Ein Mitarbeiter der Stadtwerke Kiel führt an den Leitungen des Gaspeichers der Stadtwerke Messungen durch.  | picture alliance/dpa

Energiekrise Wer rettet die Stadtwerke?

Stand: 20.09.2022 14:03 Uhr

Angesichts hoher Energiepreise ruft die Politik die Grundversorger dazu auf, nachsichtig mit säumigen Kunden zu sein. Doch wenn viele Menschen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, wird es auch für die Stadtwerke eng.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Wer jetzt noch nicht verstanden hat, dass die Energieversorgung im Herbst und Winter zu dem zentralen wirtschafts- und sozialpolitischen Problem im Land werden kann, hat alle Warnungen und Hinweise ignoriert. Wobei: Als Kunde hätte man sich selbst mit einer entsprechenden Vorahnung nicht dagegen schützen können. Die Bundesregierung hat die Sanktionen gegen Russland als Mittel der Unterstützung für die Ukraine gewählt. Und was Wirtschaft und Verbraucher nun erleben, ist die direkte Folge davon: massiv gestiegene Preise für Gas und Strom, die aber nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Versorger in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnten.

Peter Sonnenberg

Noch sind die Verträge günstig

Die Stadtwerke - die Pfeiler der gesetzlichen Grundversorgung - könnten Ende des Jahres in eine Schieflage geraten, die noch viel ernstere Probleme mit sich bringen würde. Denn Stadtwerke kümmern sich auch um unser Wasser, um Strom, entsorgen den Müll und bauen regenerative Energiequellen aus. Derzeit kämpfen sie aber dafür, die Verbraucher weiterhin ausreichend mit Gas zu versorgen. Sie kauften bisher große Tranchen Gas am Markt ein, je nach Volumen ihrer mit den Privat- und Großkunden abgeschlossenen Verträge. Entsprechend dem Kaufpreis gaben sie das Gas dann über die Laufzeit dieser Verträge über ihre Netze an ihre Kunden ab.

Das ist der Grund, warum trotz der mittlerweile stark gestiegenen Marktpreise viele Verbraucher noch keine Preiserhöhungen bekommen haben - sie erhalten derzeit dank ihrer mehrjährigen Verträge noch "altes, billiges Gas". Erst bei einer Vertragsverlängerung beziehungsweise dem Abschluss neuer Verträge werden die um ein Vielfaches gestiegenen Preise fällig. Die müssen die Versorger weitergeben, um nicht selbst Opfer der Energiekrise zu werden.

Mit Preiserhöhungen ist es nicht getan

Selbst wenn alle Kunden die steigenden Preise bezahlen könnten, kann es kein "Weiter so" geben: Steigende Preise resultieren aus dem Mangel an verfügbarem Gas. Das heißt: Auch wer sich das Gas noch leisten kann, könnte irgendwann im Kalten sitzen. Denn noch ist völlig unklar, ob die vorhandene Menge an Gas ausreicht, um Privathaushalte, öffentliche Einrichtungen und die Industrie wie gewohnt zu versorgen.

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, sagt dazu: "Wir brauchen jetzt die gemeinsame Kraftanstrengung. Die Städte wollen 20 Prozent Gas einsparen. Wenn alle gemeinsam dieses Ziel verfolgen, sehe ich eine gute Chance, ohne Ausfälle durch den Winter zu kommen. Aber die Städte bereiten sich auch auf den Ernstfall vor. Unsere Katastrophenschützer spielen deshalb auch vorübergehende Stromausfälle durch."

Rechnung mit mehreren Unbekannten

Das Problem ist aber: Nicht alle Kunden werden diesen Winter ihre Rechnungen bezahlen können. Der Deutsche Städtetag rechnet mit "einer deutlichen Zunahme von Zahlungsproblemen bei privaten Endkunden, Handwerksbetrieben oder Unternehmen". Die nächste Unbekannte: Bei wie vielen Gaskunden wird das Budget bald nicht mehr ausreichen, und wie viele davon werden ausgerechnet die Gasrechnung unbezahlt liegen lassen?

