ehemaliger Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn in einem Hotel in Beirut. | picture alliance/dpa/MAXPPP

Mutmaßliche Veruntreuung Haftbefehl gegen Ex-Autoboss Ghosn

Stand: 22.04.2022 15:52 Uhr

Die französische Justiz hat einen Haftbefehl gegen den spektakulär in den Libanon geflohenen Automanager Carlos Ghosn erhoben. In den Ermittlungen geht es um Unterschlagung von Geldern und Geldwäsche.

Neue Entwicklungen im Fall des schillernden Ex-Autobosses Carlos Ghosn: Wegen einer mutmaßlichen Veruntreuung von Vermögenswerten bei Renault und Geldwäsche hat die französische Justiz einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Insgesamt seien im Zuge der Ermittlungen fünf Haftbefehle ausgestellt worden, teilte die Staatsanwaltschaft in Nanterre bei Paris heute mit.

Diese richteten sich außer gegen den ehemaligen Nissan-Chef auch gegen die aktuellen und ehemaligen Leiter der im Oman ansässigen Automobilhandelsfirma Suhail Bahwan Automobiles (SBA). Nach Angaben der französischen Justiz stehen dabei verdächtige Zahlungen in Höhe von fast 15 Millionen Euro zwischen der Allianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi und SBA im Raum.

Haftbefehl für Ghosns Anwalt "sehr überraschend"

Ghosn hatte einst den japanischen Autokonzern Nissan vor der Pleite gerettet und die Allianz der drei Autobauer geschmiedet. Am 19. November 2018 waren er und seine frühere rechte Hand, der Amerikaner Greg Kelly, in Tokio unter anderem wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden.

Die japanische Justiz warf ihnen unter anderem vor, private Verluste auf den Autohersteller Nissan übertragen zu haben. Während Kelly in Japan blieb, floh Ghosn Ende 2019 unter Verstoß gegen strenge Kautionsauflagen in einem Privatjet über die Türkei nach Beirut. Der Ex-Manager mit französischer, brasilianischer und libanesischer Staatsbürgerschaft war dabei in einer Kiste für Musikinstrumente versteckt.

Seitdem wird Ghosn auch von Japan per internationalem Haftbefehl gesucht. Er darf den Libanon, der ihn nicht ausliefert, nicht verlassen. Einer seiner Anwälte, Jean Tamalet, nannte den Haftbefehl aus Nanterre daher "sehr überraschend". Die Staatsanwälte und Richter dort wüssten sehr gut, dass Ghosn den Libanon gar nicht verlassen dürfe, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Ghosn bestreitet Verfehlungen

Der frühere Chef der Dreier-Allianz wies die Vorwürfe gegen ihn mehrmals zurück. Der 68-Jährige sieht sich als Opfer einer Verschwörung, um eine engere Anbindung von Nissan an Renault zu verhindern. Im Februar hatte Ghosn gegenüber der Zeitung "Le Parisien" beklagt, die französische Regierung und der Renault-Verwaltungsrat hätten ihm einen "tödlichen Stich in den Rücken" versetzt. Renault ist in Nanterre Zivilkläger.

Die Ermittlungen in Frankreich drehen sich um die verdächtigen Zahlungen zwischen der niederländischen Tochter der Auto-Allianz RNVB und SBA sowie um zwei teure Partys im Schloss von Versailles - hier ermittelt die Staatsanwaltschaft Paris.

Vertreter der Staatsanwaltschaft von Nanterre waren bislang zweimal in den Libanon gereist. Im Februar befragten sie zwei Zeugen dort. Mit Ghosn selbst hatten sie bereits im vergangenen Sommer gesprochen.

Renault mit höchsten Absatzminus seit 2009

Derweil meldete Renault heute den höchsten Absatzrückgang seit mehr als zehn Jahren. Im ersten Quartal brachen die Verkäufe wegen der Präsenz in Russland und dem weltweiten Halbleitermangel um 17 Prozent auf 552.000 Fahrzeuge ein, wie der französische Autobauer mitteilte. So stark waren die Auslieferungen seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2009 nicht mehr gefallen.

Trotz des heftigen Absatzrückgangs setzte Renault mehr um als erwartet. Zwar schrumpften die Erlöse um 2,7 Prozent auf 9,7 Milliarden Euro. Das war allerdings nicht so ein starkes Minus wie von Analysten befürchtet. Dank höherer Preise und steigender Elektroauto-Verkäufe konnte der Autobauer einiges wettmachen. Ohne die Tochter Avtovaz und Renault Russland fiel der Umsatz lediglich um ein Prozent.

Unterdessen soll der Renault-Vorstand Kreisen zufolge über einen Teilverkauf seiner rund 43 Prozent großen Beteiligung an Nissan nachdenken. Dabei könnte der japanische Autobauer einige der eigenen Papiere zurückkaufen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Allianz von Renault und Nissan war 2018 beinahe infolge des Skandals um ihren ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Ghosn geplatzt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. April 2022 um 14:00 Uhr.