Regionalzüge stehen auf Gleisen am Hamburger Hauptbahnhof | dpa

Pilotprojekt gestartet Bahn sucht Azubis in Tunesien

Stand: 12.10.2022 04:38 Uhr

Was tun gegen den Fachkräftemangel? Die Bahn versucht in einem Pilotprojekt, junge Tunesier anzuwerben und hierzulande auszubilden. Der Fachkräftemangel ist heute auch Thema im Kabinett.

Von Nina Amin, ARD-Hauptstadtstudio

Für Soufien Dali ist alles neu: Der Job bei der Deutschen Bahn, das erste Mal im Ausland, die neue Sprache. Besonders die zweite Woche sei hart gewesen, meint der 23-jährige Tunesier. Langsam funktioniert die Verständigung auf Deutsch besser.  

Nina Amin ARD-Hauptstadtstudio

Vorbereitung schon in Tunesien

Schon in seiner Heimat belegte Soufien Dali einen Deutschkurs und bereitete sich auf das Arbeiten und Leben in Deutschland vor. Anfang September startete er seine Ausbildung als Elektroniker für Betriebstechnik in Offenbach.

Martin Seiler vom Personalvorstand der Deutschen Bahn hat großen Respekt vor den Azubis, die so jung mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland kommen. Er und sein Team versuchen, sie so gut wie möglich zu unterstützen. "Man muss sie wirklich begleiten, rundum begleiten. Sowohl in fachlicher Hinsicht, aber auch in der Frage der Integration."

So hilft das Unternehmen, auch Wohnungen für seine ausländischen Azubis zu finden. Ein großer Aufwand, meint Seiler, der sich am Ende aber für alle Beteiligten auszahle.

"Deutschland braucht Fachkräfte aus dem Ausland"

Die Bahn hat kaum eine andere Wahl. Fachkräfte fehlen schon jetzt, dabei ist die Bahn ein wichtiger Akteur bei der Mobilitätswende und dem massiven Ausbau des Schienennetzes. 24.000 neue Mitarbeitende will das Unternehmen dafür allein dieses Jahr einstellen. Und auch andere Betriebe suchen händeringend Leute.

Deutschland brauche Fachkräfte aus dem Ausland, sagt Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit: "Erst wenn 400.000 Menschen jährlich zuwandern und hier arbeiten, bleibt das Niveau bei den Erwerbstätigen konstant." Der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt müsse einfacher und weniger bürokratisch werden.

Das sieht auch der Migrationsforscher Herbert Brücker so. Er leitet das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Deutschland müsse sich dringend besser aufstellen: "Sonst gehen die Menschen in andere Länder, wo die Hürden nicht so hoch sind."

Konkret kritisiert Brücker, dass die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen in Deutschland immer noch so schwer ist. Von der neuen Fachkräftestrategie der Bundesregierung erhofft Brücker sich, dass die hohen bürokratischen Hürden deutlich gesenkt werden. "Menschen integrieren sich auch viel besser, wenn sie mit einem Arbeitsplatz nach Deutschland kommen", meint der Migrationsforscher.

Auch Herkunftsländer sollen profitieren

Das Pilotprojekt THAMM, mit dem der tunesische Bahn-Azubi Soufien Dali nach Deutschland kam, wirkt angesichts des großen Fachkräftebedarfs wie ein Tropfen auf den heißen Stein. 234 Azubis und 44 Fachkräfte aus Tunesien, Marokko und Ägypten wurden in den vergangenen drei Jahren an Betriebe in Deutschland vermittelt. Damit kann der massive Fachkräftebedarf in Deutschland nicht gedeckt werden.

Für Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze, deren Ministerium an dem Projekt beteiligt ist, ist es dennoch ein Erfolg. Und zwar für alle Beteiligten. Arbeitsagenturen in Tunesien, Ägypten und Marokko werden beraten und mit Arbeitsagenturen in Deutschland verknüpft. Mitarbeitende vor Ort werden geschult.

"Es ist uns sehr wichtig, dass es eben nicht zu dem sogenannten Braindrain kommt. Also, dass wir nicht die Fachkräfte aus den Ländern abziehen, die dort sowieso schon knapp sind. Sondern, dass wir zusätzlich junge Menschen ausbilden, dass wir ihnen helfen, eine Perspektive zu entwickeln", betont die SPD-Politikerin.

Urlaub in Tunesien, Arbeit in Deutschland

Soufien Dali freut sich über seine Karriereaussichten bei der Bahn. Nach der Ausbildung möchte der junge Tunesier bei dem Unternehmen bleiben. Auch, wenn er jetzt schon Heimweh hat. "Urlaub in der Heimat, arbeiten und leben in Deutschland" - so stellt sich der 23-Jährige seine nahe Zukunft vor. Und irgendwann will er vielleicht auch wieder zurück, nach Tunesien.