Ein Flugzeug am Flughafen Peking | AFP

Chinas Null-Covid-Politik Harte Zeiten für Fluggesellschaften

Stand: 28.01.2022 11:23 Uhr

Die Volksrepublik hat sich abgeschottet vom Rest der Welt. Es gibt kaum noch Flüge von und nach China. Airlines, die versehentlich corona-positive Passagiere ins Land bringen, werden bestraft.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai, zzt. Freiburg

Es ist noch dunkel, als die fast voll besetzte Boeing 747 nach rund elf Stunden Flugzeit aus Shanghai kommend früh morgens in Frankfurt am Main landet. Während die Maschine langsam auf ihre Parkposition rollt, macht sich unter den Passagieren Erleichterung breit. Denn in Corona-Zeiten einen Linienflug zwischen China und Europa anzutreten, entspricht einem mittleren Abenteuer. Grund sind die seit nun fast zwei Jahren so gut wie vollständig geschlossenen Grenzen der Volksrepublik.

"Die Zahl internationaler Flugverbindungen von und nach China wurde von der Staatsführung sehr stark reduziert", sagt David Yu, Finanzmarkt-Professor am Campus der New York University (NYU) in Shanghai, Experte für die Luftfahrtindustrie. "Im Vergleich zur Vor-Covid-Zeit liegen wir bei unter zehn Prozent der Passagier-Kapazität. Und zuletzt, mit der Verbreitung von Omikron, ging die Zahl der Flüge sogar noch weiter zurück."

Linienflüge kosten mehr als das Zehnfache

Die Folge: Die wenigen Linienflüge zwischen China und dem Rest der Welt, die buchbar sind, kosten teils mehr als das Zehnfache im Vergleich zu früher. Auch sind die Plätze oft monatelang im Voraus ausgebucht. Wer eines der begehrten Flugtickets etwa aus Europa nach China ergattert, muss damit rechnen, dass die Verbindung kurzfristig gestrichen wird.

Denn Chinas Staats- und Parteiführung wendet seit Sommer 2020 ein System an, mit dem Fluggesellschaften bestraft werden, die - ohne Absicht - corona-positive Passagiere in die Volksrepublik befördern. Mehr als fünf Fälle an Bord einer Maschine führen zu einer zweiwöchigen Zwangspause. Bei mehr als zehn Fällen wird die jeweilige Verbindung nach China für einen Monat suspendiert. Passagiere aus China herauszufliegen, das ist den Fluggesellschaften weiter erlaubt. In der Folge müssen die riesigen Maschinen immer wieder ohne Passagiere nach China fliegen, um dort die Fluggäste einzuladen, die das Land verlassen wollen.

"Für die Luftfahrtbranche ist das natürlich der Worst Case", sagt Andreas Glunz, Vorstand fürs internationale Geschäft bei der Unternehmensberatung KPMG in Deutschland. "Die Kapazitäten immer wieder hoch- und wieder herunterzufahren ist für die Airlines nicht sehr effizient. Das wird die Fluggesellschaften auch noch weiterhin massiv betreffen. Das bleibt für die Fluggesellschaften mit Sicherheit auch noch im laufenden Jahr ein großes Hindernis."

Frachttransporte statt Passagierflüge

Betroffen von Chinas staatlichem Luftverkehr-Bestrafungssystem sind die meisten internationalen Fluggesellschaften, so auch die Lufthansa. Ein Konzern-Sprecher bestätigte dem ARD-Hörfunk, dass die Lufthansa auf ihren Linienflügen in den nächsten drei Wochen keine Passagiere nach China fliegen darf.

Der Shanghaier Luftfahrtexperte David Yu betont, dass die Airlines mit Flügen nach China durch das rigide Strafsystem zwar deutlich weniger verdienen als früher, trotzdem lohne es sich weiterhin, in die Volksrepublik zu fliegen - selbst dann, wenn auf dem Hinflug nach China wegen einer Suspendierung keine Passagiere mitgenommen werden dürfen.

"Zum einen sind die Ticketpreise um ein Vielfaches teurer als in Vor-Corona-Zeiten. Außerdem können die Fluggesellschaften auf dem Weg nach China immer auch Fracht mitnehmen. Und die Nachfrage nach Luftfracht-Kapazitäten ist enorm. Mit Luftfracht lässt sich vier bis zehnmal so viel verdienen wie in Vor-Corona-Zeiten."

Passagiermaschinen werden im China-Verkehr also in diesen Tagen häufig zu Frachtmaschinen. Dass Chinas Staatsführung ihre strikte Null-Covid-Politik bald aufgibt, halten die meisten Beobachter für unwahrscheinlich. Somit sei auch eine Normalisierung des Passagierverkehrs von und nach China nicht in Sicht. Und das hat nicht nur wirtschaftliche Folgen, sagt Andreas Glunz von der Unternehmensberatung KPMG.  

"Man muss wirklich konstatieren: Physischer Austausch findet praktisch nicht mehr statt. Das gilt für beide Richtungen. Alles in allem wird das dazu führen, dass das Verständnis füreinander weiter abnehmen wird."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Januar 2022 um 11:41 Uhr.