Kreuzfahrtschiff Aidaperla verlässt den Hamburger Hafen

Kreuzfahrten trotz Corona Traumschiffe im Krisenmodus

Stand: 23.03.2021 13:02 Uhr

Mehr Gäste, mehr Umsatz, größere Schiffe: Jahrelang schwammen Kreuzfahrtschiffe auf einer Erfolgswelle. Das änderte sich in der Corona-Krise. Viele Dampfer liegen trotz neuer Konzepte still.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Nach knapp dreimonatiger Zwangspause infolge der Corona-Pandemie hat der Rostocker Kreuzfahrtanbieter AIDA Cruises am Wochenende sein Comeback gefeiert. Im Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria legte am Samstagabend das Schiff "Aidaperla" für eine siebentägige Tour rund um die Kanarischen Inseln ab. Für AIDA ist es nach mehreren vergeblichen Anläufen ein erhoffter Neustart.

Zwei andere deutsche Reedereien bieten bereits seit Sommer auf einigen Routen wieder durchgehend Reisen auf Luxusdampfern an. Doch der erste Eindruck trügt. Wie Hotels und Airlines wurde auch die Kreuzfahrtbranche im vergangenen Jahr hart getroffen.

Großteil der Schiffe liegt still

Während 2019 noch 3,7 Millionen Deutsche mit Kreuzfahrtschiffen verreisten, waren es 2020 nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) nur 1,4 Millionen. Die Ausgaben für Kreuzfahrten gingen demnach um 60 Prozent zurück. In den vergangenen Jahren war der Markt Schätzungen zufolge jährlich um rund sieben Prozent gewachsen. Zum Vergleich: 1995 lag die Zahl der deutschen Passagiere noch bei 300.000.

"Die Einbrüche waren dramatisch", sagt Thomas P. Illes, Wirtschaftsberater, Hochschuldozent und Kreuzfahrtanalyst, im Gespräch mit tagesschau.de. Von den weltweit etwa 400 Schiffen seien seit Sommer jeweils lediglich ein gutes Dutzend zeitgleich unterwegs gewesen. "Der absolute Großteil der Schiffe liegt unbeschäftigt in den Häfen oder auf Reede", so der Experte.

Thomas P. Illes ist Wirtschaftsberater, Hochschuldozent und Kreuzfahrtanalyst.

Thomas P. Illes ist Wirtschaftsberater, Hochschuldozent und Kreuzfahrtanalyst. Quelle: Udo Geisler

Und das ist teuer: Neben den Wartungen der umfangreichen Bordsysteme und einer Mindestzahl an Besatzungsmitgliedern müssen die Unternehmen die Schiffe jederzeit für einen möglichen Start bereithalten, falls Gesundheitsbehörden grünes Licht geben. "Die laufenden Betriebskosten sind sehr hoch, ohne Einnahmen zu haben", erklärt Illes. Um die Ausgaben besser in den Griff zu bekommen, seien eine Reihe kleinerer, älterer und damit ineffizienterer Schiffe verschrottet worden.

"Cruises to Nowhere"

Die Entwicklung sorgte bei den Anbietern für verheerende Bilanzen. So fuhr allein Marktführer Carnival, Dachorganisation der AIDA-Marke, im vergangenen Jahr einen Verlust von 8,4 Milliarden Euro ein. Beim zweitgrößten Kreuzfahrtkonzern Royal Caribbean, der die Hälfte an TUI Cruises hält, stand im vergangenen Geschäftsjahr unterm Strich ebenfalls ein Minus von etwa 4,8 Milliarden Euro.

Seit Juli führt TUI Cruises wieder Kreuzfahrten durch - seitdem waren nach eigenen Anhaben knapp 70.000 Urlauber an Bord. Auch die Hamburger Traditionsreederei Hapag-Lloyd ist seit Dezember rund um die Kanarischen Inseln unterwegs. Ab April sollen alle vier Schiffe der Europa-Flotte eingesetzt werden.

Anfangs waren die Kreuzfahrten überwiegend sogenannte "Cruises to Nowhere" ("Reisen ins Nirgendwo") ohne Landgänge. Mittlerweile sind auch wieder Ausflüge erlaubt - allerdings nur in organisierten Gruppen und dort, wo es die lokalen Behörden zulassen. Wer sich entfernt, darf nicht wieder zurück an Deck. Die deutschen Häfen blieben wie in vielen anderen Ländern bislang geschlossen.

