Mitarbeiterin der Gepäckabfertigung. | picture alliance/dpa

Personal aus der Türkei Nur 150 Flughafen-Hilfskräfte erwartet

Stand: 17.08.2022 13:04 Uhr

Hilfe aus dem Ausland, um das Flughafenchaos abzumildern - das war der Plan von Luftfahrtbranche und Politik. Jetzt kommen nur wenige türkische Hilfskräfte, der größte deutsche Airport verzichtet ganz auf sie. Was ist der Grund?

In zahlreichen deutschen Flughäfen kam es in den vergangenen Wochen zu massiven Verspätungen, langen Warteschlangen oder Flugstreichungen. Grund dafür war unter anderem der Personalmangel am Boden. Die Branche forderte knapp 1000 neue Arbeitskräfte. Kommen sollen nun aber gerade einmal 150 Hilfskräfte aus der Türkei, sagte der Chef des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL), Thomas Richter, der Nachrichtenagentur Reuters.

"Es sind rund 150 Arbeitsverträge geschrieben", so Richter. Interessiert seien aber nur die beiden Flughäfen München und Nürnberg. Die Arbeitskräfte aus der Türkei sollen dort vor allem bei der Gepäckabwicklung befristet bis zum 6. November arbeiten.

Köln und Düsseldorf abgesprungen

Angesichts des Abfertigungschaos zu Sommerbeginn hatten die Verbände der Flughäfen und der Bodenabfertiger ursprünglich sogar darauf gedrängt, mindestens 2000 Aushilfen aus der Türkei zu erleichterten Bedingungen etwa für die Gepäckdienste anheuern zu dürfen. Dies sollte durch geringere bürokratische Hürden für das Anheuern ausländischer Arbeitskräfte vor allem aus der Türkei geschehen.

Als dann der Personalbedarf abgefragt worden sei, habe die Branche noch rund 970 Arbeitskräfte angefordert, sagte Richter. Allein der größte deutsche Flughafen Frankfurt hätte etwa 500 Menschen benötigt. Dann jedoch seien die Airports Köln und Düsseldorf abgesprungen, "weil es insgesamt zu lange dauerte und die Ferien fast schon durch waren", sagte Richter. "NRW hat die Zeit wehgetan."

Ende Juni hatte die Bundesregierung zur Abhilfe schnelle Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse für Personal aus der Türkei in Aussicht gestellt. Die Koalition pochte aber darauf, dass es keine Abstriche bei Sicherheitschecks geben werde.

Tausende Flüge gestrichen

Am Frankfurter Flughafen sind wegen der Personalnot Tausende Flüge gestrichen worden, um den verbleibenden Flugplan zu stabilisieren. Der Flughafenbetreiber Fraport verzichtet nun dennoch auf die Aushilfskräfte aus der Türkei, die befristet angeworben werden sollten. Fraport begründete dies damit, dass die tatsächliche Qualifikation der Hilfskräfte "vielfach deutlich unter unseren geforderten Minimalanforderungen liegt". Dies betreffe etwa einschlägige Flughafen-Erfahrung und Deutschkenntnisse.

"Mit Blick auf den befristeten Einsatz dieser Beschäftigten, stehen der Aufwand für umfangreiche Schulungen, Deutschkurse et cetera und Nutzen hier leider in keinem sinnvollen Verhältnis." Fraport will deshalb über diesen Weg niemanden einstellen - "auch zu unserer Enttäuschung". Man werde selber Personal rekrutieren und benötige noch mehrere Hundert Beschäftigte, nachdem schon gut 1000 angeheuert seien.

Feriensaison noch bis November

In Nürnberg sind die Hilfskräfte hingegen willkommen. Die heiße Phase der Hochsaison habe mit den Sommerferien erst begonnen, die Feriensaison gehe noch bis zu den Herbstferien Anfang November, erklärte ein Flughafensprecher. Deshalb komme die Hilfe noch rechtzeitig. "Wir brauchen helfende Hände, die Gepäck von A nach B schleppen können und keine Beschäftigten mit besonderen Qualifikationen wie etwa einem Führerschein für Spezialfahrzeuge."

Am Flughafen München reisen die ersten Aushilfen am kommenden Wochenende für rund zweieinhalb Monate an, nachdem der Anwerbeprozess fast genauso lang gedauert hat. Das Personal soll im Innendienst der Bodenverkehrsdienste zur Gepäckeinschleusung eingesetzt werden - nicht im direkten Umfeld der Flugzeuge.

Hohe Kosten und lange Sicherheitschecks

ABL-Fachmann Richter sagte, der Prozess habe insgesamt lange gedauert. "Es einen krachenden Erfolg zu nennen, wäre wohl falsch." Positiv sei allerdings, dass alle Beteiligten nun ein klares Augenmerk auf die sogenannte Zuverlässigkeitsüberprüfung (ZÜP) hätten. "Ich hoffe, dass wir künftig die Leute schneller durch die ZÜP bekommen." Auch der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hatte wiederholt einen schnelleren Sicherheitscheck bei Neueinstellungen gefordert. In Branchen mit besonderen Sicherheitsrisiken wie der Luftfahrt werden die Personendaten von Beschäftigten an Polizei oder Verfassungsschutz geschickt, bevor eine Anstellung möglich ist.

Bei dem geringen Interesse der Flughäfen an Hilfskräften aus der Türkei dürften auch die Kosten für die Anwerbung ein Rolle spielen. Ein Dienstleister sagte dem WDR, dass die formellen und finanziellen Hürden zu hoch seien. Für die Vermittlung potenzieller Mitarbeiter verlange ein türkisches Unternehmen pro Kopf eine vierstellige Provision. Hinzu kämen mehrere Tausend Euro für Schulungen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. August 2022 um 07:31 Uhr.