Ein Mann trainiert in einem Fitnessstudio. | dpa

Öffnung der Fitnessstudios Weg mit der Pandemieplauze

Stand: 03.06.2021 10:22 Uhr

In vielen Fitnessstudios darf wieder trainiert werden. In den vergangenen Monaten sind aber zahlreiche Kunden abgesprungen. Eine gebeutelte Branche fragt sich, wie viele von ihnen zurückkommen.

Von Jörg Poppendieck, RBB

"Fantastisch, dass ich das noch mal erleben darf." Langsam und etwas unsicher betritt Eckhart Beyer sein geliebtes Fitnessstudio Atlanta 2000 in Lübbenau. Die Sporttasche unter den Arm geklemmt desinfiziert er sich die Hände und zeigt dann am Empfangstresen seinen Mitgliedsausweis vor.

Er ist wieder da und kann sein Glück kaum fassen. Der Rentner konnte in den vergangenen sieben Monaten wegen der Pandemie - wie so viele - nicht vor Ort trainieren. "Ich habe gebangt, ob ich überhaupt noch mal wieder hierher kommen kann. Wenn man über 82 Jahre alt ist, muss man vorsichtig sein. Ich habe bereits viele Ersatzteile im Körper, deshalb muss ich mich regelmäßig bewegen", sagt er schmunzelnd und schwingt sich auf ein Fahrrad. Es ist seine erste Station in dem Fitnessstudio im Brandenburger Spreewald.

Nur geringes Infektionsrisiko?

Während Bier und Burger deutschlandweit bereits seit Tagen fast überall wieder möglich sind, hinkt die Fitnessbranche hinterher. Die Angst der politischen Entscheider war und ist groß, dass sich Sportler beim Auspowern auf dem Laufband oder beim Schwitzen in der Sauna anstecken könnten.

Dabei gibt es gleich mehrere Studien, die zeigen, dass das Infektionsrisiko beim Sport im Fitnessstudio gering ist. Der Europäische Branchenverband EuropeActive hat zum Beispiel zusammen mit zwei Universitäten Daten aus mehreren Ländern ausgewertet. Das Ergebnis: Von über 62 Millionen Besuchern ergaben sich lediglich 487 positive Fälle.

Monatelang keine Beiträge abgebucht

"Nach der langen Durststrecke sind wir heiß", sagt Raik Baum der Geschäftsführer des Atlanta 2000 in Lübbenau. Die vergangenen Tage hat er zusammen mit seinen Trainern dazu genutzt, sein Studio wieder für seine Kunden fit zu machen. "Wir hoffen, dass unsere Mitglieder wieder in großer Zahl zurückkehren. Ich hoffe, dass sich das wieder einpegelt. Unsere Branche war doch sehr gebeutelt von diesen Coronabedingungen".

Raik Baum | Tim Jäger

Raik Baum, Chef des Atlanta 2000 in Lübbenau, hätte sich frühere Hilfen der Regierung gewünscht. Bild: Tim Jäger

Baums Mitarbeiter haben in den vergangenen Monaten Kurzarbeitergeld erhalten. Den Mitgliedern wurden keine Beiträge abgebucht. "Das war hart. Wir hatten keine Einnahmen und nur eine Fixkostenunterstützung vom Staat", erzählt der Geschäftsführer. "Die Bundesregierung hat zu spät geholfen."

Wie hart die vergangenen Lockdowns die Branche getroffen haben, zeigen Zahlen des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen. Während in den vergangenen Jahren die Kurve stets nach oben ging bei den Mitgliederzahlen, sind sie im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Der Rückgang lag bereits Ende des Jahres bei 11,6 Prozent, ein Minus von mehr als einer Million Mitgliedern. Viele Sportler haben ihren Vertrag gekündigt.

Zehntausende verloren ihren Job

Dazu kommt, dass kaum neue Mitgliedschaften abgeschlossen wurden - ein wichtiger Faktor für die Fitnessstudios. Vor allem im Frühjahr: Dann werden nach Angaben des DSSV 50 Prozent des Neukundengeschäfts gemacht. Laut der Studie ist deshalb der Umsatz um ein Viertel zurückgegangen. Trotz Kurzarbeitergeld haben außerdem deutschlandweit mehr als 40.500 Mitarbeiter der Fitness- und Gesundheitsbranche ihren Job verloren. Insbesondere Honorarkräfte und geringfügig Beschäftigte mussten gehen.

Die Präsidentin des DSSV, Birgit Schwarze, macht für diese Entwicklung auch die Bundesregierung verantwortlich. "Die Überbrückungshilfe 3 wurde nur schleppend ausgezahlt und andere Fördermaßnahmen deutlich zu spät entschieden".

Sauna erstmal noch geschlossen

"Das ist traurig, dass so viele gekündigt haben", sagt Eckhart Beyer. Der Rentner hat seine erste Sporteinheit im Fitnessstudio seit mehr als einem halben Jahr mittlerweile hinter sich gebracht hat. Seine mitgebrachte Tasche ist klein. Noch kann er sich nämlich nicht vor Ort im Fitnessstudio umziehen. Auch die Dusche und Sauna sind noch geschlossen. Im Fitnessstudio Atlanta 2000 setzen sie darauf, dass sich das am 11. Juni ändert. Dann nämlich können in Brandenburg voraussichtlich Thermen, Solarien, Schwimmhallen und Spaßbäder wieder für Gäste öffnen.

Schleswig-Holstein und Hessen haben in Sachen Fitnessstudios als erste Lockerungen eingeleitet. Andere Bundesländer werden in den kommenden Tagen folgen. Unter Auflagen und in Stufen selbstverständlich. Und da gilt, wie immer in dieser Pandemie: Es ist komplex und auf keinen Fall einheitlich. Das könnte Sportwillige abschrecken. DSSV-Präsidentin Schwarze glaubt trotzdem an eine schnelle Gesundung des Fitnessmarktes. "Die Menschen sind sensibilisiert. Sie wollen gesund und fit sein. Mehr denn je."