"Geschlossen" steht auf einem Schild an einer Tür | dpa

Sorgen des Einzelhandels "Im Lockdown gefangen"

Stand: 11.02.2021 14:58 Uhr

Schulen, Kitas und Friseure dürfen bald wieder öffnen, der Einzelhandel jenseits der Waren des täglichen Bedarfs hingegen nicht. Das sorgt für Unmut in der Branche - die der Politik Willkür vorwirft.

Von Johannes Frewel, rbb

Deutliche Worte und scharfe Kritik: Die Entscheidung der Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin, den Lockdown auf einen ungewissen Zeitpunkt zu verlängern und die Öffnung des Einzelhandels an einem von 50 auf 35 abgesenkten Inzidenzwert zu orientieren, ist beim Einzelhandelsverband HDE auf Ablehnung gestoßen. Sollten Einzelhandelsgeschäfte wie derzeit beabsichtigt weiterhin geschlossen bleiben und staatliche Hilfen nicht massiv ausgeweitet werden, stünden viele Händler unweigerlich vor dem Aus, rechnete HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth vor.

"Hier sagen 20 Prozent der Unternehmen: wenn jetzt keine weiteren Hilfen im ersten Halbjahr erfolgen, dann werde ich mein Geschäft aufgeben müssen. Und wenn weitere Hilfen nicht erfolgen, sagen 37 Prozent, dass sie im zweiten Halbjahr ihr Geschäft aufgeben müssen. 57 Prozent ist eine enorme Zahl", sagt Genth und warnt: "Wenn hier mehr als jedes zweite Geschäft aufgeben müsste, dann können Sie sich vorstellen, wie die Innenstädte aussehen, die Versorgungsstruktur aussieht. Wir gehen mindestens von 250.000 Arbeitsplätzen aus, die verlorengehen würden."

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) | picture alliance/dpa

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) Bild: picture alliance/dpa

Die Liquidität der Unternehmen sei aufgebraucht, und die staatlichen Hilfen kämen bei vielen gar nicht oder nur in ungenügender Höhe an. Der Einzelhandelsverband fordert bessere Abschreibungsmöglichkeiten für Saisonware, auf denen Händler wegen der behördlichen Schließung sitzenbleiben. Selbst wenn die Läden im besten Fall bereits im März wieder öffnen können, stünden Händler in diesem Jahr gemessen an den Vorkrisenumsätzen von 2019 erneut vor massiven Ausfällen.

Grafik: Folgen des Lockdowns

Wirtschaftsgipfel mit den betroffenen Branchen?

"Wenn eine Öffnung im März erfolgt, dann würde es immer noch heißen, dass dieses Jahr 2021 mindestens 15 Prozent Minus bedeuten würde, im April dann 23 Prozent und Anfang Mai dann fast 30 Prozent", kalkuliert Verbandschef Genth. Insgesamt wäre das am Ende ein Umsatzverlust von fast 50 Milliarden Euro für den Handel. Es gebe derzeit schlicht keine Perspektive, bemängelt Genth. Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten hätten sich nicht auf einen verlässlichen Plan für den Ausstieg aus dem Lockdown einigen können. Notwendig sei umgehend ein Wirtschaftsgipfel mit den vom Lockdown besonders betroffenen Branchen.

"Der Nichtlebensmittel-Einzelhandel ist weiterhin im Lockdown gefangen. Was wir besonders bemängeln ist, dass kein transparenter und fairer Plan für den Ausstieg aus dem Lockdown gezeichnet wurde", sagt Genth. Die Wirtschaft sei hier nicht gehört, geschweige denn beteiligt worden. "Das ist eine unglaubliche Situation, diese neue willkürlich erscheinende Inzidenzzahl von 35 als Grenze für Ladenöffnung zu nehmen. Ich glaube, diese Entscheidungen werden dazu führen, dass wir noch weniger Akzeptanz der politischen Entscheidung erreichen in der Wirtschaft, bei den Bürgern. Wir sind mehr als enttäuscht."

Der HDE verwies darauf: Der Lebensmitteleinzelhandel habe bei täglich etwa 40 Millionen Kunden den Nachweis erbracht, dass der Einkauf mit Hygienekonzepten auch bei höheren Inzidenzzahlen sicher sei.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Februar 2021 um 13:22 Uhr.