Berliner Philharmoniker spielen in der Waldbühne | dpa

Branche dringt auf Öffnung Konzertveranstalter hoffen auf 2G-Regel

Stand: 24.08.2021 10:27 Uhr

Sommer-Konzerte unter freiem Himmel haben der Branche wieder Umsätze beschert. Könnten Veranstaltungen bald Geimpften und Genesenen vorbehalten sein - dann ganz ohne Abstandsregeln?

Von Bibiana Barth, ARD-Börsenredaktion

Helge Schneider besingt weiter munter das Katzenklo. Doch auch seine geplanten Strandkorb-Konzerte fielen in eben dieses. Helge Schneider sagte die Auftritte nämlich ab. Auf seiner Homepage heißt es, für ihn persönlich passe das Format leider nicht. Dass Künstler absagen, ist selten. Meistens müssten das die Konzertveranstalter in diesen Zeiten selbst tun, so Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer von fwd:, der Bundesvereinigung für Veranstaltungswirtschaft.

"Nach wie vor haben wir einen Planungshorizont von vier Wochen - immer gebunden an Landesverordnungen", sagt er. "Wir brauchen aber in unserer Branche einen Vorlauf von vier bis sechs Monaten. Niemand fängt jetzt an, eine Veranstaltung zu planen, wenn er nicht weiß, ob er die Veranstaltung so wie geplant durchführen kann."

Helge Schneider | dpa

Helge Schneider sagte seine geplanten Strandkorb-Konzerte selbst ab - meist tun das die Veranstalter. Bild: dpa

Tausende Arbeitsplätze weggefallen

Die Branche ist stark mitgenommen. Etwa 158.000 Menschen arbeiteten 2019 in der Musikindustrie, darunter etwa 93.000 Arbeitnehmer und 64.000 Selbstständige. Neben der Medienindustrie ist die Musikbranche der größte Wirtschaftszweig in der Kultur. Tausende Arbeitsplätze sind bereits weggefallen, viele sind in Gefahr. Besonders Soloselbstständige suchen sich daher neue Jobs.

Unterdessen wird gerade heftig diskutiert, wer überhaupt zu Konzerten gehen darf - nur Geimpfte oder Genese? Wird es also eine 2G-Regel geben? Schließlich steht der Herbst vor der Tür und die Outdoorkonzerte müssen weichen.

Branche für 2G-Regel ohne Abstandsregeln

Jens Michow vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft fordert auf jeden Fall mehr Planungssicherheit für die Veranstalter und Künstler: "Für die Konzertveranstalter wäre es jetzt vorübergehend der richtige Weg: Wir öffnen jetzt für Geimpfte und Genesene. Und hoffen dann, dass schnell ein Weg gefunden wird, dass auch die nicht Geimpften bald wieder kommen dürfen. Wohl gemerkt, ohne Abstandsregeln."

Denn durch die Abstandsregeln werden die Einnahmen stark geschmälert, die Kosten für Hallen und Catering zum Beispiel bleiben aber. Das bedeutet also wieder Gewinneinbußen.

Milliardenverlust in der Krise

Dabei war die Veranstaltungsbranche vor Corona eine echte Wachstumsbranche. Ein Rekordjahr folgte auf das nächste. Und jetzt? Umsatzeinbrüche in Milliardenhöhe, so Michow. "Wir haben 2018 die letzte Marktstudie durchgeführt. Da kamen wir auf sechs Milliarden Euro durch die deutsche Kulturwirtschaft", sagt er. "Diese sind komplett weggefallen, sodass man von einem Verlust von vier bis fünf Milliarden ausgehen kann."

Davon betroffen sind auch Riesen der Branche wie CTS Eventim: ein weltweit operierendes Unternehmen, im MDAX gelistet. Der Konzern verdient sein Geld als Plattform für Ticketverkäufe und als Teilhaber von Konzertveranstaltern. 2020 erhielt CTS Eventim 102 Millionen Euro an Corona-Hilfen, nachdem der Umsatz um mehr als 80 Prozent zurückgegangen war. Im zweiten Quartal lag dieser nun wieder bei 45,7 Millionen Euro, wie das Unternehmen bekanntgab. Das ist aber immer noch weit entfernt vom Vorkrisenniveau: Im Jahr 2019 erwirtschaftete der Konzern zwischen April und Ende Juni einen Umsatz von mehr als 400 Millionen Euro.

Langer Weg bis zum Vorkrisenniveau

Auch stand bei CTS Eventim im zweiten Quartal wieder ein Gewinn in der Bilanz. Unter dem Strich lag das Plus bei 52 Millionen Euro - nach einem Verlust von knapp 41 Millionen Euro vor einem Jahr. Nun scheint die Konzernstrategie in Richtung Zukunft zu deuten. So will das Unternehmen im kommenden Jahr Italiens größte Multlifunktionsarena in Mailand bauen und betreiben.

Ist das ein Zeichen für die gesamte Industrie? Branchenkenner Kalbfleisch ist da vorsichtig. Bezogen auf den Umsatz werde es sicher zwei Jahre dauern, bis das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht sei. "Wir rechnen aber fest damit, dass wir ab dem ersten Quartal nächsten Jahres wieder anfangen dürfen, in unserem Modus zu arbeiten", sagt er. Bis dahin heißt es wohl weiter: Strandkorb, Wiese und im Herbst dick anziehen.