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CureVac-Hauptversammlung Keine Zeit für kritische Fragen

Stand: 24.06.2021 19:53 Uhr

Trotz schlechter Studienergebnisse ihres Corona-Impfstoffs will die Biotechfirma CureVac nicht aufgeben. Auf der digitalen Hauptversammlung kündigt der Vorstand an, an der Zulassung festzuhalten. Nachfragen sind nicht erlaubt.

Von Tim Diekmann, SWR

Der Abend vor der Hauptversammlung von CureVac in Tübingen ist unruhig. Schwere Unwetter ziehen über die Stadt. Regenmassen überschwemmen und zerstören schließlich das städtische Impfzentrum. Die Wetterkapriolen in der Universitätsstadt passen zur momentanen Stimmung des in Tübingen beheimateten Biotechunternehmens CureVac. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Impfstoffkandidat CVnCoV nach ersten Zwischenergebnissen nur eine Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Corona-Erkrankung nachweist. Die Folge: Der Aktienkurs fiel um mehr als 40 Prozent, rund acht Milliarden Dollar Börsenwert gingen verloren.

Um Optimismus bemüht

Eine Woche später versucht der Vorstandsvorsitzende von CureVac, Franz-Werner Haas, wieder Optimismus zu verbreiten. Denn abgeschrieben haben sie den Impfstoff in Tübingen trotz schlechten Ergebnisses noch nicht: "Nach der abschließenden Analyse der Studie werden wir den am besten geeigneten Regulierungsweg für CVnCoV gehen", betont Haas auf der virtuellen Hauptversammlung vor Anlegern. Die Zulassung scheint trotz vergleichsweise geringer Wirksamkeit das klare Ziel. Vorausgesetzt die europäische Arzneimittelagentur EMA spielt mit.

Die zunehmende Ausbreitung von Virusvarianten habe die laufende Studie vor Herausforderungen gestellt. "Wir kämpfen praktisch gegen einen anderen Virus", so der Vorstandsvorsitzende. Trotz schlechter Zwischenergebnisse plant CureVac weiterhin, im laufenden Jahr 300 Millionen Impfdosen zu produzieren. 2021 sollen es eine Milliarde sein. Der "Zeit" sagte Haas: "Wir produzieren durch." Sollte man allerdings keine Zulassung erhalten, so Haas weiter, würde man die Produktion des Impfstoffkandidaten sofort einstellen.

Nach 41 Minuten ist alles vorbei

Die Hauptversammlung, die wegen der Corona-Pandemie virtuell stattfindet, wird in Rekordgeschwindigkeit abgehalten. Nach 41 Minuten beendet der Aufsichtsratsvorsitzende Jean Stéphenne die Sitzung. Eine Fragerunde der Aktionäre wird nicht zugelassen. "Es war eine ungewöhnliche Hauptversammlung", sagt Sabrina Fritz von der SWR-Wirtschaftsredaktion. Aufsichtsrat und Vorstand habe man nicht sehen können, es lief nur der Ton und eine Präsentation. "Das machen andere Unternehmen anders. Außerdem wurde nicht eine Frage von Aktionären vorgelesen und beantwortet. Am Schluss hieß es, alle Fragen seien mit dem Vortrag beantwortet worden. Das hätte mir als Aktionär nicht gereicht", so Fritz. Kritik kommt auch von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK): Man habe sich als Stimmrechtsvertreter vergeblich darum bemüht an der Hauptversammlung teilzunehmen.

Privatanleger Fritz Keller hatte schon vor einigen Wochen ein mulmiges Gefühl bei der Entwicklung von CureVac. "Es hat sehr lange gedauert, bis die Ergebnisse da waren. Es war immer so ein Rauszögern. Und das führt dann zu einer gewissen Nervosität." Keller hat auf sein Gefühl gehört und vor sechs Wochen seine CureVac-Anteile mit Gewinn verkauft. Andere Kleinanleger haben mit dem Kurssturz aus der vergangenen Woche viel Geld verloren. Seit der ersten Notiz an der New Yorker Technologiebörse NASDAQ im August 2020 hatte sich der Aktienkurs von CureVac zeitweise verdreifacht. Die Hoffnung auf einen schnell entwickelten Impfstoff dank neuer mRNA-Technologie hatte die Kurse nach oben getrieben.

Verunsicherung auch unter Probanden

Auch Petra B. (Name von der Redaktion geändert) hat auf den Erfolg des CureVac-Vakzins gesetzt. Im Frühjahr ließ sich die Frau, die anonym bleiben möchte, im Rahmen der Impfstoffstudie impfen. "Ich habe mich für die Studie entschieden, weil ich die Situation so unbefriedigend fand. Ich wollte etwas dazu beitragen, dass wir die Pandemie schneller in den Griff bekommen." Zwei Impfungen hatte Petra B. erhalten. Dann hörte sie wochenlang nichts: "Ich hatte in den letzten Wochen schon das Gefühl, dass etwas mit dem Impfstoff ist. Wir Probanden wurden immer wieder vertröstet, wenn wir nach Ergebnissen gefragt haben."

Auf Nachfrage erfährt sie, dass sie tatsächlich den Wirkstoff und nicht das Placebo verabreicht bekommen hatte. Mit der Zulassung wäre dann auch das Impfzertifikat gekommen. Und jetzt? "Ich bekomme keinen Impfausweis und überlege nun mich mit einem zugelassenen Impfstoff nochmal impfen zu lassen." Das mache ihr Sorgen, denn niemand wisse wie ihr Körper darauf reagiert.

Versuch der Schadensbegrenzung

Der Virologe und Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) Thomas Mertens empfiehlt Probanden wie Petra B. analog zu Genesenen zu betrachten: "Man würde ihnen dann unter Umständen eine Auffrischungsimpfung verabreichen. Das scheint mir immunologisch sinnvoll." Ein Impfzertifikat würde Petra B. dann aber wohl immer noch nicht erhalten.

Bei der virtuellen Hauptversammlung in Tübingen bemüht sich Firmenchef Haas indes um Schadensbegrenzung und betont die breite Produktpalette an der CureVac forsche. Es geht um Wirkstoffe zur Behandlung von Lungenkrebs und Impfstoffe gegen Tollwut und Gelbfieber. Die Probleme beim Corona-Impfstoffkandidaten CVnCoV werden nicht näher behandelt. Und so bleiben viele Fragen offen.

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell am 24. Juni 2021 um 19:30 Uhr.