Spargelfeld | Ulrich Crüwell/rbb

Spargelsaison in Deutschland Erntehilfe kommt diesmal aus Georgien

Stand: 09.04.2021 12:57 Uhr

Die Spargelernte war jahrelang eine Co-Produktion polnischer und rumänischer Helfer. Doch viele von ihnen wollen nicht mehr auf deutschen Feldern schuften. Arbeitskräfte aus Georgien sollen einspringen.

Ulrich Crüwell, rbb

Heutzutage würde er nicht mehr nach Deutschland kommen, sagt Christof Kamedulski. Doch vor zwanzig Jahren war die wirtschaftliche Situation in seiner polnischen Heimat eine gänzlich andere. Damals habe er kaum eine andere Wahl gehabt, als sich in Deutschland als Spargelstecher zu verdingen.

Für Polen wie ihn hat sich die Situation verbessert - auch auf hiesigen Spargelhöfen. "Wir machen die Logistik", sagt Kamedulski, der zum fest angestellten Vorarbeiter aufgestiegen ist. Die harte Feldarbeit haben rumänische Frauen und Männer übernommen. Doch wie lange die sich das noch antun werden, ist eine Frage, die Spargelanbauer wie Jürgen Jakobs umtreibt.

Mehr als 80.000 georgische Bewerber als Spargelstecher

"Wir sind für Rumänen keine attraktiven Arbeitgeber mehr", sagt der Verbandsvorsitzende der ostdeutschen Spargelanbauer. Denn mehr als den Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde könnten er und seine Kollegen nicht zahlen. Deshalb will er es in dieser Saison mit 25 Erntehelfern aus Georgien probieren.

Zunächst sei geplant gewesen, dass 500 Arbeitskräfte aus Georgien nach Deutschland kommen. Daraus seien mehr als 5000 geworden, berichtet Jakobs. Sie sollen Anfang April das weiße Stangengemüse stechen. Mehr als 80.000 Georgier hätten sich beworben, so der Landwirt. Dabei handele es sich um ein Pilotprojekt der Bundesagentur für Arbeit. Die Behörde kümmert sich um die Arbeitsverträge und auch die Anreise.

Ergänzt die "Georgien-Connection" die Westbalkanregelung?

Preisbewusste Spargelfans dürften erleichtert aufatmen: Mit dem Projekt könnten die Deutschen ihr liebstes Saisongemüse auch in Zukunft zu ähnlichen Preisen wie in den vergangenen Jahren einkaufen. Die Westbalkanregelung scheint offenbar nicht auszureichen. Diese bietet Albanern, Serben oder Menschen aus dem Kosovo bis 2023 den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Die Voraussetzung: Es dürfen keine inländischen Kräfte zur Verfügung stehen.

Alle Versuche mit Deutschen auf dem Spargelfeld seien gescheitert, berichtet Landwirt Jakobs. Auch sein polnischer Vorarbeiter Kamedulski winkt ab: "Den Deutschen fehlt die Erfahrung auf dem Feld." Dass sich nur noch Rumänen für den Knochenjob des Spargelstechens zu erwärmen scheinen, sieht Jakobs als eine deutschlandweite Entwicklung. Seinem Bruder, der am Niederrhein Spargel anbaut, gehe es ähnlich.

Auch die Polen, die noch kommen, sitzen meist als Vorarbeiter auf Treckern. Einige Frauen aus Rumänien arbeiten bereits auf den Feldern rund um Berlin und setzen junge Spargelpflanzen in den märkischen Boden. Nach Ostern hofft Landwirt Jakobs, dass mehr als 300 Frauen und Männer aus Rumänien seinen Spargel stechen. Doch es gibt da möglicherweise ein Problem: Die Grenze nach Ungarn werde geschlossen, berichtet ein benachbarter Spargelanbauer übers Telefon, während Jakobs im Geländewagen vorbei an seinen Feldern fährt.

120.000 Euro für die Flüge der rumänischen Erntehelfer

"Das wäre eine Katastrophe", sagt Jakobs. Denn seine rumänischen Arbeiter überqueren auf dem Weg zu ihm nach Deutschland die ungarische Grenze. Es wäre wie im vergangenen Jahr: Schon damals machte Ungarn die Grenzen dicht. Jakobs zahlte mehr als 120.000 Euro, um wenigstens 200 rumänische Erntehelfer einzufliegen. Die holten 80 Prozent seiner Ernte aus dem sandigen Boden, der den Spargel so süß und nussig schmecken lässt.

Ohnehin macht die Corona-Pandemie die Spargelproduktion insgesamt teurer. Mehr als 500 Euro pro Arbeiter mehr zahle er wegen der Hygieneauflagen. Eine ausrangierte Flüchtlingsunterkunft aus Potsdam hat sich Spargelanbauer Jakobs auf den Hof gestellt, in der er seine Erntehelfer Corona-konform unterbringen kann - Duschcontainer und ein kleiner Laden inklusive. Mit sechs Euro pro Nacht beteiligen sich seine Arbeiter an den zusätzlichen Kosten.

"Wir haben mit der Übernahme der Flugkosten unsere finanziellen Reserven angeknabbert", sagt Jakobs. Wenn er den Rumänen die Flüge nicht gezahlt hätte, wären sie zu Hause geblieben, vermutet er. Das Risiko wollte er nicht eingehen. Die Georgier dagegen, die in den kommenden Tagen ins Flugzeug nach Deutschland steigen, sind da anspruchsloser: Sie bezahlen ihre Flüge selber.

Anm. d. Red.: Aufgrund einer missverständlichen Formulierung zu Erntemengen wurde der Text nachträglich geändert.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk Kultur am 15. März 2021 um 13:34 Uhr und tagesschau24 am 26. März 2021 um 11:30 Uhr.