Schutt liegt in der Innenstadt von Bad Münstereifel nach dem Rückgang des Hochwasssers | dpa

Pleiten im Hochwassergebiet Nach der Flut nicht mehr aufgetaucht

Stand: 30.09.2021 08:09 Uhr

In den Hochwassergebieten haben viele Menschen ihr Hab und Gut verloren. Nun müssen einige auch um ihren Job fürchten. Denn nicht alle Firmen werden die Folgen der Flut überleben - trotz staatlicher Hilfen.

Von Jens Eberl, WDR

Die Trauer war im Betrieb an jeder Ecke greifbar, als Geschäftsführer Theodor Scherer die schlimme Nachricht überbringen musste. Das Traditionsunternehmen Auto Heinen in Bad Münstereifel muss seine Pforten schließen. 280 Mitarbeiter werden dadurch ihren Job verlieren. "Das war eine sehr traurige Veranstaltung mit Tränen und was dazu gehört", sagt Scherer. "Da sind Menschen dabei, die haben ihr Haus verloren, die haben ihr Auto verloren, jetzt haben sie ihren Job verloren, denen geht es einfach schlecht. Ich bin sehr betroffen."

Jens Eberl

Corona und Flut waren zu große Belastung

Erst kam Corona, dann die Flut. Jetzt scheint der Autoteile-Zulieferer nicht mehr zu retten zu sein. Aluminium-Druckgussteile wurden in dem Betrieb hergestellt, zum Beispiel für Fahrzeuggetriebe. Bereits infolge der Corona-Pandemie sei der Umsatz im Juli um 30 Prozent zurückgegangen. Denn viele Automobilhersteller hatten aufgrund des Chipmangels nicht geordert. Dann kam die Flut. Die gesamte Produktionshalle war voll mit Wasser und Schlamm. Seit acht Wochen wird hier nicht gearbeitet - und nun wohl auch nie wieder. 

"Wäre es nur Wasser gewesen, hätten wir vielleicht noch einige Maschinen retten können", sagt der kaufmännische Leiter Harald Brand. Aber im Wasser sei ganz feiner Dreck gewesen, "das ist nun wie Schmirgelpapier, das macht die Maschinen kaputt". Der Schaden betrage etwa 50 Millionen Euro. Das Unternehmen müsse also kräftig investieren, um wieder neu starten zu können. Das sei in einem so schwierigen Marktumfeld nicht möglich, so Brand.

Bundesregierung will Insolvenzen verhindern

Dabei hat die Bundesregierung Entscheidungen getroffen, um eine Pleitewelle in den Hochwasserregionen zu verhindern. Als Sofortmaßnahme hatte sie einen Insolvenzschutz eingerichtet. Unternehmen, die Aussicht auf eine Sanierung haben, sind bis Ende Januar 2022 von einer Insolvenzanmeldung befreit, wenn der Insolvenzgrund der Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit vorliegt. Diese Aussetzung der Insolvenzantragspflicht könnte vom Bundesjustizministerium per Rechtsverordnung noch einmal bis April verlängert werden.

"Bisher können wir keinen signifikanten Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in den Hochwassergebieten verzeichnen. Das liegt nicht allein an der temporären Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, sondern auch an den in Aussicht gestellten Finanzhilfen", so Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands.

Finanzhilfen erreichen Unternehmen nur zögerlich

Dennoch wachse die Ungeduld der Unternehmen, da die in Aussicht gestellten Finanzhilfen nur zögerlich zur Verfügung gestellt würden, so Niering. Erst seit dem 17. September könnten Anträge gestellt werden. Bis zur Auszahlung der Finanzmittel und letztendlich zum Wiederaufbau und zur Wiedereröffnung des Unternehmens sei es dann noch ein langer Weg. "Jetzt ist noch nicht absehbar, ob alle diese lange Durststrecke finanziell und in manchen Fällen auch emotional überwinden können. Denn zur dauerhaften Gesundung braucht es auch den wiedereinsetzenden Zuspruch der Kunden und im Tourismusbereich der Gäste", so Niering.

Bei der Industrie- und Handelskammer hat man festgestellt, dass der Wille der Unternehmen sehr groß sei, die Krise zu bewältigen. "Nach den Aufräumarbeiten planen sie mit den Hilfen den Restart. Klar ist jedoch, dass dieser Weg schwierig wird. Die teils massiven Zerstörungen der Infrastrukturen machen deutlich, dass der Wiederaufbau noch lange dauern wird", berichtet der Hauptgeschäftsführer der IHK-NRW, Ralf Mittelstädt.

Zusätzlich habe die Corona-Krise die Rücklagen in vielen Betrieben aufgezehrt. "Insbesondere ältere Unternehmer*innen stehen nun vor der schweren Entscheidung, von vorne anzufangen oder das Geschäft einzustellen. In den Regionen gilt es nun den Wiederaufbau schnell und unkompliziert zu organisieren, um die Struktur zu sichern", so Mittelstädt.

Politik muss abwägen

Klaus Wohlrabe, Makroökonom am ifo-Institut, sieht einen schwierigen Abwägungsprozess für die Politik. "Einerseits möchte man schnell und unbürokratisch helfen. Andererseits möchte man natürlich auch prüfen, wie die Bedürftigkeit der Unternehmen tatsächlich ist, und dementsprechend die Hilfen ausrichten", sagt er. "Es wäre unsinnig, Unternehmen zu helfen, deren Geschäftsmodell wahrscheinlich nicht mehr tragbar ist, auch nicht nach dem Aufbau. Da ist es besser, Neugründungen zu fördern", so Wohlrabe. Wo gute Chancen bestehen, sollten Liquiditäts- und Investitionsbeihilfen gewährt werden. Auch sollten großzügige Abschreibungsmöglichkeiten gewährt werden, so die Empfehlung aus dem ifo-Institut.

Bei Auto Heinen in Bad Münstereifel ist das Leitungsteam nun damit beschäftigt, die Beschäftigten in anderen Betrieben unterzubringen. "Wir haben unser Netzwerk angezapft, um Firmen mit Personalbedarf zu finden, teilweise sind wir auch angesprochen worden", so der kaufmännische Leiter Brand. Wichtig sei es nun, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser schwierigen Situation so gut es geht zu helfen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. September 2021 um 08:00 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Moderation 30.09.2021 • 20:01 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation