Kleidungsstücke von Istory | Diane Kämpf/ARD-Studio Tokio

Nordkoreanische Designerin Mode gegen Vorurteile

Stand: 24.05.2021 05:30 Uhr

Ji-hyun Kang erzählt die Geschichten nordkoreanischer Überläufer auf ungewöhnliche Weise: mit Mode. Damit kämpft sie auch gegen Vorurteile in Südkorea.

Von Torben Börgers und Diane Kämpf, ARD-Studio Tokio

Vorurteile gegenüber Nordkoreanern sind auf der Südseite des geteilten Landes weit verbreitet. Die Erfahrung machte auch Ji-hyun Kang. Die 31-jährige ist selbst aus der kommunistischen Diktatur geflohen - so wie rund 35.000 ihrer Landsleute und Leidensgenossen. Deren Geschichten will sie nun erzählen - mit der Hilfe von Kleidungsstücken. "Nordkoreaner werden im Fernsehen immer als arm, hungrig und unwissend dargestellt", sagt Ji-hyun. "Südkoreaner können die Regierung Kim Jong Uns nicht von den Menschen in Nordkorea trennen."

Torben Börgers

Für ihre Entwürfe führt Ji-hyun Kang lange und persönliche Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlingen. Anschließend verarbeitet sie deren oft aufrüttelnde Lebensgeschichte jeweils in einem individuellen Motiv. Anschließend wird dieses Motiv in Form eines Stoffflickens auf den Ellenbogen-Bereich eines Pullovers oder T-Shirts gedruckt.

Zudem lässt sie einen QR-Code in den Nackenbereich der Kleidungsstücke nähen. Wer den mit seinem Handy scannt, gelangt auf eine Internetseite und kann dort die Geschichte hinter jedem Motiv auf Englisch und Koreanisch nachlesen. Ihr erster Entwurf basiert auf einem Jugenderlebnis von Ji-hyun Kang und zeigt den höchsten Berg Nordkoreas.

Ji-hyun Kang und Marie Boes | Diane Kämpf/ARD-Studio Tokio

Zusammen mit Marie Boes (r.) hat Ji-hyun Kang ihr eigenes Modelabel gegründet. Bild: Diane Kämpf/ARD-Studio Tokio

Reiche Leute in zerrissenen Jeans

Im Alter von 15 Jahren machte sie zusammen mit ihrer Familie einen Ausflug auf den Paektusan oder Weißkopf-Berg. Dabei sah sie zum ersten Mal einen Mann aus einem westlichen Land. Er sei sehr groß gewesen, habe einen Bart gehabt und zerrissene Jeans getragen, erzählt sie. Letztere kannte Ji-hyun bis dahin nur aus dem Fernsehen. "Ich dachte, das muss ein Obdachloser sein", so die 31-Jährige. "Aber mein Vater meinte: Vielleicht ist es ein reicher Mann! Er ist ja schließlich hierher gereist. Vielleicht ist es eine Art Mode?"

Reiche Leute in zerrissenen Jeans? Mode als Audrucksform? Die Neugier von Ji-hyun war geweckt. In Nordkorea ließ sich ihr Traum vom Modedesign jedoch nicht verwirklichen, nicht zuletzt wegen des Widerstands ihrer Eltern. Aber ihre Leidenschaft wuchs. "Ich habe Filme aus Südkorea und den USA gesehen", erzählt Ji-hyun. "Darin war extravagante Mode ganz normal. Das war eine faszinierende Welt für mich!"

Der Onlineshop von Istory ist auf einem Smartphone zu sehen. | Diane Kämpf/ARD-Studio Tokio

Die Mode von Ji-hyun Kang gibt es auch im Internet zu kaufen - im eigenen Onlineshop. Bild: Diane Kämpf/ARD-Studio Tokio

Flucht aus Nordkorea für den Traum von der Mode

Für ihren Traum lief Ji-hyun 2009 nach China über und landete drei Jahre später in Südkorea. An der Hanyang-Universität in Seoul studierte sie Modedesign - mit Erfolg. Kurz nach ihrem Abschluss gründete sie gemeinsam mit Marie Boes aus Belgien die Social Impact Modemarke ISTORY. Kennengelernt haben sich die Gründerinnen in einem Start-up-Programm, das Südkoreaner mit Nordkoreanern und anderen Ausländern verbinden soll.

Das Ziel von ISTORY ist es, die Erfahrung aller nordkoreanischen Überläufer in Südkorea zu teilen - ihre Träume und Sorgen. Bislang gibt es neun verschiedene Designs und dahinter verborgene Lebensgeschichten - zum Beispiel von einem Elektrotechniker oder einem hoffnungsvollen Filmregisseur. Die beiden wollen weitermachen, "bis alle Geschichten von nordkoreanischen Überläufern erzählt sind". 

Durch ihr Label erhoffen sich Ji-hyun und Marie auch, den Diskriminierungen und Vorurteilen gegenüber Nordkoreanern entgegenzuwirken. "Die Medien in Südkorea zeigen immer nur einen kleinen Teil der Lebenswelt von Geflüchteten", sagen sie. Und wenn alle Geschichten erzählt sind? "Dann erweitern wir unser Projekt auf andere Minderheiten, denen es genauso gegangen ist wie den Nordkoreanern."