Ein Teilnehmer eines Warnstreiks hält ein Plakat mit der Aufschrift "Mehr Geld" | dpa

Tarifforderungen Fünf, sechs, acht oder zehn Prozent mehr?

Stand: 28.11.2022 09:30 Uhr

In den aktuellen Tarifrunden der einzelnen Branchen fordern die Gewerkschaften teils kräftige Lohn- und Gehaltserhöhungen von bis zu 15 Prozent. Ist da so etwas wie ein Überbietungswettbewerb im Gange?

Von Andreas König, rbb

10,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt im öffentlichen Dienst und sogar 15 Prozent obendrauf bei der Post: So lauten die aktuellen Tarifforderungen der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Spitzenwerte sind das im Vergleich zu den Abschlüssen etwa in der Chemie-, Metall- und Elektrobranche. Einen Überbietungswettbewerb der Gewerkschaften sehe er dennoch nicht, sagt Hagen Lesch, der Tarifpolitikexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Andreas König

Branchenspezifische Abschlüsse

Von Überbietungswettbewerb werde eher bei Spartengewerkschaften wie der GDL, Cockpit oder ufo gesprochen, die versuchen, die Hoheit bei bestimmten Berufsgruppen zu erlangen. Bei Branchengewerkschaften wie ver.di und der IG Metall entfalle dieser Grund, da diese ja nicht untereinander um Mitglieder konkurrierten. Doch es gebe eine leichte Tendenz an steigenden Tarifforderungen in diesem Jahr, sagt Lesch.

Im Frühjahr haben Banken, Versicherungen und die Druckindustrie mit 4,5 beziehungsweise fünf Prozent mehr bei Löhnen und Gehältern begonnen. Chemie- sowie Eisen- und Stahlbranche folgten mit 6,5 und die Metall- und Elektroindustrie mit acht Prozent. Die Gründe dafür seien eher branchenspezifisch, stellt Tarifpolitikexperte Lesch fest. Aktuelles Beispiel sei die Post, da gehe es um einen Firmentarifvertrag vor dem Hintergrund insgesamt guter Geschäftszahlen. 

Gewerkschaften wollen Inflationsausgleich

Was die Post angeht, sieht das Norbert Reuter ähnlich. Er leitet bei ver.di die tarifpolitische Grundsatzabteilung. Der Konzern habe gute Gewinne gemacht, es gebe hier einen Nachholbedarf, was die Entwicklung der Einkommen angehe. Insgesamt habe die Gewerkschaft bei ihren Tarifforderungen das Ziel, angesichts der hohen Inflation Reallohnverluste für die Beschäftigten zu verhindern.

In der Dienstleistungsbranche sei dieser Punkt umso wichtiger, da dort oft schlechter bezahlt werde als in anderen Bereichen, etwa der Industrie. Hier sei ver.di besonders gefordert, sagt Reuter. Was die anstehenden Verhandlungen im öffentlichen Dienst für die 2,5 Millionen Beschäftigten des Bundes und in den Kommunen betrifft, ist es wichtig, die Mitglieder entsprechend zu mobilisieren, so Reuter. Die Forderungen könnten nur erfolgreich durchgesetzt, wenn alle mitmachten und auch streikbereit seien. 

Dass die Gewerkschaft 10,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt mindestens aber ein Plus von 500 Euro fordert, hat ver.di-Chef Frank Werneke unter anderem mit der Inflationsentwicklung begründet. "Lebensmittel- und insbesondere Energiepreise reißen tiefe Löcher in die Haushaltskassen der Beschäftigten. Viele von ihnen wissen nicht, wie sie sich und ihre Familien über Wasser halten können, einige können ihre Mieten oder Heizkosten nicht mehr zahlen", sagte Werneke bei der Bekanntgabe der Tarifforderungen im Oktober: "Die Sicherung der Einkommen durch einen Inflationsausgleich, insbesondere für die Beschäftigten mit mittleren und eher niedrigen Einkommen, steht für uns im Zentrum der Tarifrunde." 

Arbeitgeber haben kein Verständnis für hohe Lohnforderungen

Der Verband der kommunalen Arbeitgeber, neben dem Bund der Verhandlungspartner der Gewerkschaften in der anstehenden Tarifrunde, hat die Forderungen kritisiert: Deren Umsetzung sei in dieser Form schlicht nicht leistbar. Man müsse dafür sorgen, dass Kommunen und kommunale Unternehmen handlungsfähig bleiben, auch und gerade in der Krise.

Eine Sprecherin des Verbandes sagte, "ob die Gewerkschaften sich in einem Überbietungswettbewerb befinden, können wir natürlich nicht einschätzen. Klar ist jedoch, dass Tarifkonflikte auch immer die Zeiten sind, in denen die Gewerkschaften Mitglieder gewinnen." Das möge ein Grund für die "unangemessenen" Forderungen sein. "Selbst angesichts der derzeit noch immer hohen Inflation haben wir kein Verständnis für derartig hohe Lohnforderungen für die Beschäftigten im kommunalen öffentlichen Dienst."

Es sei zum einen grundsätzlich nicht Aufgabe der Arbeitgeber, die Inflation auszugleichen. "Zum anderen berücksichtigen die Forderungen nicht die Auswirkungen der bisherigen Entlastungspakete der Bundesregierung."

Das spricht für schwierige Verhandlungen, zumal diese über den Öffentlichen Dienst hinaus richtungsweisend sein dürften für die gesamte Dienstleistungsbranche - so wie es in diesem Jahr die Tarifabschlüsse für die Chemie- sowie für die Metall- und Elektroindustrie gewesen sind. Deshalb sei ein gutes Signal wichtig, sagt ver.di-Tarifexperte Reuter.

Doch nicht nur im Öffentlichen Dienst und bei der Post zeichnet sich Anfang des kommenden Jahres Streit um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen ab. Auch die Eisenbahnergewerkschaft EVG hat für den Februar  bereits harte Tarifverhandlungen und Forderungen in Höhe von "Inflationsausgleich plus x" angekündigt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. November 2022 um 16:00 Uhr.