Kohlekraftwerk Mehrum und Windkrafträder bei aufgehender Sonne.

CO2-Bepreisung Durchbruch für den Emissionshandel?

Stand: 11.05.2021 08:09 Uhr

Klimaschützer jubeln, Stahlkonzerne und Kraftwerksbetreiber stöhnen: Der CO2-Zertifikatepreis steigt und steigt. Er hat nun erstmals die Marke von 50 Euro überschritten. Wird Strom jetzt teurer?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Die Grundidee ist simpel und leuchtet jedem ein: Wer Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, muss dafür bezahlen. Das nennt man das Verursacherprinzip. Vor 16 Jahren führte die EU einen Emissionshandel ein. Für ihren CO2-Ausstoß mussten die stromintensiven Industrie- und Energieunternehmen Emissionsrechte erwerben. Dadurch sollte ein Anreiz geschaffen werden, weniger CO2 zu emittieren.

Doch der "Ablasshandel" half dem Klimaschutz lange Zeit gar nicht. Jahrelang dümpelte der Preis für CO2-Zertifikate um die fünf Euro je Tonne. Zwischenzeitlich sackte er gar unter drei Euro - denn es waren viel mehr Emissionsrechte am Markt, als die Industrie brauchte. Manche sprachen schon vom gescheiterten europäischen Emissionsrechtehandel. Bei den weltweiten "Klimagipfeln" gab es ständig nervenaufreibende Debatten über eine Reform des Handels mit Verschmutzungszertifikaten.

Preis hat sich in zwölf Monaten verdreifacht

Nun aber scheint sich das europäische System des Emissionshandels doch noch zu bewähren. Seit 2018 steigt der CO2-Preis. Vor allem in den vergangenen Monaten haben sich die Zertifikate massiv verteuert. Lag der Preis an der Londoner Terminbörse noch im März 2020 bei unter 16 Euro, notiert er nun bei rund 50 Euro je Tonne und ist so teuer wie nie.

Die verschärften Klimaschutzziele der EU spiegeln sich zunehmend im Emissionshandel wider. Brüssel will den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um 55 statt 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Deutschland erwägt gar ein CO2-Einsparziel von 65 Prozent bis 2030.

Preis für CO2-Zertifikate, Chart von Januar 2018 bis Mai 2021

Erwartete Knappheit

Diese ambitionierten Klimaschutzvorgaben lassen sich nur erreichen, wenn das Angebot an Emissionsrechten noch stärker verknappt wird als bislang geplant. Schon jetzt sorgt die Aussicht auf Knappheit für einen Preisauftrieb: "Viele Marktteilnehmer haben sich eingedeckt mit Emissionsrechten in Erwartung eines kräftigen Preisanstiegs", erklärt Thorsten Lenck, Strommarkt-Experte der Denkfabrik Agora Energiewende.

"Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Zielverschärfung strömen mehr und mehr Investoren in den Markt", hat auch Marcus Ferdinand, Analyst beim Beratungshaus Icis, festgestellt. Gleichzeitig gebe es wenige Verkäufer. Teilweise seien hier auch Spekulanten ein zusätzlicher Preistreiber. Ferdinand schätzt, dass aktuell gut sechs Prozent der im Umlauf befindlichen Zertifikate spekulativ gehaltene Positionen sind.

Die verzögerte Freizuteilung von Zertifikaten beschleunigt den Preisdruck. Normalerweise, so Ferdinand gegenüber tagesschau.de, bekämen die europäischen Emissionshandelsteilnehmer ihre Freizuteilung für das aktuelle Jahr im Februar. Nun sollen sie wohl erst im Juni erhalten.

100 Euro je Tonne noch in diesem Jahr?

Einige Experten glauben, dass die CO2-Preisrally weitergeht. Hedgefonds-Manager Pierre Andurand, der jetzt auf den Klimaschutz wettet, rechnet mit einer Verdoppelung des CO2-Preises auf 100 Euro je Tonne in diesem Jahr. Die Analysten der Berenberg Bank prophezeien gar, dass die Zertifikate im Herbst und Winter 110 Euro je Tonne kosten werden.

Für einige Industriebranchen könnte die CO2-Preisexplosion zu einem echten Problem werden. Die Stahlerzeuger haben Mehrbelastungen von insgesamt 13 Milliarden Euro errechnet, sollte der CO2-Preis auf 100 Euro je Tonne steigen.

Auch Betreiber von Kohlekraftwerken stehen unter Druck. "Die meisten Kraftwerke können nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden", sagt Energieökonom Andreas Löschel von der Uni Münster gegenüber tagesschau.de. Der hohe CO2-Preis beschleunige somit den marktgetriebenen Kohleausstieg. Auch die emissionsärmeren Gaskraftwerke haben eine Mehrbelastung.

Strompreise verteuern sich

Dadurch verteuern sich die Strompreise. Schon jetzt seien im Großhandel anziehende Preise festzustellen, sagen Beobachter. Die sinkende EEG-Umlage kann den steigenden Börsenpreis nicht kompensieren.

Dadurch verteuert sich die Stromerzeugung aus Kohle und Gas. "Im Großhandel ziehen die Strompreise bereits an, seit Jahresbeginn sind sie um etwa die Hälfte gestiegen", sagt Thorsten Lenck von Agora Energiewende zu tagesschau.de. Auch eine sinkende EEG-Umlage könne diesen Trend nicht kompensieren. Die Strompreise für die meisten Stromverbraucher dürften demnach im nächsten Jahr steigen. "Ein Zuschuss des Bundes, etwa aus einer Erhöhung des CO2-Preises für Wärme und Verkehr, könnte hier Abhilfe schaffen", schlägt Lenck vor.

Sollten sich die Verschmutzungszertifikate für Kohlendioxid weiter so rasant verteuern wie zuletzt, gerät die EU-Kommission in ein Dilemma. Zwar treibt sie den Klimaschutz voran, riskiert aber den Untergang ganzer Industrieunternehmen. Ob die EU dann in den Handel eingreifen und Spekulationen am Markt eindämmen würde, ist fraglich.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Mai 2021 um 20:00 Uhr.