Mitarbeiter bei der Montage eines Golf 8 im VW-Werk in Wolfsburg | picture alliance/dpa

Fehlende Computerchips Kurzarbeit bei VW und Daimler

Stand: 16.06.2021 10:23 Uhr

Immer wieder stehen in Autowerken die Bänder still - die Hersteller verweisen auf den branchenweiten Chipmangel. Nun trifft es abermals Volkswagen und Daimler. Wann bessert sich die Lage?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Im VW-Stammwerk kommt es in der kommenden Woche zu Arbeitsausfällen. In der Tiguan-, Touran- und Tarraco-Fertigung sowie in der Golf-Fertigung in Spät- und Nachtschicht schalten die Wolfsburger auf Kurzarbeit. In den Daimler-Werken in Bremen und Rastatt ist bereits in dieser Woche Kurzarbeit angesagt. Grund ist einmal mehr der branchenweite Chipmangel.

Unterbrechungen kosten Milliarden

Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass die Knappheit bei Halbleitern die Produktion der Autohersteller ausbremst. Erst Ende Mai kam es bei der VW-Luxustochter Audi an den Standorten Ingolstadt und Neckarsulm zu Produktionsunterbrechungen. Einige Wochen zuvor hatte es BMW erwischt. Auch das Kölner Ford-Werk ist betroffen.

Mit ihren Problemen steht die deutsche Autobranche nicht allein da: So kalkuliert der US-Autoriese Ford dieses Jahr Belastungen von rund 2,5 Milliarden Dollar wegen des Chipmangels ein.

Dabei haben die Probleme der Autobranche Folgen für die gesamte Wirtschaft. Erst heute haben die Forscher des Münchner ifo-Instituts ihre Prognose für das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr von 3,7 auf 3,3 Prozent gesenkt. Zur Begründung verwiesen sie dabei auch auf Engpässe bei der Lieferung von Vorprodukten wie Halbleitern.

Besserung im dritten Quartal?

Bis zu einer Wende zum Besseren könnten noch einige Wochen vergehen. Die Autobranche steuert nach Einschätzung von Experten auf den Tiefpunkt zu. "Wir stehen vor den härtesten sechs Wochen", sagte Murat Aksel, VW-Einkaufsvorstand, jüngst im Interview mit dem "Handelsblatt". Bereits im dritten Quartal dürfte sich die Situation wieder bessern.

Konkurrent Daimler rechnet ebenfalls mit einer Besserung in der zweiten Jahreshälfte. Auch die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) schätzt, dass sich die Lage ab Juli entspannen dürfte.

Rund vier Millionen Autos weniger

Wegen des Chipmangels hätten die Autohersteller weltweit im ersten Quartal 1,4 Millionen Autos weniger produziert, im zweiten Quartal dürften es 1,6 Millionen werden, rechnen die BCG-Experten vor. Für das gesamte Jahr 2021 dürften sich die Ausfälle auf vier bis sechs Millionen Fahrzeuge belaufen.

Die Beratungsfirma Alix Partners in München kommt in einer eigenen Schätzung auf 3,9 Millionen Autos. Dies entspreche einem Wert nicht produzierter Autos von rund 91 Milliarden Euro.

Lehren aus dem Chipmangel

Die Autohersteller haben längst ihre Lehren aus dem Chipmangel gezogen: Sie überprüfen ihre Lieferketten genau und bauen ihre Lagerhaltung nicht nur bei Chips aus. Schließlich sind die Lieferketten auch bei wichtigen Vorprodukten etwa der chemischen Industrie nach über einem Jahr Pandemie ausgedünnt.

Versorgungssicherheit wird plötzlich nach Jahren der "just-in-time"-Zulieferung wieder großgeschrieben. Auch die Chiphersteller steuern kräftig gegen und treiben den Ausbau ihrer Kapazitäten mit Hochdruck voran. In Deutschland könnte künftig die neue Hightech-Chipfabrik von Bosch für regionalen Nachschub sorgen.

Fehleinschätzungen als Ursache

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Woher rührt dieser Chipmangel, der derzeit die Autoindustrie und ihre Beschäftigten derzeit so in Atem hält? Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie war die Autonachfrage drastisch eingebrochen, Chiphersteller strichen ihre Produktionspläne zusammen.

Als die Nachfrage nach Neufahrzeugen im Sommer 2020 plötzlich überraschend anzog, wurden Chiphersteller wie Infineon oder NXP von der Nachfrage überrannt. Der derzeitige Chipmangel beruht somit auf einer ganzen Reihe von Fehleinschätzungen - seitens der Autobauer und Zulieferer, aber auch seitens der Chiphersteller. Der Chipmangel zeigt aber auch: Die Autoindustrie ist gar nicht so schlecht durch die Corona-Krise gekommen wie befürchtet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. April 2021 um 16:00 Uhr.