Das Logo des Unternehmens CureVac mit dem Slogan "the RNA people" steht an der Unternehmenszentrale. | dpa

CureVac Geschichte einer enttäuschten Hoffnung

Stand: 17.06.2021 20:30 Uhr

Während mit BioNTech mittlerweile die Welt geimpft wird, erweist sich das Vakzin von CureVac als wenig wirksam. Wie konnten sich die beiden großen deutschen Hoffnungsträger so unterschiedlich entwickeln?

Von Thomas Aders und Sebastian Deliga, SWR

Es war zunächst ein deutsches Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Mainzer Pharmaunternehmen BioNTech und den Tübinger Forschern von CureVac. Beide benutzen die gleiche Technologie der "Boten-RNA", die Aktienkurse beider Unternehmen starteten an den Börsen zunächst durch, und beide haben professionelle und global agierende Partner. Die Mainzer konnten den US-Pharmariesen Pfizer ins Boot holen, die Tübinger wurden bei Bayer fündig. Und nicht nur das: Anfang September kam ein Mann in Tübingen zu Besuch, dessen Name Technikbegeisterte, E-Mobilitäts-Anhänger und Börsenspekulanten in Freudentaumel versetzt: Tesla-Chef Elon Musk. Noch bevor er Kanzlerin Angela Merkel in Berlin seine Aufwartung machte, schaute er bei CureVac vorbei. Für die Produktion ihrer Vakzine nutzten die Tübinger die Technik des Mittelständlers Grohmann in der Eifel, und dieser wiederum ist seit 2017 Teil des Tesla-Imperiums.

Thomas Aders
Sebastian Deliga

Auch das Unterstützerfeld beider Unternehmen stand in Konkurrenz: Bei den Tübingern wurde SAP-Chef Dietmar Hopp zum Mehrheitseigentümer, in Mainz standen die im Pharmageschäft reich gewordenen Zwillinge Thomas und Andreas Strüngmann sowie die Bill & Melinda Gates-Stiftung hinter BioNTech-Chef Ugur Sahin. Von außen betrachtet war es trotzdem das Duell zwischen Digitalisierungspionier Hopp und Onkologieprofessor Sahin. Beiden hatte man einen Erfolg zugetraut.

Doch seit Anfang 2021 sind die Baden-Württemberger bei dem Wettlauf gegen die Rheinland-Pfälzer ins Stolpern gekommen; während das BioNTech-Präparat von den Behörden zugelassen wurde, hat CureVac die dritte Phase seiner Impfstofferprobung noch immer nicht ganz abgeschlossen. Die heutige Veröffentlichung der minderwertigen Wirksamkeit des Tübinger Impfstoffkandidaten CVnCOV von nur 47 Prozent - im Gegensatz zu 90 Prozent bei BioNTech/Pfizer - war das Ende der Hoffnungen auf eine baldige Massenproduktion und das Ende der Hoffnung auf kräftige Gewinne an der Börse; der Kurs von CureVac hat sich mehr als halbiert.

Warum schützt der Impfstoff so schlecht vor Covid-19?

Als das Tübinger Unternehmen verspätet in die entscheidende Phase 3 ging und den Impfstoff erprobte, gab es bereits mehrere Mutationen des Corona-Virus. Das hat die Forschung deutlich erschwert. 

Auch Virologe Martin Stürmer von der Uni Frankfurt sieht hierin eines der Probleme: "BioNTech, AstraZeneca und Co. - die haben sich maximal mit B.1.1.7 (der Variante Alpha, zuerst entstanden in England) rumschlagen müssen."

Außerdem war es ungeschriebenes Gesetz der Tübinger, die RNA möglichst pur und chemisch nicht behandelt zu verabreichen. Auch das hatte fatale Konsequenzen für CureVac, denn der Konkurrenz gelang durch ihre Modifikation der Boten-RNA eine weitaus höhere Konzentration. Der Leiter der CureVac-Impfstudie, Peter Kremsner: "BioNTech und Moderna konnten drei- bis zehnfach so hoch dosieren, dadurch, dass sie chemisch die RNA verändert haben. Bei CureVac war das Dogma, dass man möglichst unverändert die RNA einspritzt, was grundsätzlich auch richtig ist, was aber leider nicht funktioniert hat."

Das Ziel der Tübinger war ein hehres. Und dem SPD-Politiker und Epidemiologen Karl Lauterbach tut das Schicksal des Unternehmen heute im Gespräch mit tagesschau.de "furchtbar leid". Gerade den besonders ethischen und moralischen Anspruch der Tübinger habe er immer bewundert. Doch für Hoffnung sieht auch Lauterbach keine Basis mehr. Selbst wenn CureVac quasi noch einmal ganz von vorne beginne, seien die Konkurrenten etwa von BioNTech oder Johnson & Johnson noch weiter in ihren Forschungen gediehen. Der Tübinger Zug ist für viele also abgefahren.

