Eine Muttersau liegt mit ihren Ferkeln im Stall des Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp in Schleswig-Holstein. | picture alliance/dpa

Landwirtschaft Ausstiegsprämie für Schweinebauern?

Stand: 13.12.2021 08:45 Uhr

Der Schweinepreis ist im Keller, Fleischproduktion in der Kritik. Viele Landwirte erwägen, ihren Betrieb aufzugeben. Forderungen nach Ausstiegsprämien werden laut - doch ihr Nutzen könnte begrenzt sein.

Von Birgit Fürst, BR

Rosige kleine Ferkel säugen an den Zitzen der Muttersau. Landwirt Manfred Aue nimmt eins in die Hand, überprüft, ob es gesund ist, streichelt es und setzt es gefühlvoll wieder zurück zur Muttersau. Sein Betrieb in Fürstenzell bei Passau mit insgesamt 3000 Mastsauen, Ferkeln und Zuchtsauen ist ein Vorzeigebetrieb, einer der modernsten seiner Art in Bayern. Trotzdem macht der 48-jährige Landwirt jeden Tag Minus. 30 Euro bekommt er für ein kleines Ferkel, das er an einen Mäster verkauft. 50 Euro aber bräuchte er, um seine Kosten zu decken. Bei 10.000 Ferkeln pro Jahr macht das 200.000 Euro Minus pro Jahr.

Zukunftsprämie statt Ausstiegsprämie

Angesichts dieser katastrophalen Situation haben der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband und das Landvolk Niedersachsen im Oktober 2021 staatliche Hilfen für Betriebe gefordert, die diesen Betriebszweig aufgeben. Derartige Prämien gibt es in den Niederlanden für Gebiete, in denen die Umwelt durch einen zu hohen Tierbestand belastet ist. 300 Euro bekommen die Schweinehalter dort pro Mastschwein und 3000 Euro pro Zuchtsau, die verschwindet.

Der niederbayerische Landwirt Aue will von einer solchen Ausstiegsprämie nichts wissen. Er fordert, dass das Geld für eine mögliche Ausstiegsprämie lieber als Zukunftsprämie an Landwirte gehen soll, die weitermachen und investieren wollen. Für Umbauten für mehr Tierwohl beispielsweise sollte es seiner Meinung nach Zuschüsse geben.

Pläne für den Stallumbau hat er bereits in seinem Computer, aber ob er sie umsetzen kann, ist angesichts der finanziellen Lage fraglich. Aufgrund der neuen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung müsste er allein für die Neugestaltung des Zuchtsauenbereichs 2,5 Millionen Euro investieren. Einen solchen Schuldenberg will Aue seinen drei Töchtern nicht hinterlassen.

Mitnahmeeffekte, aber keine Marktentlastung

Laut einer Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) unter über 1000 Schweinehaltern in Deutschland wollen 60 Prozent der Sauenhalter und 40 Prozent der Schweinemäster in den nächsten zehn Jahren aus der Produktion aussteigen. Hauptgründe: die Summe der Auflagen, der fehlende Rückhalt in der Gesellschaft, die Perspektivlosigkeit.

Denen, die aufhören wollen, käme eine Ausstiegsprämie gelegen. Doch das hätte Mitnahmeeffekte zur Folge und würde für die Schweinepreise gar nichts bringen, meint Norbert Schneider, der bei der Landesanstalt für Landwirtschaft zuständig ist für die Ökonomik der Schweineproduktion. Er ist davon überzeugt, dass die Menge an Ferkeln und Schweinen, die weniger produziert würde, schnell durch Importe ausgeglichen würde.

Ausstiegsprämien in der Vergangenheit ohne Effekt

Das hat sich bereits in der Vergangenheit gezeigt. So gab es in den 1970er-Jahren eine Abschlachtprämie für Milchvieh zur Reduzierung des sogenannten Butterbergs. 732 Deutsche Mark gab es damals pro Kuh, für maximal zehn Kühe pro Betrieb. Auch diese Prämie haben damals vor allem die Bauern in Anspruch genommen, die sowieso aufgehört hätten. Die kontinuierliche Steigerung der Milchleistung bei den Kühen glich die geringere Zahl an Tieren aber schnell wieder aus.

Eine Studie der Universität Kiel hat ergeben, dass sich 60 Prozent der Schweinehalter einen bezahlten Ausstieg aus der Schweinehaltung vorstellen können. Der Ausstiegswille hängt allerdings davon ab, wie hoch die Ausgleichszahlungen wären und ob die stillgelegten Ställe abgerissen werden müssten.

Absatzprobleme am Weltmarkt

Ferkel- und Schweinepreise sind seit mehr als einem Jahr im Keller, unter anderem wegen der Afrikanischen Schweinepest und den daraus folgenden Exportbeschränkungen für deutsches Schweinefleisch. Gleichzeitig hat China, bisher ein Importland, die Eigenproduktion ausgeweitet. Länder wie Dänemark oder Spanien liefern jetzt nicht mehr nach China, sondern verstärkt nach Deutschland.

Die globale Konkurrenz macht den deutschen Schweinebauern zu schaffen. Für Landwirt Aue ist es ein Problem, dass er als vergleichsweise kleiner Ferkelerzeugerbetrieb auf dem Weltmarkt mithalten muss, aber in anderen Ländern weniger hohe Standards gelten - beispielsweise bei Abgaben, Auflagen, Arbeitsschutz oder Tierwohl. Seit fünf Jahren geht die Zahl der Schweinehalter in Deutschland zurück.

Fünfmal Deutschland bei Discountern

Aldi, die Rewe-Gruppe und Kaufland haben angekündigt, ab 2022 bei Schweinefrischfleisch konsequent auf das Prinzip "5xD" umzustellen; das bedeutet: Geburt, Aufzucht, Mast, Schlachtung und Verarbeitung muss in Deutschland geschehen. Das klingt erstmal gut und ist ein Signal für deutsche Ferkelerzeuger und Schweinemäster. Allerdings macht Frischfleisch weniger als ein Drittel des verkauften Fleisches aus. Zwei Drittel stecken in Wurst und Verarbeitungsware - und da wird auch in Zukunft nicht gekennzeichnet, wo das Fleisch herkommt.

Nur der Discounter Lidl macht eine Ausnahme: Ab Anfang 2022 soll sowohl bei Frischfleisch wie auch bei Verarbeitungsware "5xD" gelten. Laut der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands müssten die restlichen Lebensmittelhändler nachziehen, und die verarbeitete Ware müsste schnell hinterherkommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Dezember 2021 um 17:22 Uhr.