GDL-Chef Claus Weselsky bei einer Streik-Kundgebung in Berlin | dpa
Interview

Tarifkonflikt bei der Bahn "Das kann ein sehr langer Streik werden"

Stand: 11.08.2021 18:01 Uhr

Auch wegen verfeindeter Gewerkschaften verläuft der Tarifstreit bei der Bahn so heftig. Wie berechtigt die Forderungen der GDL sind und wie sich der Konflikt lösen ließe, erklärt der Experte Wolfgang Schroeder im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Herr Schroeder, die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) fordert höhere Löhne und sagt, der Streik sei unvermeidlich. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Schroeder: Unvermeidlich war dies sicherlich nicht, trotzdem besitzt diese Entscheidung eine gewisse Logik. Nämlich die Logik des Überbietungswettbewerbs, die eng mit dem Tarifeinheitsgesetz verbunden ist. Bei der Deutschen Bahn gab es im letzten Jahr schon einen Tarifvertrag der konkurrierenden Gewerkschaft EVG. Dieser Tarifvertrag trug dem Corona-Wirtschaftseinbruch und den enormen Einnahme-Ausfällen bei der Bahn Rechnung. Die EVG hatte plus 1,5 Prozent erreicht. Das war angesichts der Tatsache, dass die Bahn sieben Milliarden Euro Minus macht, durchaus akzeptabel.

Wolfgang Schröder, Politikwissenschaftler Universität Kassel
Zur Person

Wolfgang Schroeder (61) ist Politikwissenschaftler und Experte für Arbeitsbeziehungen und Gewerkschaften. Er lehrt und forscht am Wissenschaftszentrum Berlin und der Universität Kassel. Von November 2009 bis Februar 2014 war Schroeder Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg.

Strategie der Mobilisierung

tagesschau.de: Gewerkschaftschef Claus Weselsky wirft dem Bahn Management Raffke-Mentalität vor, während es "einfachen" Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Reallohnverluste verordnet habe. Sind die Bahn-Beschäftigten wirklich so schlecht dran?

Schroeder: Die Beschimpfungen des Managements folgen einer gewissen Mobilisierungsstrategie, die sagt: Die da oben sind korrupt und kümmern sich nicht um die Interessen derjenigen, die eigentlich die Arbeit erledigen. Inwieweit das stimmt, ist bisher öffentlich nicht empirisch belegt. Also die Frage: Haben sich die Gehälter des Vorstands und jene der Mitarbeiter seit der letzten Tarifrunde auseinanderentwickelt? Insofern ist das im Moment eher eine emotional-populistische Debatte, die da losgetreten wurde. Die ist für die GDL wichtig, um ihre Leute zu mobilisieren.

"Ungekrönter König der Bahnbeschäftigten"

tagesschau.de: In der Öffentlichkeit wird GDL-Chef Weselsky häufig als Scharfmacher wahrgenommen, der mit rabiater Rhetorik und Maximalforderungen abschreckt. Wie kommt er bei den Bahn-Beschäftigten an?

Schroeder: Er ist ein Polarisierer. Aber bei den Anhängern der GDL kommt er gerade deshalb gut an. Er hat ja mit seiner Rhetorik und seiner Mobilisierung in der Vergangenheit für seinen Verein schon einiges herausgeholt. Und wie wir jetzt beim Ergebnis der Urabstimmung sehen konnten, gibt es durchaus eine starke Unterstützung der GDL-Mitglieder. Insofern ist er der ungekrönte König der Bahnbeschäftigten, die sich der GDL zugehörig fühlen. Das ist das Wichtigste für einen Gewerkschaftsführer, dass er von der eigenen Mitgliedschaft getragen wird.

tagesschau.de: Geht es bei diesem Streik wirklich in erster Linie um den Konkurrenzkampf der GDL mit der größeren Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft EVG?