Strenge Hygienekonzepte

Die unterschiedlichen Einreisebestimmungen machten die Planung sehr aufwändig, zum Teil nahezu unmöglich, betont Illes. Vielen Reedereien sei die Lage zu unsicher, da sich wiederholende Stornierungen sehr teuer und kundenunfreundlich seien. "Kleinere Reedereien wie Phoenix warten daher noch ab."

Nach gescheiterten Alternativen wie Kurzreisen in der Ostsee will nun auch AIDA dort die Kreuzfahrten fortsetzen - unter strengen Auflagen. Es gebe ein umfassendes Gesundheitskonzept, sagte Firmensprecher Hansjörg Kunze. So sei die Passagierkapazität stark verringert worden, die Gäste benötigten einen negativen PCR-Test vor der Anreise. Auch sei die medizinische Betreuung inklusive Testkapazitäten an Bord angepasst worden.

Ohnehin dürfen bei allen Anbietern nur maximal 60 Prozent der üblichen Besucherzahl auf die Schiffe. Außerdem beschloss der internationale Kreuzfahrtverband Cruise Lines International Association (CLIA) im Oktober eine globale Testpflicht für jeden Passagier und jedes Crewmitglied.

Vor und während der Reise werden alle regelmäßig getestet, wie Branchenberater Illes sagt. Darüber hinaus gebe es keine Buffetts, überall gelte Maskenpflicht und elektronische Schlüsselkarten oder Smartphone-Apps sorgten für ein fast lückenloses Tracking. "Das hat zur Folge, dass die Passagiere umfassend überwacht sind. Davon träumen Epidemiologen auch an Land." Die Schifffahrt sei ein geschlossenes System, eine "Art Bubble" und daher eine der sichersten Reisemöglichkeiten.

Impfungen als "Gamechanger"

Aber lohnen sich die stark eingeschränkten Fahrten überhaupt für die Reedereien? "Absolut gesehen sind sie noch zu wenig profitabel, unter anderem weil die Branche langfristig hohe Zukunftsinvestitionen - gerade in Bezug auf weitere Fortschritte in Umwelttechnologien - tätigen müsste", sagt Illes.

Zwar erreiche zum Beispiel der Carnival-Konzern eigenen Angaben zufolge ab einer Auslastung von 30 bis 50 Prozent die Gewinnschwelle. Auf lange Sicht werde das aber dennoch nicht reichen. Damit die Branche wieder auf die Beine kommt, sei etwas anderes nötig: "Als entscheidender Gamechanger in der Tourismusindustrie werden die Impfungen gehandelt." Schon jetzt werden in Großbritannien, Israel oder den USA Reisen gewisser Reedereien nur für geimpfte Passagiere aufgelegt.

Trotzdem sieht Illes das derzeitige Modell als geeignete Übergangslösung. Es gehe letztlich darum, den Gesundheitsbehörden, den Kunden, den Zulieferern und auch letztlich auch den Kapitalmärkten zu beweisen, dass die Fahrten funktionieren. "Es muss Vertrauen aufgebaut werden", sagt der Experte.

Branche darf "schlechte Meinungen nicht mehr ignorieren"

Denn schon vor der Corona-Krise hatte die Kreuzfahrt nicht den besten Ruf. Umweltschützer warnen immer wieder vor Gefahren für das Klima, die Natur und die Gesundheit. "Die Branche muss die negativen Meinungen - auch wenn sie nicht immer gerechtfertigt sind - ernst nehmen. Die Reedereien werden bald noch überzeugendere Antworten in der sich zu Recht verschärfenden Nachhaltigkeitsdebatte liefern müssen als bisher", meint auch Illes.

Die Kreuzfahrtindustrie habe schon viele Innovationen auf den Weg gebracht und sei eine Art Vorreiter für die gesamte Schifffahrt. Doch nicht alle Reedereien seien gleichermaßen aktiv gewesen. Trotz Corona könne es sich die Branche deshalb nicht leisten, auf weitere Investitionen zu verzichten.

Die Nachfrage nach Kreuzfahrten sei nicht das Problem. "Die Menschen wollen nach wie vor aufs Meer", so der Analyst. Die Zahl der Buchungen für Kreuzfahrten im Sommer 2022 steige überproportional an, teilte auch der DRV Anfang März mit. Immerhin darüber muss sich die Branche also keine Sorgen machen.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Radio MV am 20. März 2021 um 10:00 Uhr.