Die Whistleblowerin Frances Haugen | REUTERS

Whistleblowerin Frances Haugen "Facebook hat Blut an den Händen"

Stand: 15.03.2022 18:03 Uhr

Im vergangenen Jahr erzeugten die Enthüllungen von Frances Haugen viel Druck auf den Facebook-Mutterkonzern Meta. Jetzt legt die Whistleblowerin nach - spricht aber auch über Lösungsansätze.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles, z. Zt. in Austin

Hat Facebook Blut an den Händen? Das wird Frances Haugen in einem Gespräch auf der Medienmesse SXSW gefragt. Sie holt einmal tief Luft: "Facebook weiß schon lange, dass seine Entscheidungen, um den Profit zu maximieren, Menschen weh tut", sagt Haugen. "Dass Kinder sich selbst weh tun, sie zu Selbstmorden beitragen, es ethnische Konflikte anheizt auf der Welt. Also ja: Facebook hat Blut an seinen Händen."

Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

Kein angemessener Umgang mit Hassrede

Haugen war im vergangenen Jahr schlagartig als Whistleblowerin bekannt geworden. Sie hatte aus ihrer Zeit als Facebook-Mitarbeiterin interne Unterlagen an Journalisten weitergegeben. Diese zeigten unter anderem, dass Facebook - mittlerweile der Meta-Konzern - Studien unter Verschluss gehalten hatte, in denen es um die geistige Gesundheit von Jugendlichen und der Nutzung von Social Media ging. 

Haugen hatte einige Jahre bei Facebook in einem Team gearbeitet, das sich um Falschinformation und Fake News außerhalb der USA kümmern sollte. Facebook wird vorgeworfen, Konflikte in verschiedenen Regionen anzuheizen, indem der Konzern nicht adäquat auf Hassrede reagiert. Als Beispiele nennt Haugen Äthiopien und Myanmar. Im Dezember hatte die muslimische Minderheitengruppe Rohingya Facebook verklagt, weil sie dem Unternehmen eine Mitschuld am Genozid in Myanmar 2017 zuschrieb. 

Algorithmen bevorzugen Englisch - und Gewaltvideos

Haugen sagt, das Problem sei die Omnipräsenz und Macht von Facebook in nicht-westlichen Nationen. "Facebook ist in diese Länder gegangen und hat gesagt: Wenn Ihr das offene Internet benutzen wollt, müsst Ihr dafür zahlen. Doch wenn Ihr unser geschlossenes Internet nutzen wollt, ist es frei." Viele Menschen, die andere Sprachen sprächen, nutzten Facebook für bis zu 90 Prozent der Web-Inhalte, die sie sich ansähen. "Wenn wir über Falschinformation in den USA und Europa reden, müssen wir sehen, dass wir noch die Wahl haben - Millionen andere haben diese Wahl nicht", so Haugen.

Facebook fokussiere sein Maschinelles Lernen zu stark auf die populären Sprachen wie Englisch oder Spanisch - und nicht auf Dialekte und Sprachen von Minderheiten. Das mache es viel schwerer, Hassrede zu identifizieren und zu löschen. Zudem sei der Algorithmus nach wie vor darauf ausgelegt, Inhalte in den Vordergrund zu stellen, die viel Interaktion versprechen. Dies seien Inhalte, die eher negative Gefühle auslösen, so Haugen. Außerdem favorisiere der Algorithmus Live-Videos - obwohl in denen regelmäßig schlimme Dinge passierten wie etwa Selbstmorde oder Amokläufe. 

Erst lesen, dann teilen

Haugen hat nicht nur Kritik mitgebracht auf die Messe. Während ihres einstündigen Vortrags spricht sie auch über die Möglichkeiten, Facebook zu einem besseren Netzwerk zu machen - zum Beispiel, indem die User aufgefordert werden, Artikel zu lesen, bevor sie sie teilen. Twitter, führt sie an, fordere die Nutzer auf, auf einen Link zu klicken, bevor man ihn teilt. Diese kleine Aktion reduziere Falschinformation bereits um zehn bis 15 Prozent.

Ein weiterer Vorschlag Haugens: mehr Inhalte von Menschen durchleuchten zu lassen anstatt von Künstlicher Intelligenz. Und sich gleichzeitig besser um die Menschen zu kümmern, die problematische Inhalte filtern müssen; denn diese litten nicht selten an posttraumatischen Belastungsstörungen. Facebook müsse dafür aber auch einen kleinen Einschnitt bei den Gewinnen hinnehmen.

Frances Haugens Einblicke offenbarten nicht viel Neues, trotzdem sind sie angesichts des Kriegs gegen die Ukraine und der Flut an Fehlinformation und Falschnachrichten wichtiger denn je. Nach ihrem Vortrag gab es für die Whistleblowering stehenden Applaus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. März 2022 um 08:36 Uhr.