Was bedeutet das für die Impfkampagne in Deutschland und Europa?

Epidemiologe Lauterbach bedauert das bittere Schicksal von CureVac zwar sehr, aber er sieht im Tübinger Desaster die bundesdeutsche Impfkampagne kaum gefährdet. Mehrere andere Vakzine wirkten seiner Meinung in hohem Maße, der heutige Rückschlag werde seiner Ansicht nach maximal eine Verzögerung von drei Wochen zur Folge haben. "Bis Ende September werden wir wahrscheinlich eine Impfquote von 70 Prozent erreicht haben, und damit eine Herdenimmunität." Auch das Bundesgesundheitsministerium reagiert alles andere als panisch. Die aktuellen Meldungen über CureVac habe "keine Auswirkung auf das Tempo unserer Impfkampagne".

In Brüssel will man sich nicht direkt zum CureVac-Desaster äußern, das sei Sache der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) in Amsterdam, die über die Zulassung von Impfpräparaten entscheidet. Die EU hat aber offenbar für den Fall vorgesorgt, dass CureVac patzt: Der Vertrag mit den Tübingern beinhalte "Kündigungsklauseln für den Fall, dass der Impfstoff nicht von der EMA zugelassen wird". Auch aus dem Parlament kommen eher gefasste Kommentare: natürlich seien die unzureichenden Ergebnisse bei CureVac "eine große Enttäuschung", so der Abgeordnete der Europäischen Volkspartei Peter Liese. "Das Ziel, den Menschen in Deutschland und Europa bis Ende des Sommers ein Impfangebot zu machen, ist trotzdem realistisch." Das liege an den positiven Entwicklungen bei BioNTech und bei Johnson&Johnson.

Interessant ist eine Zusatzinformation in der Stellungnahme Peter Lieses: Der CureVac-Vorstandschef Franz-Werner Haas habe ihm bereits im Dezember zugesagt, dass seine Firma mit anderen Herstellern zusammenarbeiten wolle, "wenn der eigene Impfstoff nicht funktioniert". Mit der heutigen Veröffentlichung dieser Gesprächsnotiz dürfte der Druck auf die Tübinger Firma und ihren Partner Bayer stark gewachsen sein, nun zügig mit den erfolgreichen Konkurrenten aus Mainz zu kooperieren und die eigenen Kapazitäten auf die Produktion von BioNTech umzustellen.

Hat der Staat Geld verloren, indem er CureVac förderte?

"Die Bundesregierung beteiligt sich an diesem vielversprechenden Unternehmen, weil sie erwartet, damit Entwicklungen zu beschleunigen, und es CureVac finanziell zu ermöglichen, das Potenzial seiner Technologie ausschöpfen zu können." Das sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vor fast genau einem Jahr. Darauf investierte der Bund die Summe von 300 Millionen Euro in das Tübinger Unternehmen. Dazu kam das Bundesforschungsministerium, das eine Zusage über Fördermittel in Höhe von 251,6 Millionen Euro machte.

Summa summarum also eine gute halbe Milliarde Euro. Ist das Geld nun also futsch? Die Antwort: nur zum Teil. Denn einerseits erhielt der Bund für seine Investition einen Aktien-Anteil an der Firma. Und obwohl der Kurs von CureVac heute um über die Hälfte eingebrochen ist, dürfte der Wert dieses Anteils immer noch deutlich höher sein als zu dem Zeitpunkt, als das Unternehmen an die Börse ging. Und zum anderen sind von den zugesagten 251,6 Millionen bislang faktisch nur 102,8 Millionen Euro geflossen, wie das Forschungs-Ministerium tagesschau.de heute bestätigte. Der Rest dürfte vermutlich einbehalten werden, da die Auszahlung "vom Projektfortschritt abhängig" ist.

Unabhängig von möglichen "Verlusten" stellt sich jedoch die Frage, was passiert wäre, hätte die Bundesregierung keinen Cent in vielversprechende Unternehmen wie CureVac oder BioNTech investiert. Ein Aufschrei wäre vermutlich durch die Republik gegangen, und das, obwohl sich ein angebliches Übernahmeangebot durch Ex-US-Präsident DonaldTrump als Falschmeldung herausgestellt hat. Die Situation im Krisenjahr 2020 sei dramatisch gewesen, so SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach. "Es war ein extrem nobler Versuch unserer deutschen Unternehmen, einen neuartigen Covid-Impfstoff zu entwickeln und der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen. Die Investitionen waren richtig, obwohl sich im Falle von CureVac ein Erfolg nicht eingestellt hat."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Juni 2021 um 20:00 Uhr.