der beste Beweis. Bei ihrem heutigen Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq wird sie mit zehn Milliarden Dollar bewertet. Das ist eine Bewertung, wie sie sonst nur Tech-Firmen erreichen.

Mit dem Börsengang erlebt das Unternehmen mit Sitz in Malmö eine massive Wertsteigerung. Bei seiner letzten Finanzierungsrunde im Juli 2020, die maßgeblich vom Finanzinvestor Blackstone gestemmt wurde, war es noch mit rund zwei Milliarden Dollar bewertet worden.

Prominente Investoren - von Oprah bis Jay Z

Der größte Haferdrink-Hersteller der Welt hatte am Mittwoch mitgeteilt, der Ausgabepreis pro Anteilsschein liege am oberen Ende der Zeichnungsspanne bei 17 Dollar. Auch nach dem Börsengang bleibt Verlinvest, die Beteiligungsfirma der Eigentümerfamilie des Brauereiriesen Anheuser-Busch Inbev, der größte Aktionär.

Wenn auch nicht sein prominentester. Um diesen Titel streiten sich Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey, Schauspielerin und Veganismus-Verfechterin Natalie Portman, Ex-Starbucks-Chef Howard Schultz und Rapper Jay Z.

Oprah WInfrey | REUTERS

Oprah Winfrey zählt zu den Oatly-Unterstützern. Bild: REUTERS

Umstrittene Blackstone-Beteiligung

Ein Oatly-Investor schmeckt der veganen Gemeinde allerdings gar nicht: Die Beteiligung des US-Finanzinvestors Blackstone hat in den sozialen Medien einen Shitstorm hervorgerufen. Da die Investmentgesellschaft auch in Unternehmen involviert sein soll, denen Umweltzerstörung vorgeworfen wird, passt sie so gar nicht in das von Oatly gepflegte Weltverbesserer-Image. Hinzu kommt: Blackstone-Chef Stephen Schwarzman ist offener Unterstützer von Klimawandelleugner Donald Trump.

Die Haferdrink-Fans waren erbost. Man habe die Seele des Unternehmens verkauft, schrieben enttäuschte Oatly-Kunden. Ein Twitter-Nutzer schrieb entsetzt: "Wenn ich jetzt an meinem Kaffee nippe, schmecke ich Kapitalismus."

Dynamisches Wachstum

Dem Wachstum des Unternehmens tat das allerdings offensichtlich keinen allzu großen Abbruch: 2020 haben sich die Oatly-Umsätze laut Börsenprospekt weltweit mehr als verdoppelt auf 421 Millionen Dollar. Besonders dynamisch aufwärts ging es zuletzt in den USA (plus 182 Prozent) und Deutschland (plus 199 Prozent).

Unterm Strich schreibt das Unternehmen allerdings weiterhin rote Zahlen. 2020 fiel ein Nettoverlust von 60,4 Millionen Dollar an - nach 35,6 Millionen Dollar im Jahr zuvor. Das ist bei expandierenden jungen Unternehmen jedoch keine Seltenheit.

Hohe Nachfrage der Starbucks-Kunden

Im laufenden Jahr dürfte Oatly Experten zufolge nochmals einen Wachstumsschub erhalten. Dafür könnte auch die Allianz mit Starbucks sorgen: Seit März wird Oatly in allen US-Läden der Kaffeehauskette als pflanzliche Alternative zu Milch im Kaffee angeboten.

Doch schon einen Monat später wurde der Oatly-Haferdrink in vielen Starbucks-Filialen knapp. Aufgrund der hohen Nachfrage der Kunden sei es zu einem vorübergehenden Mangel gekommen, erklärte ein Starbucks-Sprecher gegenüber CNN.

