Mann mit Kind an einem Laptop - offenbar im Homeoffice | picture alliance / Westend61

Homeoffice-Debatte Muss jetzt die Wirtschaft liefern?

Stand: 14.01.2021 11:19 Uhr

Schulen und Kitas dicht, Restaurants und Geschäfte geschlossen - aber Busse und Bahnen sind mit Berufspendlern voll. Zu viele in Pandemiezeiten? Experten haben ausgerechnet, was mehr Homeoffice bewirken könnte.

Von Daniela Diehl, SWR

Johannes P. hat seine Freunde seit Wochen nicht mehr gesehen, den Weihnachtsbesuch bei seinen Eltern hat er abgesagt, um diese und sich selbst zu schützen. Seine sechsjährige Tochter trifft sich nur noch mit den Hörspielfreundinnen Bibi und Tina und seine Frau arbeitet im Homeoffice. Er aber muss regelmäßig ins Großraumbüro. Dort sitzt er mit acht Kollegen, alle ohne Maske.

Schon im November 2020 hatte jeder dritte Beschäftigte Bedenken, sich auf der Arbeit oder auf dem Weg dorthin mit dem Coronavirus zu infizieren, so die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Die Sorge stieg mit dem Anstieg der Infektionszahlen.

Könnten die Ansteckungen stark sinken?

Dabei könnte mehr Homeoffice das Ansteckungsrisiko deutlich bremsen, sagt Harald Fadinger, Professor für Volkswirtschaftslehre und Business Economics an der Universität Mannheim gegenüber tagesschau.de. Homeoffice sei eine der effektivsten Maßnahmen. Das belege eine Studie der Uni Mannheim aus dem Dezember. So sei die Zahl der Covid-19-Infektionen dort strukturell niedriger, wo der Anteil an Home-Office-fähigen Jobs höher ist. Geeignet fürs Homeoffice seien vor allem Jobs mit einem hohen Gehalt an kognitiven, nicht manuellen Aufgaben an einem Computer.

Bereits "ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice kann die Infektionsrate um bis zu acht Prozent verringern", schreiben die Autoren. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, sagte Deutschen Presse-Agentur, Kontakte auf allen Ebenen müssten gemieden werden. Arbeitgeber sollten aktiv fördern, dass Menschen nicht an die Arbeitsstelle pendeln. Und auch RKI-Präsident Lothar Wieler forderte die Unternehmen am Donnerstag dazu auf, die Arbeit von zuhause aus stärker zu ermöglichen.

Mehr Mobilität im zweiten Lockdown

Der Trend ist offensichtlich in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Der Anteil der Beschäftigten, die im Homeoffice arbeiten, sei seit dem vergangenen Frühjahr wieder drastisch gesunken, heißt es in einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Im ersten Lockdown im April 2020 stieg der Anteil auf 27 Prozent. Doch danach sank er wieder. Im Juni waren es nur noch 16 und im November 14 Prozent - trotz steigender Infektionszahlen und des Appells der Politik an die Arbeitgeber, mobile Arbeit zu ermöglichen.

Auch aktuelle Daten des Robert Koch-Institutes (RKI) belegen, dass die Mobilität im zweiten Lockdown zunächst wesentlich höher war als im ersten. Erst rund um die Weihnachtsfeiertage nahm die Mobilität noch einmal stark ab; so, wie sie es jedes Jahr tut. Der starke Mobilitätseinbruch am Ende des Jahres setzt sich also zusammen aus den Effekten des Lockdowns und der auch sonst geringeren Mobilität rund um Weihnachten. Doch die Feiertage sind vorbei, die Menschen zurück bei der Arbeit.

Experte Fadinger von der Universität Mannheim schätzt, dass es bei einer genauso hohen Homeoffice-Quote wie im Frühjahr in Deutschland aktuell nur halb so viele Infektionen gäbe. Demnach läge 7-Tage-Inzidenz - die Zahl der Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner - maximal bei 80 statt bei 160 wie im Moment.

Forderung nach Bußgeldern

Dass eine höhere Homeoffice-Quote möglich ist, belegen die Zahlen aus dem Frühjahr. Auch wenn die Arbeitgeber immer wieder betonen, dass Homeoffice nicht für alle Berufe möglich sei. "Dort, wo es möglich ist, müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verpflichtet werden, Homeoffice zu erlauben", fordert Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Ansonsten müsse es Bußgelder geben und für Beschäftigte eine Hotline, bei der sie Verstöße melden könnten. Einen entsprechenden Antrag haben die Grünen im Bundestag eingebracht.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hält davon nichts. Sie geht davon aus, "dass Arbeiten im Homeoffice dazu beitragen kann, Kontakte zu verringern. Wo es praktikabel und umsetzbar ist, sollten Arbeitgeber ihren Arbeitnehmern deshalb jetzt die Möglichkeit des mobilen Arbeitens anbieten." Die vergangenen Monate hätten gezeigt, dass sehr viele Unternehmen dies auch täten. Das setze aber voraus, dass Beschäftigte auch einen Platz zu Hause haben, um dort zu arbeiten. "Eine mit Bußgeldandrohung ausgestaltete Pflicht zum mobilen Arbeiten ist weder praktikabel noch im Interesse von Beschäftigten."

Söder gegen Homeoffice-Pflicht

Auch Bayerns Ministerpräsident Söder will keine gesetzlichen Regelungen fürs Homeoffice, sondern ein Anreizsystem. Er brachte dazu die Möglichkeit von Sofortabschreibungen der nötigen Investitionen ins Gespräch. Außerdem freue er sich darüber, dass die Arbeitgeber mehr Homeoffice ermöglichen wollen. Auch das Land Bayern als großer Arbeitgeber werde dies umsetzen.

Homeoffice sei für 56 Prozent aller Jobs in Deutschland prinzipiell möglich, so die Studienergebnisse aus Mannheim - und zwar ohne große wirtschaftliche Einbußen. Deshalb sei es nicht nachvollziehbar, warum die Schulen dicht machen müssten, die Wirtschaft aber nicht angehalten werde, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, so Wirtschaftsexperte Fadinger gegenüber tagesschau.de. "Wenn Kinder nicht zur Schule gehen können, führt das langfristig zu viel höheren wirtschaftlichen Kosten, als wenn Arbeitnehmer aus dem Homeoffice arbeiten."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell Hörfunk am 13. Januar 2021 um 20:00 Uhr.