Brillenträger mit FFP2-Maske | dpa

Homeoffice und Homeschooling Kurzsichtigkeit als Corona-Folge?

Stand: 08.02.2021 14:54 Uhr

Menschen starren immer länger auf Smartphone und Rechner, die Kinder kleben jetzt auch noch beim Homeschooling vor dem Computer. Darunter leiden die Augen: Kurzsichtigkeit ist für viele Unternehmen ein gutes Geschäft.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Die Corona-Pandemie dürfte spürbare Auswirkungen auf die Gesundheit der Augen haben. Wissenschaftler weisen bereits längerem darauf hin, dass die vermehrte Arbeit am Bildschirm negative Folgen haben wird und zu steigender Kurzsichtigkeit führen kann. Und in den aktuellen Zeiten von Homeoffice und Homeschooling wird sich das Problem verschärfen.

Menschen, die auf Bildschirme starren

Vor allem Kinder und Jugendliche werden immer früher zu Kunden der Optiker und Patienten der Augenärzte, denn die Zeit, die sie vor dem Bildschirm oder dem Smartphone verbringen, wächst. Das hat auch mit der aktuellen Corona-Krise zu tun. Die aktuelle JIM-Studie aus dem Jahr 2020, die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest als Kooperation der Landesmedienanstalten Baden-Württemberg (LFK) und Rheinland-Pfalz (LMK), gemeinsam mit dem SWR durchgeführt wird, zeigt einen signifikant ansteigenden Medienkonsum.

Die tägliche Internetnutzungsdauer von Jugendlichen ist demnach von 205 Minuten im Jahr 2019 auf 258 Minuten im Jahr 2020 gestiegen. Die durchschnittliche Nutzungsdauer von digitalen Spielen kletterte um 40 Minuten auf 121 Minuten. 2020 sehen 87 Prozent regelmäßig Videos auf Streaming-Plattformen (mindestens mehrmals pro Woche), im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 74 Prozent.

Und dann auch noch virtuelle Kurse beim Homeschooling: "Studien zeigen, dass Kurzsichtigkeit zu rund 50 Prozent vom Lebensstil beeinflusst wird", erklärt Bettina Wabbels von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) gegenüber dem BR.

Alarmierende Studie aus China

Das Resultat ist, neben Bewegungsmangel und den damit zusammenhängenden Problemen, auch ansteigende Kurzsichtigkeit. Eine aktuelle chinesische Studie, die im Januar im Fachjournal "JAMA Ophthalmology" veröffentlicht wurde, zeigt einen rasanten Anstieg vor allem bei den Sechsjährigen. Die chinesischen Forscher messen seit 2015 die Sehkraft der Kinder an zehn chinesischen Grundschulen.

"Die Studienergebnisse legen nahe, dass die Ausgangsbeschränkungen während der Pandemie in Verbindung stehen mit dem deutlichen Anstieg der Kurzsichtigkeit gerade bei jüngeren Schulkindern", heißt es dazu von den Wissenschaftlern. Vermutlich seien jüngere Kinder besonders anfällig für Kurzsichtigkeit, lautet die Einschätzung.    

Experten raten deshalb längst dazu, insbesondere auch im Lockdown auf mäßigen Medienkonsum zu achten und immer wieder Bewegungspausen an der frischen Luft einzulegen und bildschirmfreie Zeiten zu beachten.

Balkengrafik: Anteil kurzsichtiger Schüler in Prozent

Chinesische Studie: Anteil kurzsichtiger Schüler.

Die meisten Menschen sind bereits Brillenträger

Nach den Zahlen des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen (ZVA) tragen in Deutschland 41,1 Millionen Erwachsene ab 16 Jahren eine Brille. Der Anteil der Brillenträger wächst kräftig. Im Jahr 1952 lag der Anteil in Westdeutschland bei 43 Prozent, im Jahr 2019 waren es schon 66,6 Prozent. Und wenn man die Zahlen aus China zugrundelegt, wird für Nachwuchs gerade gesorgt.  

Immerhin gelang es dem Verband sowohl im ersten als auch im zweiten Lockdown durchzusetzen, dass Augenoptikbetriebe von den Geschäftsschließungen ausgeschlossen blieben. Trotzdem dürften die Umsätze der Branche coronabedingt im Jahr 2020 zurückgegangen sein. Aktuell kämpft der ZVA um eine Einstufung der Betriebe als systemrelevant.

Sehfehler als Geschäftsmodell  

Für die Unternehmen sind diese bedenkenswerten Nachrichten Geschäftschancen, die es zu wahrzunehmen gilt. Das Geschäftsmodell von Optikerketten wie des börsennotierten Konzerns Fielmann, Mister Spex oder Apollo lebt von der Nachfrage nach Sehhilfen - genauso natürlich wie die kleineren Optiker.

Über einen Börsengang von Mister Spex wird immer wieder spekuliert. Im Dezember wandelte das Management die Rechtsform von einer GmbH zu einer AG, was die Spekulationen weiter antrieb. Um die Investoren für die Aktie zu interessieren, wird Mister Spex das Thema steigende Kurzsichtigkeit vermarkten wollen.

Aber nicht nur das Thema Brillen ist für die Unternehmen von Bedeutung. Mit dem Einsatz einer Intraokularlinse können verschiedene Augenkrankheiten behandelt und auch eine Kurzsichtigkeit korrigiert werden. Mittels eines chirurgischen Eingriffs wird dabei eine künstliche Linse implantiert.

Carl Zeiss Meditec, Augendiagnostik

Augendiagnostik bei Carl Zeiss Meditec.

Carl Zeiss Meditec hat solche Linsen im Angebot. Der Medizintechnikkonzern stellte heute die Bilanz des ersten Quartals vor. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um fast 30 Prozent auf 73 Millionen Euro. Der Umsatz ging hingegen leicht zurück. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet das Management aber damit, dass sich Umsatz und operatives Ergebnis gegenüber dem von der Corona-Pandemie geprägtem Vorjahr erholen. Der rasant steigende Medienkonsum und die Daten aus China zeigen, dass das Geschäft mit Sehhilfen auf eine große Zukunft hoffen darf.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 18. Januar 2021 um 16:30 Uhr.