Blick auf eine Druckanzeige auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG AG | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Füllstand der Speicher Reicht das Gas für den Winter?

Stand: 20.06.2022 11:20 Uhr

Spätestens Anfang November sollen deutsche Erdgasspeicher zu 90 Prozent gefüllt sein. Ob das Ziel erreicht wird, erscheint wegen stockender Lieferungen aus Russland fraglich. Es ist ein Kampf gegen die Uhr.

Von Andre Kartschall, rbb

"77,7 Prozent Füllstand", sagt Olav Soballa sachlich und zeigt auf den Boden. Rund einen Kilometer unter seinen Füßen liegt der Erdgasspeicher Rüdersdorf, ein künstlich geschaffener Hohlraum im Salzgestein. Über einen Verdichter strömt Gas aus dem Verbundnetz ein, der Speicher füllt sich. Noch.

Rüdersdorf, kurz vor dem östlichen Stadtrand Berlins gelegen, liegt mit seinem Füllstand in der Spitzengruppe der deutschen Erdgasspeicher. Die Zielmarke von 90 Prozent zum 1. November sollte kein Problem sein - wenn das Gas weiter so strömt wie bisher. Wenn.

Soballa läuft über das Gelände, prüft hier und da ein Display. Die Anlage ist menschenleer, das Meiste hier läuft automatisch. Oberirdisch sind nur Rohre zu sehen, Filter, Heizkessel, Messstationen. Im Hintergrund summt der Verdichter, der das Gas in die Kaverne presst - ein untrügliches Zeichen, dass der Speicher sich weiter füllt.

Verknappung lässt Marktpreis steigen

Dann erscheint der Konzernchef zum Pressetermin. Stefan Dohler ist seit 2018 Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers EWE. Als Russland vor wenigen Tagen die Drosselungen der Erdgaslieferungen mit technischen Problemen an einem Ersatzteil begründete - da habe er gedacht, "da steckt mehr dahinter", sagt Dohler. Russland profitiere schließlich indirekt davon, wenn es die Lieferungen drossele. Der Gaspreis steige mit jeder Verknappung des Rohstoffs. "Ich kann's nicht beweisen. Ich kann's nur vermuten."

Stephan Dohler

EWE-Chef Stephan Dohler bezweifelt, dass sich die vorgeschriebenen 90 Prozent Füllstand bis zum 1. November erreichen lassen.

Tatsächlich geben manche Experten schon länger zu bedenken, dass Russland wegen der hohen Preise unterm Strich mehr Einnahmen durch Erdgas erzielt als in den Vorjahren. Und das bei geringerer Liefermenge. Ähnlich ist es auch beim anderen russischen Exportschlager, dem Erdöl. Auch dort sind die Preise weltweit seit Beginn des Ukraine-Kriegs gestiegen.

EWE hat im Herbst viel Gas gekauft

Dass der Speicher Rüdersdorf so gut gefüllt ist, liegt auch daran, dass das Unternehmen bereits im letzten Herbst viel Gas eingekauft hat - zu einer Jahreszeit, in der die Preise eher hoch sind. Doch bereits damals war zu sehen, dass die deutschen Speicher im Durchschnitt relativ leer waren. "Da haben wir eigentlich entgegen der normalen, reinen Marktlogik mehr Gas eingespeichert", so Dohler.

Damals gab es noch genügend Gas im europäischen Verbundnetz. Das ist seit wenigen Tagen anders, glaubt Dohler, besonders mit Blick auf das gesetzlich vorgeschriebene Ziel, wonach die deutschen Speicher mit 90 Prozent Füllstand in den Winter gehen sollen: "Wenn die Gasmengen nicht deutlich wieder hochgefahren werden, wird das anspruchsvoll. Ich glaube nicht, dass es leistbar ist." Insbesondere der ehemalig zu Gazprom gehörende Speicher im niedersächsischen Rehden sei momentan noch viel zu leer.

Regeln des Westens - oder Regeln des Krieges?

Des Chef des russischen Gazprom-Konzerns, Alexej Miller, konterte Ende der vergangenen Woche Kritik aus dem Westen an den gedrosselten Erdgaslieferungen lapidar. "Unser Produkt. Unsere Regeln. Wir spielen nicht nach Regeln, die wir nicht gemacht haben", sagte der Vorstandsvorsitzende in einer öffentlichen Diskussionsrunde.

Das war, mal wieder, ein Schlag ins Gesicht derer, die darauf pochen, dass Russland die geschlossenen Lieferverträge einzuhalten habe - dies sei schließlich üblich in der internationalen Wirtschaftsgemeinschaft. Miller hat diese Logik mit seiner Bemerkung kurzerhand vom Tisch gewischt.

Energie als Waffe

Selten zuvor hat ein hochrangiger Vertreter der russischen Rohstoffwirtschaft den Konflikt so prägnant zusammengefasst. Einerseits der Westen, der Sanktionen gegen Russland verhängt und sich gleichzeitig in Sicherheit wiegt, dass Russland aus wirtschaftlichen Gründen den Gashahn gar nicht zudrehen kann. Andererseits ein Russland, in dem Staat und Wirtschaft kaum zu unterscheiden sind - ein Land, das sich im Krieg befindet und diesen mit vielen Mitteln führt.

Bereits vor Wochen hat Jacopo Maria Pepe von der Stiftung Wissenschaft und Politik davor gewarnt, sich zu sehr auf die Annahme zu stützen, dass Russland aus Eigennutz den Gashahn nicht zudrehen werde. Dieses Denken unterstelle, dass Russland rein wirtschaftlich rational handele. "Es herrscht eine andere Logik seit dem 24. Februar", so Pepe. "Und natürlich ist Energie jetzt zu einer möglichen Nebenwaffe geworden." Inzwischen verdichten sich die Anzeichen, dass Russland diese Waffe längst einsetzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Juni 2022 um 11:00 Uhr.