Maschinen verschiedener Fluggesellschaften werden am Flughafen Hamburg abgefertigt | picture alliance/dpa

Impf-Hoffnung für Luftverkehr Wie lange dauert die Krise der Airlines?

Stand: 14.01.2021 14:29 Uhr

Corona hat die Luftfahrtbranche hart getroffen. Angesichts fortschreitender Impfungen verbreiten die Fluggesellschaften Optimismus und hoffen auf eine schnelle Erholung. Das könnte verfrüht sein.

Von Andreas Clarysse, HR

Wenn man auf die Aktien der Airlines schaut, könnte man fast glauben, die Krise sei bald schon zu Ende. Die Lufthansa-Aktie legte in den letzten Wochen um rund 50 Prozent zu und liegt inzwischen wieder bei mehr als 10 Euro. Die Aktie von Ryanair verdoppelte seit März 2020 sogar ihren Wert. Bedeutet dies, dass die Luftfahrt-Unternehmen die Corona-Krise schon bald hinter sich gelassen haben?

Andreas Clarysse

Airlines verbreiten Optimismus

Zumindest bemüht sich die Branche, Optimismus zu verbreiten. Immer wieder betonen Luftfahrtmanager, dass die Krise spätestens ab 2022 ganz überwunden sein könnte. Mit dem Impfstoff, der seit einigen Wochen weltweit verimpft werde, würden mehr Flugreisen sehr bald wieder möglich sein - entweder nach Vorlage eines Impfpasses, wie die australische Qantas das angekündigt hat, oder nach einem negativen PCR-Schnelltest.

"Am Flughafen in Zürich wird jetzt auch ein Corona-Test mit Speichel angeboten", sagt der ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel. "Der ist so einfach, dass er von den Passagieren selbst durchgeführt werden kann. Aber er ist auch nicht gerade billig."

Aussichten wie diese lassen Airline-Vorstände frohlocken: Lufthansa-Chef Carsten Spohr geht davon aus, dass seine Gesellschaft 2021 im Schnitt wieder die Hälfte des Passagier-Niveaus von 2019 wird erreichen können. Anfangs noch darunter, aber "für den Sommer und Herbst kalkulieren wir mit bis zu 70 Prozent", so Spohr gegenüber der "Wirtschaftswoche".

"Das mutierende Virus zeigt aber auch Fluggesellschaften Unwägbarkeiten auf", sagt Immel. "Die Sorge über eine Ausbreitung der neuen Variante des Coronavirus hat dem Flugverkehr über die Weihnachtsferien stark zugesetzt. Das bremst auf manchen Flugstrecken die erhoffte Erholung", so der ARD-Luftfahrtexperte. So habe die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines auf Anweisung der österreichische Regierung bis zum 24. Januar Flüge aus Südafrika und Großbritannien aus ihrem Programm nehmen müssen.

Echte Hoffnung oder Zweckoptimismus?

Auch Ralf Teckentrup, Chef der Ferienfluggesellschaft Condor, erwartet ein starkes Wachstum in diesem Jahr. Der Flugplan sehe fast wieder so aus wie vor Beginn der Pandemie, sagte der Manager vor Kurzem. "Die Nachfrage im Sommer 2021 dürfte bei bis zu 75 Prozent der Vorkrisen-Zeit liegen", bestätigt Condor-Sprecherin Magdalena Hauser.

Ist die nahe Zukunft tatsächlich so rosig, oder ist das eher das "Pfeifen im Walde", weil die Branchenmanager Angst vor einer weiter ungewissen Zukunft haben? Die Airline-Organisation IATA hat bei den Fluggesellschaften 2020 Verluste weltweit von knapp 100 Milliarden Dollar errechnet. Knapp 40 Milliarden Miese sollen 2021 noch hinzukommen. Wie sollen diese Summen aber zurückgezahlt werden, wenn die Airlines noch gar nicht sagen können, wie sie wieder Geld verdienen können?

