Gaszähler

Wegen hoher Energiekosten Insolvent trotz guter Auftragslage

Stand: 14.01.2022 08:12 Uhr

Die Gaspreise sind zum Jahreswechsel gestiegen. Das stellt nicht nur Privathaushalte, sondern auch viele Firmen vor große Herausforderungen - oder treibt manche gar in die Insolvenz.

Von Jenni Rieger, SWR

Wenn Stefan Böll durch die große Halle der Kartonfabrik läuft, zerreißt es dem Geschäftsführer fast das Herz. Denn die große Kartonmaschine steht still. Nicht, weil das Gernsbacher Unternehmen "Baden Board" keine Aufträge hätte oder die Lager leer wären. Sondern schlicht aus dem Grund, weil sich die Firma den Betrieb der Maschinen nicht mehr leisten kann.

Jenni Rieger

4,5 Millionen Euro für Gas

"Die Energiepreise sind sehr volatil, sind in den vergangenen sechs Monaten extrem gestiegen, insbesondere der Gaspreis", klagt Böll. "Allein die Vorfinanzierung der Gaskosten für den Januar, also zahlbar im Dezember, wären etwa vier bis viereinhalb Millionen Euro gewesen. Das sind solche gewaltigen Summen, das konnte das Unternehmen nicht mehr stemmen."

1000 Megawatt verbraucht die Kartonfabrik im Murgtal bei Baden-Baden pro Tag. In der Vergangenheit machte dieser Energiebedarf etwa fünf bis maximal 15 Prozent der Herstellungskosten aus. Doch durch die steigenden Preise für Gas, mit dem hier Strom produziert wird, liegen die Herstellungskosten inzwischen bei 30 bis 40 Prozent - zu viel für den mittelständischen Betrieb.

Also zog die Geschäftsführung  die Notbremse. Am 30. Dezember wurden alle Turbinen und Maschinen abgestellt, die Produktion auf Null heruntergefahren, 200 Mitarbeiter freigestellt. Warum die Gaspreise so sehr gestiegen sind, kann Geschäftsführer Böll nur vermuten: "Es gibt sicher viele Gründe. Die wirtschaftliche Erholung nach Corona, die hohe Nachfrage aus Asien nach Flüssiggas, die aktuellen Themen rund um die Ukraine, und ich denke, auch ein Stück weit auch Politik, was hier betrieben wird."

Der Gasversorger kassiert nur einen Teil

Tatsächlich setzt sich der Gaspreis in Deutschland aus mehreren Faktoren zusammen, wie das Beispiel eines Einfamilienhauses zeigt: Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft entfallen hier 46 Prozent des Gaspreises auf Beschaffung und Vertrieb des Gases. Dies ist das Geld, das letztlich beim Gasversorger landet. Hinzu kommen die Netzentgelte, die für die Nutzung der Netze anfallen, mit 23 Prozent. Und schließlich die Abgaben, Steuern und der CO2-Preis mit 31 Prozent. Sprich: Der jeweilige Gasversorger erhält weniger als die Hälfte des vom Nutzer bezahlten Gaspreises - der Rest geht an die Netzbetreiber und an den Staat in Form von Steuern und Abgaben.  

Mit einer Vermutung, hinter dem Steigen des Gaspreises lägen auch politische Gründe, hat der Geschäftsführer der Kartonfabrik im Murgtal also nicht ganz unrecht. Denn in ihrem Klimapaket hat die Bundesregierung eine CO2-Abgabe beschlossen. Im vergangenen Jahr belief sich dieser Betrag auf 25 Euro pro Tonne klimaschädlichem Kohlendioxid-Ausstoß; seit diesem Jahr werden 30 Euro fällig. Bis zum Jahr 2025 soll die Klima-Abgabe auf 55 Euro pro Tonne CO2 steigen.

"Globale Einflüsse wirken stark"

Doch es gibt auch noch andere Faktoren außerhalb des deutschen Einflusses, die den Preis in die Höhe treiben: "Der Gaspreis bildet sich weltweit, globale Einflüsse wirken stark auf die Preise im europäischen Gas-Großhandel", erklärt Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbandes "Zukunft Gas". "Der Preisanstieg begann im vergangenen Jahr und wurde ausgelöst durch die Entwicklung in Asien, wo die Wirtschaftsaktivität nach der Corona-Krise deutlich schneller stieg als in Europa. Gleichzeitig sorgten geringere Erträge aus Windenergie in vielen Teilen der Welt zu einer höheren Nachfrage nach anderen Energieträgern, was sich entsprechend auf den Gaspreis auswirkte."

Im Sommer hätten dann viele Marktteilnehmer mit einem Rückgang der Preise gerechnet, was aber nicht geschehen sei, so Kehler weiter. "Deshalb mussten zum Beispiel Gasspeicher in Europa, die nach dem kalten Winter 2020/21 stark geleert worden waren, für den kommenden Winter zu hohen Preisen wieder aufgefüllt werden."

Auch die Energieversorger reagieren verunsichert

Die gestiegenen Energiepreise scheinen nicht nur die Endverbraucher,  sondern auch manche Energieversorger zu verunsichern. So hatten die Stadtwerke Stuttgart zum Ende des vergangenen Jahres mit der Ankündigung überrascht, keine Neukunden mehr aufnehmen zu wollen. Begründung: die "starken Preissteigerungen und -schwankungen im Gasbereich".

Die Kritik kam prompt. Haus & Grund nannte das Vorgehen "nicht akzeptabel": "Es geht nicht, Neukunden die Tür vor der Nase zuzuschlagen", so Geschäftsführer Ulrich Wecker, "Selbst dann nicht, wenn die Preise am Energiemarkt gerade Achterbahn fahren." Haus & Grund erklärt, man habe Verständnis dafür, dass die extrem schwankenden Beschaffungspreise eine langfristige Kalkulation der Angebotspreise derzeit schwierig mache. Diese Entwicklung habe sich jedoch schon länger abgezeichnet.

Neukunden müssen massive Preisaufschläge hinnehmen

Die Stadtwerke Stuttgart haben inzwischen eingelenkt und angekündigt, doch wieder Neukunden aufzunehmen. Diese müssten allerdings 14,85 Cent pro Kilowattstunde zahlen - und somit fast das Doppelte des Tarifs für Bestandskunden, der sich auf 7,85 Cent beläuft. Diese Preise für Neukunden beruhten auf dem "aktuellen Marktpreis", teilen die Stadtwerke mit. Und weiter: "Auslöser der Entwicklung sind unter anderem weltweit extrem gestiegene Preise für Erdgas sowie deutlich gestiegene Preise für CO2-Zertifikate bei den Kraftwerksbetreibern."

Die Kartonfabrik im Murgtal hätte in diesem Jahr ihr 140-jähriges Bestehen gefeiert. Doch nun steht die Produktion still. Dennoch will man hier die Hoffnung nicht ganz aufgeben. Drei Interessenten haben sich inzwischen gemeldet; Investoren, die sich vorstellen könnten, das Unternehmen zu kaufen und weiterzuführen. Der hohen Energiekosten zum Trotz.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.