Schroeder: Das ist zumindest die Grundlage des Konfliktes. Denn das Tarifeinheitsgesetz bestimmt, dass nur die Gewerkschaft für den jeweiligen Bereich einen Tarifvertrag abschließen darf, die dort die Mehrheitsgewerkschaft ist. Die GDL ist das nur in 16 von 300 Betrieben bei der Bahn. Sie versucht nun, mehr Einfluss zu gewinnen. Das kann sie nach eigener Einschätzung nur, in dem sie die andere Gewerkschaft attackiert, bessere Abschlüsse erzielt und so attraktiver für die Beschäftigten wird und mehr Mitglieder gewinnt. Das ist die Logik, die das Gesetz der GDL aufzwingt, so lange es keine klare Arbeitsteilung zwischen den Gewerkschaften gibt. Insofern ist das Vorgehen der GDL aus der Struktur des Tarifeinheitsgesetzes logisch nachvollziehbar.

Kulturkampf im Konzern

tagesschau.de: Wie wirkt sich dieser Konkurrenzkampf der beiden Gewerkschaften im Unternehmen Deutsche Bahn aus?

Schroeder: Da ist ein echter Kulturkampf entstanden. Die beiden Gruppen stehen sich in vielen Bereichen fast schon feindselig gegenüber. Das hat selbst Auswirkungen auf die Zusammenarbeit im Betriebsalltag, wie mir immer wieder berichtet wird. Insofern ist das eine verheerende Vergiftung der Verhältnisse, die wir hier beobachten können. Und das ist ein riesiges Problem.

tagesschau.de: Wie könnte dieser Streit denn gelöst werden?

Schroeder: Da spielt die Bahnführung eine große Rolle. Der ist es bisher nicht gelungen, eine größere Kooperation der beiden Gewerkschaften herbeizuführen. Das aber ist auch ihre Aufgabe. Normalerweise gibt es in Tarifauseinandersetzungen einen Konflikt zwischen Arbeitgebern und Beschäftigtenorganisationen. Hier hat man aber primär einen Konflikt zwischen zwei Arbeitnehmergruppen. Da ist jetzt die Bahnführung gefragt, indem sie Anreize setzt, um die Kooperation zwischen den Gewerkschaften zu fördern. Ein Weg, der allerdings schon vielfach gescheitert ist, besteht darin, die Zuständigkeiten zu regeln: Welche Gewerkschaft ist wo zuständig. Und dabei muss die Bahnführung der GDL auch Raum zum Überleben lassen.

GDL muss Öffentlichkeit kaum fürchten

tagesschau.de: Der Streik findet in der Öffentlichkeit ein weitgehend negatives Echo. Kann das der GDL egal sein?

Schroeder: Das ist wie beim Fußball. Entscheidend ist auf dem Platz, nicht auf den Zuschauerrängen. Solange die Beschäftigten der Bahn, die in der GDL organisiert sind, ihrer Gewerkschaft die Treue halten, muss sie die Öffentlichkeit kaum fürchten. Die GDL muss nur zusehen, dass sie nicht überzieht. Sonst überträgt sich irgendwann die Dynamik von den Zuschauerrängen auch auf den Platz. Dann werden die Bahnbeschäftigten unruhig, und das würde sich nicht nur auf die Streikbereitschaft, sondern auch auf die weitere Rolle der GDL im Konzern auswirken.

tagesschau.de: Wie lange wird der Streik denn andauern und welche Lösung sehen Sie für den Konflikt?

Schroeder: Der Streik könnte lange dauern. Die hohe  Streikbereitschaft zeigt ja, dass die Mitglieder überzeugt sind, dass die Strategie richtig ist. Es ist der GDL gelungen, ihren Mitgliedern deutlich zu machen: Wir kämpfen um unsere Existenz, wir sind das Opfer, und wenn ihr uns an die Wäsche geht, werden wir zurückschlagen. Solange die Mitglieder davon überzeugt sind, dass es ein existentieller Konflikt ist für die Gewerkschaft, kann das ein sehr, sehr langer Streik werden.

Das Gespräch führte Peter Gerhardt, HR.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. August 2021 um 17:00 Uhr.