Stadtwerke müssen in Vorlage gehen, wenn sie am Energiemarkt Gas und Strom einkaufen und über ihre Netze weiterverkaufen. Kommen ihre Kunden den vertraglich vereinbarten Abschlagszahlungen und den Forderungen aus der Endabrechnung am Jahresende nicht nach, fehlt ihnen Kapital, am Markt weiterhin Gas einzukaufen.

Nach drei Monaten droht Insolvenz

Stephan Wilhelm, Vorstandssprecher des Energieversorgers EWR in Worms, sagt, dass diese Ungewissheit für Stadtwerke ein enormes wirtschaftliches Risiko berge: "Tatsächlich ist derzeit gar kein Markt mehr für Gas vorhanden. Wenn wir unseren Gasbedarf ausschreiben, ist es schon passiert, dass nur ein Anbieter ein Angebot macht, maximal mal zwei oder auch mal gar keiner."

Das heißt, dass Stadtwerke, die laut Gesetz die Grundversorgung sicherstellen müssen, gezwungen sind, jeden vom Gaslieferanten aufgerufenen Preis zu bezahlen. Das waren zuletzt 900 Prozent vom Preis im Vorjahresmonat. "Wenn 15 Prozent unserer Kunden ihre Rechnung nicht mehr bezahlen können, sind wir nach drei Monaten insolvent", sagt Stephan Wilhelm und fordert vom Staat einen Rettungsschirm für Stadtwerke.

Die Abschläge reichen nicht aus

Aus ihrem Eigenkapital und den Abschlagszahlungen ihrer Kunden könnten die Versorger sich in normalen Zeiten am Markt mit Gas eindecken, erklärt der EWR-Chef. Derzeit aber reichten die Abschläge bei weitem nicht aus, um die gestiegenen Preise zu bezahlen. Für eine Fremdfinanzierung aber fehlten die Sicherheiten. Hier sollten die Länder einspringen und bürgen.

Andere Netze wie das Wassernetz sind staatlich reguliert. Eine temporäre Regulierung auch des Gasmarktes könnte den Stadtwerken über diese existenzgefährdende Phase hinweghelfen, sagt Wilhelm und ergänzt: Sozialpolitisch berge die Situation viel Zündstoff. "Wir wollen es vermeiden, zahlungsunfähigen Kunden das Gas 'abzudrehen'. Doch wenn der Bund Sperrmoratorien verlangt, uns auffordert, nicht zahlende Kunden weiter zu beliefern, dann muss er uns dabei auch unterstützen."

Sicherheitspersonal im Kundencenter

Auch der Deutsche Städtetag fordert das: "Wenn Stadtwerke in existenzielle Schieflage geraten, drohen sehr viele Leistungen der Daseinsvorsorge in den Städten wegzubrechen, wie Wasser, Abwasser, Müllentsorgung und ÖPNV. Das kann kein anderes Unternehmen einfach so ersetzen. Deshalb müssen Bund und Länder ein Sicherungsnetz spannen. Wir brauchen Liquiditätshilfen und ein Insolvenzmoratorium."

Erst wenn die Heizperiode richtig anfängt, werden die Menschen das Ausmaß der Energiekrise spüren. Aber werden sie es einfach hinnehmen? In den Kundencentern der Wormser Stadtwerke soll in den nächsten Monaten mit Sicherheitspersonal gearbeitet werden. Die Geschäftsführung rechnet mit aufgebrachten Kunden. Sicher sind die Energieversorger nicht die Verursacher hoher Preise - aber für die Verbraucher der erste greifbare Ansprechpartner, auch um ihrem Ärger Luft zu machen. Die Energiekrise könnte zur ernsten gesellschaftlichen Zerreißprobe werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2022 um 07:35 Uhr.