Ofen der Glasmanufaktur Brandenburg | rbb

Folgen eines Embargos Kein Glas ohne russisches Gas

Stand: 08.04.2022 08:18 Uhr

Viele energieintensive Betriebe sehen nicht nur ihre Produktion in Gefahr, falls Gasimporte aus Russland kurzfristig enden sollten. Sie warnen auch vor schwer gestörten Lieferketten - wie ein Beispiel aus der Glasindustrie zeigt.

Von Andreas König, RBB

Ein breites rot-orange glühendes Band aus Glas schiebt sich über die Rollen des Förderbandes. Bis auf 1600 Grad Celsius müssen die Rohstoffe in der Schmelzwanne erhitzt werden. Und diese Temperatur muss dann rund um die Uhr gehalten werden, damit das Rohglas nicht aushärtet und die Anlagen nicht beschädigt werden. "Normalerweise stellt man den Schmelzvorgang nur einmal ab, um die Wanne neu zu bauen" sagt Torsten Schröter, Geschäftsführer der Glasmanufaktur Brandenburg (GMB) in Tschernitz im Süden des Bundeslandes.

Etwa zehn Millionen Quadratmeter Spezialglas für Solaranlagen und Treibhäuser werden hier im Jahr hergestellt. Das kostet eine große Menge Energie, die bisher durch russisches Erdgas geliefert wird - seit 15 Jahren bereits und derzeit alternativlos, sagt der Geschäftsführer. Die Anlage könne nicht einfach auf Kohle oder Öl umgerüstet werden. Das sei technisch nicht möglich. Es gebe langfristig die Vision, auf Wasserstoff umzusteigen. Aber dafür fehle noch die Infrastruktur.

"An uns hängt die ganze Solarindustrie"

Nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine hat die Glasmanufaktur mit stark gestiegenen Energiepreisen zu kämpfen. Die hätten sich seit dem vergangenen Herbst verdreifacht, sagt Schröter. Würden russische Gaslieferungen jetzt ganz ausbleiben, wäre sein Unternehmen fundamental davon betroffen, warnt der GMB-Geschäftsführer. "Wir sind der einzige Hersteller von strukturiertem Solarglas in Europa, an uns hängt die ganze Solarindustrie. Das Aus unseres Unternehmens würde auch für einen sehr langen Zeitraum das Aus für die europäische Modulherstellung bedeuten."

Torsten Schröter | rbb

Glasmanufaktur-Chef Torsten Schröter warnt vor Problemen bei der Herstellung von Solarmodulen, sollte seinem Betrieb das Gas fehlen. Bild: rbb

Nach Bekanntwerden der Gräueltaten von Butscha hat die internationale Gemeinschaft die Sanktionen gegen Russland weiter verschärft. Die EU-Staaten haben ein Einfuhrverbot unter anderem für russische Steinkohle verhängt. Auch ein bereits viel diskutiertes Lieferembargo für Öl und Erdgas rückt weiter in den Bereich des Möglichen. So sagte EU-Ratspräsident Charles Michel am Mittwoch dieser Woche vor dem Europäischen Parlament, dass auch Maßnahmen bei Öl und selbst Gas früher oder später nötig werden würden.

Komplettabschaltung würde Anlagen beschädigen

Auf diese Entwicklungen blickt die Glasindustrie mit wachsender Sorge. So heißt es in einer Stellungnahme des Bundesverbandes Glas (BV Glas), dass eine Komplettabschaltung der Erdgasversorgung in der Glasindustrie unmöglich sei. Das würde nicht nur zu einem Produktionsausfall, sondern auch zu irreversiblen Anlageschäden führen, deren Wiederaufbau Monate oder Jahre dauern würde. Die Schäden könnten laut dem BV Glas zu Engpässen bei der Versorgung mit Glas führen und Lieferketten in vielen anderen Bereichen gefährden, etwa in der Lebensmittel-, Getränke-, Pharma- sowie der Automobil- oder Bauindustrie.

So appelliert der Bundesverband, "kurzfristig einen Dialog zur Erarbeitung gemeinsamer Lösungsszenarien für drohende Versorgungsengpässe" zu initiieren. Betroffene Unternehmen mit konkreten Nothilfe-Maßnahmen zu unterstützen, fordert auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Dessen Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte unlängst: "Konkrete Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung zu erstellen, ist derzeit kaum möglich." Er verwies auf eine aktuelle DIHK-Befragung, derzufolge fast 80 Prozent der Betriebe von den Folgen des Krieges in der Ukraine betroffen seien und bereits jedes zehnte Unternehmen von einer deutlich verschlechterten Finanzlage bis hin zur Insolvenzgefahr berichteten.

Nervosität, aber noch nicht mehr Pleiten

Es gebe derzeit noch keinen spürbaren Anstieg bei der Zahl von Insolvenzanträgen, sagt Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID). Noch seien die öffentliche Hand und die Banken bereit, durch Zins- und Tilgungsaussetzung steigende Energiekosten und sich daraus ergebene Insolvenzrisiken aufzufangen. Die Frage sei, wie lange das noch anhalten werde, so Niering. Hier sei eine zunehmende Nervosität vor allem bei energieintensiven Unternehmen spürbar.

Je länger der Krieg in der Ukraine andauert, desto größer werden die Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft werden. "Ob dies auch zu mehr Insolvenzen führt, hängt im Wesentlichen davon ab, ob der Staat bereit ist, weitere Hilfen zu gewähren", so der VID-Vorsitzende.

Kurzfristig setzt Torsten Schröter von der Brandenburger Glasmanufaktur erst einmal auf Entlastung bei den hohen Energiepreisen. Etwa darauf, dass die Politik auf die Forderung des Bundesverbandes Glas eingeht und die EEG-Umlage rückwirkend bereits zum 1. Januar dieses Jahres abschafft und nicht erst wie geplant zum 1. Juli. Das würde schon helfen. Darüber hinaus hofft der Geschäftsführer auf ein baldiges Ende des Krieges in der Ukraine - nicht nur für sich und seine rund 300 Beschäftigten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. April 2022 um 06:49 Uhr.