Mehrere männliche und ein weibliches Vorstandsmitglied stehen auf einer Hauptversammlung zusammen auf dem Podium. | picture alliance/dpa

DSW-Studie Weniger Gehalt für deutsche Top-Manager

Stand: 13.07.2021 18:49 Uhr

Deutschlands Top-Manager verdienen weniger als im vergangenen Jahr. Doch kein Grund zur Klage: DAX-Vorstände bekommen im Schnitt immer noch mehr Geld als ihre Kollegen im restlichen Europa.

Von Peter Gerhardt, hr

Am eindrucksvollsten ist die ausgeschriebene Zahl: 1.100.000.000 Euro. Das sind 1,1 Milliarden. So viel verdient Alex Karp im Jahr. Der Chef des US-amerikanischen Software-Unternehmens Palantir ist der bestbezahlte Konzernchef der Welt. Dagegen sehen die Gehälter von Vorständen in deutschen Unternehmen regelrecht bescheiden aus. Trotzdem muss bei einem Durchschnittsverdienst von 3,4 Millionen Euro pro Jahr auch keines der insgesamt 192 Vorstandsmitglieder deutscher DAX-Unternehmen am Hungertuch nagen. Insgesamt mussten die Chefinnen und Chefs der großen Aktiengesellschaften im vergangenen Jahr Gehaltseinbußen von 3,3 Prozent hinnehmen. Dies ist vor allem der Corona-Krise und deren wirtschaftlichen Auswirkungen geschuldet.

Peter Gerhardt

Umgekehrter Gender Pay Gap

Seit nunmehr 21 Jahren untersucht die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) jedes Jahr die Vorstandsbezüge der größten deutschen Aktienunternehmen. Diesmal gab es eine faustdicke Überraschung: Frauen verdienen erstmals besser. Im Schnitt erhalten sie 3,4 Millionen Euro im Jahr, im Vergleich zu 2,9 Millionen für die männlichen Kollegen. Diese umgekehrte Gender Pay Gap ergibt sich aber nur, wenn man die Bezüge der Vorstandsvorsitzenden außen vorlässt.

Spitzenverdiener im deutschen Leitindex DAX ist nach der DSW-Studie Linde-Chef Stephen Angel mit 14 Millionen Euro Jahresverdienst. Am "schlechtesten" verdient der Chef des Flugzeug-Motorenherstellers MTU, Reiner Winkler, mit 951.000 Euro.

Wiederkehrende "Neiddebatte"

Immer wieder bieten die hohen Gehälter der Vorstände Anlass für Diskussionen oder auch Neid. Vor allem, wenn sie in Relation zum Verdienst der durchschnittlichen Angestellten der Unternehmen gesetzt werden. So verdienen etwa die Vorstände des DAX-Neulings Delivery Hero das 121-Fache dessen, was ihre Angestellten mit nach Hause nehmen. Doch diese Zahl sei mit Vorsicht zu genießen, sagt Professor Gunther Friedl von der Technischen Universität München, der Autor der DSW-Studie. Denn Unternehmen wie Delivery Hero oder die Deutsche Post beschäftigten vorwiegend niedrig bezahlte Mitarbeiter als Auslieferer. "Natürlich ist dann dieser Faktor höher als etwa bei der Deutschen Bank, bei der die Angestellten insgesamt höhere Gehälter haben", sagt Friedl.

Erfreulicherweise sei zudem, dass die Schere zwischen "einfachen" Mitarbeitern und der Chefetage in Deutschland nicht weiter auseinandergehe, sagte die DSW-Vergütungsexpertin Christiane Hölz. So verdienten in Deutschland die Vorstände seit Jahren im Schnitt etwa das 50-Fache ihrer Angestellten. Dieser Wert sei in den vergangenen Jahren sogar leicht gesunken. Auch das unterscheide Deutschland von den USA. "Dort liegt dieser Wert jenseits von Gut und Böse", sagt Hölzl.

Potenzial für Verbesserungen

Ein Ärgernis fanden die Autoren der DSW-Studie dann doch: Einige Unternehmen hätten ihren Vorständen die gesunkenen Bezüge mit der Zahlung von Sonderboni versüßt. "Wer auf der einen Seite medienwirksam Verzicht übt und in Corona-Zeiten 'freiwillig' auf Vergütungen verzichtet, kann nicht später über Sonderboni einen Ausgleich aushandeln", rügte DSW-Geschäftsführer Marc Tüngler.

In Zukunft sollten sich die Vorstandsgehälter stärker nach Faktoren richten, die bisher als "weich" betrachtet würden, forderte er. Die ökologische Ausrichtung der Unternehmen etwa, soziales Verhalten oder ein stärkerer Beitrag zur Klimaneutralität. Denn gerade die Folgen des Klimawandels könnten sich für Unternehmen sehr schnell zu "harten" Faktoren" entwickeln, wenn etwa höhere Preise für CO2-Zertifikate oder Schäden durch Unwetter die Bilanz verhagelten.

Außerdem forderte Tüngler die Unternehmen zu größerer Transparenz auf. Zwar sei in diesem Jahr eine echte Zeitenwende eingetreten, denn durch eine neue gesetzliche Regelung müssen Aktiengesellschaften die Gehälter ihrer Vorstände deutlich transparenter ausweisen als vorher. Trotzdem gebe es hier noch viel Nachholbedarf. Da am Ende aber die Inhaber der Unternehmen - also die Aktionärinnen und Aktionäre auf der Hauptversammlung - über die Höhe der Bezüge entscheiden müssten, sei Offenheit eine absolut notwendige Bedingung. Das hätten noch nicht alle Unternehmen ausreichend umgesetzt.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 13. Juli 2021 um 18:12 Uhr.