"Eine Marktbereinigung ist seit Jahren in der Luftfahrtbranche überfällig. Die Corona-Krise wird das beschleunigen", sagt Experte Immel. "Wir sehen jetzt schon etliche Airlines in schweren finanziellen Turbulenzen. Teilweise werden diese auch nur mit Staatsgeldern künstlich am Leben erhalten."

Sparsamere Flugzeuge sollen Kosten drücken

Am Beispiel der Lufthansa kann man gut erkennen, wie schwierig es wird, wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Der Konzern muss die Personalkosten drastisch senken, etwa 29.000 Stellen wurden weltweit abgebaut, Kurzarbeit und Krisenvereinbarungen sollen helfen, die Verluste einzudämmen. Mindestens 150 Flugzeuge der einstmals 760 Jets umfassenden Konzernflotte sollen dauerhaft nicht mehr abheben.

Stattdessen sollen künftig Kerosin sparende Jets geleast werden. Auch hiermit verdient man kurzfristig erst einmal kein Geld. Der Lufthansa-Konzern wird damit zwar nicht unbedingt "grüner", aber die neuen Jetzt belasten die Umwelt deutlich weniger als die alten. Schon vor der Pandemie, so rühmt sich Lufthansa, habe man über mehrere Jahre hinweg alle zwei Wochen ein neues umweltfreundliches Flugzeug in Dienst gestellt, das im Vergleich zu älteren Modellen ein Viertel weniger Treibstoff verbraucht.

Touristen statt Geschäftsreisende als Zielgruppe

Und auch steigende Passagierzahlen machen die Lufthansa nicht automatisch zur "Cash-Cow". Denn als sicher gilt, dass das Aufkommen an Geschäftsreisenden, die bisher First-Class oder Business reisten, sehr stark zurückgehen wird. Das würde die Branche extrem belasten: Sie hat nämlich bisher gut von den Vollzahlern gelebt und mit ihnen billige Tarife quersubventioniert.

Da sich Videokonferenzen und Online-Meetings etabliert haben, schätzt die Lufthansa den Rückgang an Geschäftsreisenden auf zehn bis 20 Prozent. Pessimisten befürchten einen doppelt so hohen Einbruch. Diesen herben Verlust will die Lufthansa - genau wie die Konkurrenz - unter anderem mit dem verstärkten Einstieg in das Feriengeschäft ausgleichen.

"Die Lufthansa setzt künftig auch auf eine neue touristische Plattform. 'Ocean' heißt das Projekt, das derzeit mit Nachdruck vorangetrieben wird. Denn auch als Ferienflieger will der Konzern künftig gutes Geld verdienen. Was mit Germanwings, Eurowings und SunExpress nicht gelungen ist, dem soll mit 'Ocean' nun zu einem Durchbruch verholfen werden", sagt ARD-Luftfahrtexperte Immel.

Mit dem Projekt "Ocean" will die Kranich-Airline den Billigfliegern Konkurrenz machen. So soll die touristische Langstrecke aus Frankfurt und München auf einer Plattform gebündelt werden, natürlich um preiswerter zu werden. Aber die Konkurrenz schläft nicht: Billigflieger Ryanair hat für den Neustart bereits mit aggressiven Kampfpreisen gedroht. Und so bleiben die Ticketpreise für Kunden zwar niedrig - aber für die Airlines sind große Gewinne in diesem Geschäftsbereich eher nicht zu holen.

Langfristige Pläne kaum möglich

Blickt man auf die Geschäftsaussichten für 2021, erschwert ein weiteres Phänomen die Prognosen. "Früher", so Condor-Sprecherin Hauser, "wurden besonders Fernreisen sechs bis acht Monate vor Reiseantritt gebucht. Diese Frist ist aktuell auf zehn bis vierzehn Tage geschrumpft. So sind mittelfristige Kalkulationen kaum noch möglich."

Auch wenn die Zahl der Buchungen in diesem Jahr also ansteigen mag, das Ende der Krise ist noch lange nicht in Sicht. Wenn der Lockdown weiter verlängert wird und zum Beispiel Virusmutationen die weltweite Beweglichkeit länger einschränken, dann könnten der Optimismus und auch die Börsenkurse schneller sinken, als es für das Geschäft gut wäre.