Models präsentieren auf der Fashion Week in Berlin Kreationen von Anja Gockel | REUTERS

Textil-Trends in der Pandemie Mode für Homeoffice und Internet

Stand: 20.01.2021 11:02 Uhr

Corona hat die Modeindustrie in eine tiefe Krise gestürzt. Auf der Berliner Fashion Week zeigen Designer, warum darin auch eine Chance liegen kann. Die Branche verändert sich wie lange nicht mehr.

Von Ingrid Bertram, WDR

Eigentlich würde jetzt im Kraftwerk in Berlin an der Köpenicker Straße ein ausgewähltes Publikum von Modekritikern, Promis und Superreichen dicht an dicht sitzen. Ihre Handys filmen im Dunkeln die Models, die im 20-Minuten-Takt die neuesten Trends präsentieren.

In diesem Jahr ist es anders: Alle können zusehen. Die Berliner Fashion Week ist ein rein digitales Event, und jeder kann die Streams zu Hause verfolgen - und damit jeder potenzielle Käufer. Das kann die Modewelt nachhaltig verändern.

Lässig statt mondän

Designerin Anja Gockel bereitet wie zu jeder Fashion Week ihre Show im Hotel Adlon vor: dieses Jahr ohne Publikum und mit mehr Platz in der Lobby des Nobelhotels. Sie verzichtet auf professionelle Models, lässt stattdessen Performance-Künstler, Tänzer und Luftakrobaten ihre Kollektion präsentieren.

Ihre Mode ist deutlich lässiger geworden: Die Modeschöpferin aus Mainz ist eigentlich bekannt für betont feminine Mode mit aufwändigen Roben. Jetzt wählt sie zurückhaltende Farben, bequem statt mondän, alles etwas mehr auf den Hausgebrauch abgestimmt.

Mode aus der neuen Kollektion von Designerin Anja Gockel | Paul-Henri Pesquet

Sofa-Nutzer als Zielgruppe: Mit ihrer neuen Kollektion setzt Designerin Anja Gockel voll auf Bequemlichkeit. Bild: Paul-Henri Pesquet

Wer braucht noch Business-Hemden?

Tatsächlich ist die "Leisure-Mode" - Hoodie, Jogginghose, Sneakers - spätestens mit dem Homeoffice salonfähig geworden. Die Absätze gingen in dem Segment deutlich nach oben, Business-Hemden wurden zu Ladenhütern. Der Wandel in der Branche geht aber deutlich weiter. "In der Modewelt ist die Hölle los", sagt Gockel. Die Kollektionen könnten nicht verkauft werden, die Hilfen vom Staat kämen nicht an.

Es ist Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen, sagt die Designerin. Und zwar: Was genau will der Kunde? Vielleicht mehr auf sich achten? Und wie erreicht man ihn, wenn der Handel geschlossen hat? Die Online-Shows liefern eine Antwort. Immerhin habe die vergangene Show von Gockel nach deren Angaben etliche Millionen User geklickt.

Kollektionen ohne Testläufe

An einen radikalen Wandel glauben auch die Macher des Branchentreffens "202030 The Berlin Fashion Summit", Max Gilgenmann und Magdalena Schaffrin. Vor Corona wurden Jahr für Jahr ein Drittel der Kleider in der Modebranche über den Bedarf produziert.

Mit der Pandemie hätten sich Unmengen an Kleiderbergen angehäuft, da mehr als die Hälfte im stationären Handel verkauft wird. Jetzt sei ein Umdenken spürbar. Die Kollektionen würden zunehmend komplett digital entworfen und produziert, ohne Testläufe und unnötige Anfertigungen, weil die Reise zu den Produktionsstätten in Bangladesch oder Indien nicht mehr möglich ist.

Magdalena Schaffrin, Max Gilgenmann | Dominique Mahmoud

Magdalena Schaffrin und Max Gilgenmann sehen einen Wandel in der Branche: Mode werde künftig stärker nach Bedarf produziert. Bild: Dominique Mahmoud

3D-Mode für den Auftritt im Netz

Wirklich deutlich wird der Umbruch bei rein virtuellen Kollektionen. Das Label TRASHYMUSE aus Berlin hat sich darauf spezialisiert, Designermode in 3D für Avatare anzubieten. Tatsächlich bieten bereits Brands wie Louis Vuitton, Gucci, Nike oder Buffalos bei Computerspielen für Online-Spieler Designer-Outfits an - und zwar nicht zum Selbstkostenpreis.

TRASHYMUSE will die Idee unabhängig vom Gaming in die Modewelt bringen. In ihrem Online-Shop wollen sie in Kürze virtuelle Mode zwischen 15 und 500 Euro anbieten, um damit Fotos von Kunden für ihren Auftritt im Netz einzukleiden: etwa mit hautengen Roben, durchsichtigen Jumpsuits oder filigranem Kopfschmuck, alles auf den eigenen digitalen Körper maßgeschneidert.

Schließlich sei es ja vielen mittlerweile egal, wie sie sich zu Hause kleiden, erklären die Gründerinnen Carina Bucspun und Ann-Britt Dittmar. "Für die jungen Generationen zählt immer mehr ihr digitales Image und weniger das reale." Und umweltbewusst ist es auch noch: Bei der virtuellen Mode fällt die gesamte Produktionskette weg. Nachhaltiger geht es kaum.

Über dieses Thema berichtete NDR Kultur am 20. Januar 09.12.2020 um 10:23 Uhr.