Milliardenmarkt Pflanzenmilch

Dabei steht Oatly für mehr als nur den Haferdrink; das Unternehmen vertreibt auch Hafer-Joghurts, Hafer-Sahne, vegane Ersatzprodukte für Frischkäse und Joghurt und sogar ein veganes Eis. Mit seinen Produkten schwimmt Oatly auf der veganen Welle ganz oben mit. Mit einem Marktanteil von über 30 Prozent sind die Schweden weltweiter Marktführer für Haferdrinks.

Schon heute ist Pflanzenmilch - also Milchersatz aus Soja, Hafer, Mandel, Cashew, Kokosnuss oder Erbsen - ein Milliardenmarkt, deutlich größer als der für veganes Fleisch. Hierzulande stammt bereits heute jeder zehnte Liter Milch aus Ersatzprodukten. Allein in der EU und Großbritannien soll sich der Umsatz einer ING-Studie zufolge von 2020 bis 2025 von 3,4 auf 5,0 Milliarden Euro erhöhen. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group prognostiziert für 2035 eine Verfünffachung des globalen Absatzes veganer Milchprodukte auf 54 Millionen Tonnen.

"Wir sind mitten in einer pflanzlichen Revolution", sagte Oatly-Chef Toni Petersson dem "Handelsblatt". Petersson sieht vor allem die junge "Generation Z" als Wachstumstreiber.

Kampfansage an die Milchindustrie

Das Unternehmen wirbt mit seinem Fokus auf Nachhaltigkeit - und legt sich dafür auch gerne mal mit der traditionellen Milchindustrie an. Davon zeugt nicht allein der Werbeslogan "Wow - no cow". Firmenchef Toni Petersson lässt keine Gelegenheit aus, um darauf hinzuweisen, wie unnatürlich es doch sei, dass der Mensch Kuhmilch trinkt.

Eine Kampfansage an die Milchindustrie ist auch der CO2-Fußabdruck, den Oatly auf seinen Produkten zum Teil ausweist. So werden bei der Herstellung des Haferdrinks 0,29 Kilogramm CO2 oder ähnliche Treibhausgase pro Kilogramm emittiert. Bei der "Barista-Edition", die sich besser aufschäumen lässt, sind es 0,42 Kilogramm. Kuhmilch hat hingegen einen CO2-Fußabdruck von 0,94 Kilogramm und schneidet somit in der Klimabilanz deutlich schlechter ab.

Oatly CEO Toni Petersson

Legt sich gerne mit der Milchindustrie an: Oatly-Chef Toni Petersson.

Die Entdeckung der Hafermilch

Auch wenn der vegane Lifestyle erst in den vergangenen Jahren populär geworden ist: Die Unternehmensgeschichte von Oatly reicht viel weiter zurück - bis 1994. Damals riefen der Forscher Rickard Öste und sein Bruder Björn die Vorgängerfirma Ceba Foods AB ins Leben. Zuvor hatte Rickard Öste an der Universität Lund ein Enzym entwickelt, das Hafer spaltet und in eine milchige Flüssigkeit verwandelt.

Der Pflanzentrend hatte zuletzt auch die Börse erobert. Reine Vegan-Aktien sind aber immer noch eine Rarität. Bislang hatte der vegane Burgerproduzent Beyond Meat den Status als einziges börsennotiertes Unternehmen mit reinem Veggie-Sortiment inne. Die Performance von Beyond Meat kann sich sehen lassen: Aktuell notiert das Papier 240 Prozent über seinem Ausgabepreis. Auch daran wird sich Oatly einmal messen lassen müssen.

Indiz für die Börsen-Verfassung

Der Börsengang des schwedischen Konzerns gilt nicht zuletzt als Gradmesser für die Verfassung des amerikanischen Aktienmarkts. Zuletzt hatten der Hypothekenversicherer Enact Holdings und der Hörgeräte-Hersteller Hear.com ihre Börsenpläne zurückgezogen. Das nährte Spekulationen, dass der Markt nicht mehr aufnahmefähig sei und sich der seit März 2020 andauernde Börsenhöhenflug seinem Ende nähern könnte.