Lim Kok Thay | picture alliance / Jens Büttner
Porträt

Pleite von MV Werften An der Spitze der Pyramide

Stand: 20.01.2022 11:05 Uhr

Nach der Insolvenz der MV Werften bereitet nun auch der Mutterkonzern Genting die Abwicklung vor. Ein Blick auf die Vergangenheit von Konzernchef Lim Kok Thay beleuchtet seine Rolle bei der Werftenpleite.

Von Hanna Echle, ARD-Studio Singapur

Entspannt sitzt der freundliche, ältere Herr in einem Lehnsessel und lächelt. Er erzählt von seiner ersten Kreuzfahrt, darüber, wie unwohl er sich im Dinner-Jackett bei über 30 Grad Celsius gefühlt hat und wie er nach drei Tagen genug vom westlichen Essen hatte. Wer hier interviewt wird, ist allerdings kein gewöhnlicher Kreuzfahrtneuling, sondern der Geschäftsmann Lim Kok Thay. Mit einem geschätzten Vermögen von 2,5 Milliarden US-Dollar steht er auf Platz 11 der Forbes Liste der reichsten Malaysier und ist Herrscher über das Genting-Imperium, das in den vergangenen Wochen durch die Pleite seines deutschen Tochterunternehmens MV Werften in die Schlagzeilen geriet.

Das besagte Interview fand im Jahr 2016 statt. Es war einer der wenigen Anlässe, bei denen Lim Kok Thay hinter die Fassade des milliardenschweren Geschäftsmannes blicken ließ. Gentings auf Kreuzfahrten spezialisiertes Tochterunternehmen Genting Hongkong hatte soeben drei Mecklenburgische Werften gekauft und unter dem Namen MV Werften vereint. Der Plan: sich unabhängig von den jahrelangen Lieferfristen der Schiffbauer zu machen. "MV Werften wird nur einen Kunden haben, und das sind wir", sagte Lim Kok Tay 2016 zufrieden.

Große Pläne

Der Unternehmer wurde dankbar willkommen geheißen, schließlich sicherte er zahlreiche Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lim Kok Thay große Pläne. Nachdem er den chinesischen Kreuzfahrtmarkt innerhalb eines Jahrzehnts erobert hatte, sollte nun der nächste Meilenstein folgen: das weltgrößte Kreuzfahrtschiff, die "Global Dream" für 9500 Passagiere - gebaut in Mecklenburg-Vorpommern.

Doch der Einbruch der Geschäfte durch die Covid-19-Pandemie änderte im Kreuzfahrtsektor alles. Genting Hongkong verzeichnete bereits im Jahr 2020 Nettoverluste in Höhe von 1,7 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen begann mit umfassenden Umstrukturierungsmaßnahmen, um Kapital freizuschaufeln. Auch die deutschen Werften blieben von dieser finanziellen Schieflage nicht unberührt.

Anfang Januar meldete MV Werften Insolvenz an, nachdem sich Mutterkonzern Genting nicht mit dem Bund und dem Land Mecklenburg-Vorpommern über die Finanzierung zur Rettung der Werftengruppe einigen konnte. Die beteiligten Parteien schoben sich gegenseitig die Schuld zu und Lim Kok Thay geriet als Chef des Genting-Imperiums in den Fokus des öffentlichen Interesses.

Dass die schnelle Insolvenz der MV Werften sich für manche anfühlte, als würde der Firmenchef nicht genug um die rund 2000 Mitarbeiter seiner Werften kämpfen, lässt sich eventuell mit Lim Kok Thays eigener Familiengeschichte erklären. Sie zeichnet ein Bild eines Mannes, der ein Leben in den Diensten eines Familienimperiums führt, in dem der wirtschaftliche Erfolg ganz oben steht.

Vergnügungsparks, Glücksspiel und Plantagen

Der 70-Jährige ist eine sehr private Person, wenig ist über ihn bekannt. Er soll Kunstsammler sein und hat drei Kinder, die ebenfalls beim Genting-Konzern tätig sind. Nur 2017 geriet das Privatleben des Lim Kok Thay durch mehrere Gerichtsverfahren innerhalb der schwerreichen Familie in die Schlagzeilen. Die Verfahren gaben ungewohnte Einblicke in das Innere eines Familienclans, in dem Geld an erster Stelle zu stehen scheint. Das Ansehen der Familie drohte kurz zu bröckeln, doch 2019 wurden die Streitigkeiten mit einem Vergleich beigelegt und nie wieder erwähnt.

Dabei steht auch in der Entstehungsgeschichte des Genting-Imperiums die Familie im Mittelpunkt. Lim Kok Thay hat das Geschäft von seinem Vater von der Pike auf gelernt. Vater Lim Goh Tong wanderte als 19-Jähriger von China nach Malaysia aus und erschuf auf einem malaysischen Berg nahe der Hauptstadt Kuala Lumpur "Genting Highlands", den ersten Vergnügungspark des Landes und sein Lebenswerk. Über die Jahre wuchs ein milliardenschweres Imperium, das neben Glücksspiel und Vergnügungsparks unter anderem auch in die Kreuzfahrtindustrie, Plantagen, Öl, Gas und Biotechnologie investierte.

Striktes Arbeitsethos

Weggefährten beschreiben Lim Goh Tong als hart arbeitenden Mann, der "keine Sonntage kannte". Dieses Arbeitsethos hat sich auch auf seinen Sohn übertragen, schon früh begleitete Lim Kok Thay seinen Vater auf Geschäftstermine. Er absolvierte ein Ingenieursstudium in London und einen sechswöchigen Management-Kurs an der Harvard Business School. Mit 25 Jahren stieg er in die Genting Gruppe ein. 2003 übernahm Lim Kok Thay dann komplett das Geschäft von seinem Vater, der vier Jahre später starb.

Auf die Frage, was er von seinem Vater gelernt habe, fallen ihm drei Schlagworte ein: "Zupacken", "Hart arbeiten" und "Harmonie schaffen". Harmonisch geht es bei Genting Hongkong allerdings momentan so gar nicht zu. Am Dienstag verkündete das angeschlagene Unternehmen, dass es juristische Schritte für seine Abwicklung vorbereitet. Genting Hongkong befinde sich in einer "unmittelbaren und signifikanten" finanziellen Notlage, erklärte der Kreuzfahrtkonzern.

"Es kann nur einen an der Spitze der Pyramide geben. Ich hoffe, ich versage nicht in Bezug auf die Erwartungen, die an mich gestellt werden", sagte Lim Kok Thay einmal in einem Firmen-Video. Sein Vater war an der Spitze der Pyramide so erfolgreich, dass ihm eine Statue in "Genting Highlands" gewidmet ist. Ob seinem Sohn die gleiche Ehre zuteil wird, bleibt angesichts der aktuellen Entwicklungen allerdings abzuwarten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Januar 2022 um 17:25 Uhr.