Das LNG-Bunker-Schiff "Kairos" läuft den Hafen von Hamburg an | dpa

Bremse für Dekarbonisierung US-Exporteure profitieren von Gaskrise

Stand: 27.09.2021 13:33 Uhr

US-Gasexporteure sehen die explodierenden Preise als fantastische Geschäftschance. Viele wollen frische Kapazitäten schaffen, um von der globalen Knappheit zu profitieren. Zur Umweltpolitik des neuen US-Präsidenten passt das aber nicht.

In den USA rechnen viele Exporteure von Liquified Natural Gas (LNG) mit goldenen Zeiten. Die Preisexplosion an den Gasmärkten der Welt und die Gasknappheit in Asien und Europa könnte der Branche zu glänzenden Geschäften verhelfen.

In Asien etwa ist die Nachfrage nach Gas aufgrund der anziehenden Weltkonjunktur exorbitant gestiegen. Und in Europa steigen die Großhandelspreise seit Monaten steil an, was längst auch zu deutlich höheren Preisen für die Verbraucher führt. An den Spotmärkten, das sind die Märkte, an denen Gas kurzfristig zur sofortigen Lieferung gehandelt wird, haben sich die Preise für Erdgas seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Extrem ist die Lage in Großbritannien, wo die Gaspreise seit Jahresbeginn um 250 Prozent geklettert sind.

Vom Boom profitieren

Deshalb planen die Hersteller, ihre Kapazitäten in den USA massiv zu erhöhen, um vom Boom auf den Weltmärkten zu profitieren und den gigantischen Bedarf zu stillen. Das sogenannte LNG eignet sich besonders gut für den Export, weil es aufgrund der hohen Energiedichte auf verhältnismäßig kleinem Raum mit Tankschiffen über die Ozeane transportiert werden kann.    

Bereits in der ersten Hälfte des laufenden Jahres waren die Gasexporte in den USA nach Angaben der U.S-Energy Information Administration (EIA) um 42 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr hatten die Unternehmen noch erheblich unter der Corona-Krise gelitten. Für die gasproduzierende Industrie sind das nun Verdienst- und Geschäftschancen, die sie unbedingt nutzen will.

Allerdings gerät dies in Konflikt mit der Politik der Dekarbonisierung mit der sich US-Präsident Joe Biden der Öffentlichkeit als großer Verfechter des Umwelt- und Klimaschutz präsentiert hat.

LNG first, Dekarbonisierung später?

Um das Ziel Bidens zu erreichen, müsste man also die Kapazitäten senken, da Gas zu den fossilen Brennstoffen gehört. Tatsächlich dürfte Experten zufolge das Gegenteil passieren: Amber McCullagh, Direktor bei der Energie-Beratungsfirma Enverus, sagte der "Financial Times" (FT), er erwarte, dass in den kommenden zwei oder drei Jahren etwa fünf neue Projekte grünes Licht bekämen. Dazu gehörten aber auch Erweiterungen bereits bestehender Werke, so McCullagh. Die Exportkapazitäten verdoppelten sich, wenn alle tatsächlich ausgeführt würden.

Hilfreich ist, dass sich die Dekarbonisierungsvorgaben flexibel interpretieren lassen. Für John Kerry, Sonderbeauftragter des Präsidenten für den Klimaschutz, ist Gas zwar auf keinen Fall eine Langzeitlösung für das Klimaproblem, da es ebenfalls CO2 produziert. Es könne aber zunächst noch schmutzigere Kohlekraftwerke ersetzen. So sieht das auch Energieminsterin Jennifer Granholm, die unterstreicht, dass LNG aus den USA insbesondere in Asien diese wichtige Rolle spielen könne.

Doch lieber Windenergie?

Wenn das Geschäft stimmt, wären also Auswege aus diesem Dilemma für Politiker argumentativ vertretbar. Aber sicher ist das keineswegs. Denn bis die Kapazitäten aufgebaut sind, könnte sich die Lage an den dynamischen Weltmärkten längst wieder verändert haben. Fachleute weisen deshalb darauf hin, dass die Investitionen ausgesprochen teuer sind, während es letztlich unklar ist, ob sie sich jemals rechnen werden. Hinzu komme, dass das Momentum dagegen spreche, da die Welt die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ja gerade reduzieren wolle.

Die Investoren werden also sehr genau prüfen, ob sie für ihre Investitionen in die Erschließung neuer Kapazitäten mit einer für sie angemessenen Rendite rechnen dürfen, oder ob Solar- und Windenergie letztlich zukunftsträchtiger und vor allem lukrativer sind.