Ein Feuerwerkseinkauf mit Silvesterraketen und Böllern | picture alliance / Lino Mirgeler

Feuerwerk-Verkaufsverbot Pyrotechnik-Branche vor dem Aus

Stand: 30.12.2021 17:01 Uhr

Auch in diesem Jahr darf in Deutschland kein Feuerwerk verkauft werden. Klagen gegen das Verbot hat das Verwaltungsgericht Berlin abgewiesen. Viele Pyrotechnikbetriebe stehen vor dem Aus.

Von Céline Kuklik, SR

Europaletten mit Pappkartons säumen die Gänge der ehemaligen Bunkeranlage nahe der saarländisch-französischen Grenze. Oliver Wetzstein steht im schummrigen Licht der Leuchtstoffröhren über einen Karton gebeugt. Mit einem Teppichmesser durchtrennt er das braune Paketband. Zum Vorschein kommen eingeschweißte Feuerwerksraketen, immer 27 pro Packung. Zum diesjährigen Silvester wird er sie nicht verkaufen dürfen.

Der Bundesrat hat in seiner letzten Sitzung des Jahres, wie schon im ersten Corona-Jahr, einem Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk zugestimmt. Darauf hatten sich Bund und Länder Anfang Dezember geeinigt. "Ich habe 2021 finanzielle Verluste im hohen fünfstelligen Bereich", erklärt Wetzstein, "die Fixkosten von 5000 bis 6000 Euro pro Monat sind im Vergleich zu anderen Betrieben zwar gering. Aber wenn man schon das zweite Jahr in Folge keine Umsätze macht, ist das sehr viel." Vor 23 Jahren hat der gebürtige Saarländer sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet seitdem als selbstständiger Pyrotechniker.

Oliver Wetzstein, selbstständiger Pyrotechniker | Céline Kuklik/SR

Oliver Wetzstein bleibt zum zweiten Mal in Folge auf einem Großteil seiner Ware sitzen. Bild: Céline Kuklik/SR

Krankenhäuser nicht zusätzlich belasten

Das Verkaufsverbot soll verhindern, dass die durch Corona am Limit laufenden Krankenhäuser zusätzlich durch Verletzte belastet werden. Davon ausgenommen ist Feuerwerk der Kategorie F1, sogenanntes Jugendfeuerwerk. Dazu zählen etwa Knallerbsen, kleine Fontänen oder Wunderkerzen bis 30 Zentimeter Länge. Ein generelles Abbrennverbot gibt es nicht - was wo genau gilt, regeln die Länder, Städte und Gemeinden: Beispielsweise hat das bayerische Kabinett ein Feuerwerksverbot auf "besonders publikumsträchtigen Plätzen" beschlossen. Auch in Hessen und Sachsen gilt ein solches Verbot.

Dass durch Feuerwerk verletzte Personen die Krankenhäuser belasten, hält Wetzstein für unbegründet. Er beruft sich, wie der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk (BVPK), auf die Krankenhausgesellschaft "Vivantes", laut der nur fünf Prozent der Krankenhausbesuche in der Silvesternacht auf Unfälle mit Feuerwerk zurückzuführen sind. Eine Klage im Eilverfahren des BVPK gegen das Feuerwerksverbot hat das Verwaltungsgericht Berlin zurückgewiesen. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat diese Entscheidung bestätigt.

"Beruht nicht auf empirischen Daten"

Der Verband zeigte sich enttäuscht, zumal es keine systematische Erfassung von Verletzungen in der Silvesternacht gebe. "Wir als Verband haben wissenschaftliche Studien ausgewertet und kommen auf etwa zwei bis drei Verletzte pro 100.000 Einwohner in der Nacht des Jahreswechsels. Auf die Kliniken hochgerechnet sind das 1,8 bis 2,5 Verletzte pro Notaufnahme", erklärt Ingo Schubert, Geschäftsführer des BVPK. Da die Zulassung von Feuerwerkskörpern der Kategorie F2 - dazu zählen etwa Raketen und Batterien - streng reguliert sei, sei es schwer, sich ernsthaft damit zu verletzen.

Deshalb nimmt der Verband an, dass es sich in der Silvesternacht um leichte Verletzungen handele, die größtenteils ambulant behandelt werden könnten. Die schweren Verletzungen seien auf illegales Feuerwerk zurückzuführen. Er zitiert weiterhin den Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß: Nicht diejenigen, die sich beim Böllern verletzen, stellten eine Belastung dar, sondern die Menschen, die sich nach zu viel Alkohol verletzen oder in Streit geraten. Der BVPK zieht in Erwägung, das Verfahren gegen das Verkaufsverbot in der Hauptsache fortzuführen.

Verletzungen der Hände, Augen und des Gehörs

Neben Handverletzungen und Verbrennungen kommen zu Silvester eine Reihe anderer Fälle in die Krankenhäuser. Eine Umfrage bei 75 Augenkliniken durch die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) zeigte außerdem kürzlich, dass Augenverletzungen durch Feuerwerk im vergangenen Jahr um mehr als 80 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen seien. "Wir stellen fest: Verkaufsverbot und Versammlungsbeschränkungen hatten eindeutig einen Schutzeffekt", erklärt Hansjörg Agostini von der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg.

Auch das Gehör kann in der Silvesternacht geschädigt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC) schätzt, dass pro Jahr etwa 8000 Menschen durch Silvesterböller ein sogenanntes Knalltrauma erleiden. Hörschäden oder ein Tinnitus können die Folge sein, teilweise dauerhaft.

Verluste in Höhe von 200 Millionen Euro

Unbestritten dürfte hingegen sein, dass die Pyrotechnik-Branche zum zweiten Mal große Verluste zu verzeichnen hat. "Wir gehen für dieses Jahr von insgesamt 200 Millionen Euro aus", sagt BVPK-Sprecher Felix Martens. Betroffen seien rund 500 Betriebe mit etwa 6000 Mitarbeitern. Der Feuerwerkshersteller Weco aus Nordrhein-Westfalen schließt als Konsequenz seinen Fertigungsstandort im sächsischen Freiberg mit 100 Angestellten. Die staatlichen Überbrückungshilfen reichten nicht aus, um die Umsatzverluste ein zweites Mal zu kompensieren. In Folge des Verkaufsverbots entstünden weitere Kosten und Probleme, etwa durch Transport und Lagerung der Ware, sagt Comet-Feuerwerk-Geschäftsführer Richard Eickel. Weco und Comet geben an, 95 Prozent ihres Jahresumsatzes an Silvester zu generieren.

Pyrotechniker Wetzstein verdient 45 Prozent seines Umsatzes durch Feuerwerk. Er bietet zusätzlich Lasershows an. Das Feuerwerk bleibt jedoch seine Leidenschaft: "Wir brauchen in der Branche Sicherheit, dass es irgendwann wieder weitergeht. Sonst können wir nicht planen", sagt der Saarländer. Die Entscheidung des OVG Berlin-Brandenburg hat ihn nicht überrascht. Wetzstein hofft, dass ab Mai 2022 wieder Großveranstaltungen, Hochzeiten und Geburtstage stattfinden. Der 47-Jährige schätzt, dass 80 Prozent in seiner Branche nicht überleben werden. Ob er sich selbst dazu zählt? "Im Moment nicht. Das wird die Zeit zeigen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.