Fahrer des Lebensmittellieferdienstes Gorillas | AFP

Lebensmittellieferdienste Von Gorillas und Einhörnern

Stand: 24.07.2021 16:35 Uhr

Fahrrad-Lieferdienste wollen Teile des Lebensmittelmarkts in Großstädten erobern. Ihr Expansionskurs führt zu Wachstumsschmerzen, vor allem bei den Beschäftigten. Der Erfolg des Geschäftsmodells ist nicht garantiert.

Von André Kartschall, rbb 

Vom Sofa aus einkaufen, Lebensmittel per Handy bestellen und binnen zehn oder zwanzig Minuten die Lieferung an der Tür in Empfang nehmen: So einfach können es sich Großstädter in Deutschland machen, die nicht in den Lebensmittelladen gehen wollen. Möglich machen das in letzter Zeit Lieferdienste, die die Waren per Fahrrad transportieren, gegen eine geringe Extragebühr.

Andre Kartschall

Rasanter Wachstum mit Grenzen?

Das bekannteste der Unternehmen, Gorillas, ist vor allem in der Berliner Innenstadt vertreten. Aus kleinen Lagern heraus schwärmen Fahrradkuriere durch die City-Bezirke. Und verstopfen vor den Unternehmensniederlassungen auch schon mal Straßen und Gehwege. Dass die Anwohner dagegen öffentlichkeitswirksam protestieren, ist im politisch aufgeladenen Berliner Alltag programmiert. Und die Negativschlagzeile für das Unternehmen auch.

Das Unternehmen, erst 2020 in Berlin gegründet, zählt zu den Einhörnern der deutschen Wirtschaftslandschaft: Start-ups, die bereits vor einem möglichen Börsengang mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind. Eine bemerkenswerte Summe für eine Firma, deren Geschäftsmodell darauf basiert, dass Kunden eher kleine Mengen an Waren bestellen - und das zu Preisen, die konkurrenzfähig zu denen im Supermarkt sind.

Bislang wächst das Unternehmen rasant, auch dank Investoren. Die Hauptstadt gilt als Modellregion für Gorillas. Doch die Grenzen des Wachstums sind, zumindest theoretisch, absehbar. Fahrradkuriere können eben nur eine begrenzte Anzahl Waren transportieren - und um die versprochene Lieferzeit, beispielsweise zehn Minuten, einzuhalten, darf das Lager nicht zu weit entfernt sein. In den Außenbezirken jenseits des Berliner S-Bahn-Rings könnte das schwierig werden.

Konkurrenz in der Marktnische

Hinzu kommt die Konkurrenz. Da sind zunächst einmal die klassischen Supermärkte. Die Gewerkschaft ver.di beobachtet die neue Branche genau. Der Berliner Pressesprecher Andreas Splanemann ist skeptisch, ob hier tatsächlich mehr als eine Nische entsteht: "Berlin hat eine große Dichte an Geschäften, der nächste Supermarkt ist vielfach fußläufig zu erreichen. Außerdem haben viele Märkte ohnehin eigene Lieferdienste." Diese Anbieter sind seit Jahren am Markt - und bislang eine reine Ergänzung zum Kerngeschäft geblieben.

Dennoch gibt es weitere Start-ups, die ein ganz ähnliches Modell wie Gorillas pflegen. Flink zum Beispiel stammt ebenfalls aus Berlin und nimmt ebenfalls weniger als zwei Euro Liefergebühr. Getir ist ein weiterer Anbieter mit ähnlichem Geschäftsmodell. Und dann ist da noch Wolt, ein etablierter Lieferservice für Speisen aus Restaurants. Das Unternehmen will in Zukunft auch Lebensmittel ausfahren. Der Konkurrenzkampf dürfte noch härter werden.

Arbeitsbedingungen in der Kritik

Wenige Kunden, beschränktes Wachstumspotential, jede Menge Konkurrenz: das Einhorn Gorillas und seine Mitbewerber finden sich bereits zu Beginn des von manchen prognostizierten Booms in der Lieferbranche in einer anspruchsvollen Ausgangslage wieder.

Das spüren nicht nur die Anwohner, die vom Lärm und geschäftigen Treiben der Fahrer genervt sind, sondern auch die Angestellten selbst. Bei Gorillas gab es zuletzt sogenannte wilde Streiks, also solche, die vom Personal selbst organisiert waren und nicht von einer Gewerkschaft unterstützt wurden. Die Forderungen: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Geld, ein erweiterter Kündigungsschutz. Eine Einigung gibt es noch nicht, aber dafür weitere - aus Sicht der Geschäftsleitung unschöne - Schlagzeilen.

Bundesarbeitsminister Heil im Gespräch mit Fahrern des Lebensmittellieferdienstes Gorillas in Berlin | dpa

Bundesarbeitsminister Heil im Gespräch mit Fahrern des Lebensmittellieferdienstes Gorillas in Berlin. Bild: dpa

Arbeitsrechtliche Verbesserungen in Aussicht?

Dass Start Ups bereits so früh in ihrer Unternehmensgeschichte auf Konfrontationskurs mit ihren Angestellten liegen, ist eher die Ausnahme. Ob die Arbeitskämpfe aber zu dauerhaften Verbesserungen für die Arbeitnehmer führen, bleibt abzuwarten. Das Personal wechselt recht häufig, für viele ist der Lieferdienst wohl eher ein Übergangsjob.

Zuletzt traf sich sogar Bundesarbeitsminister Hubertus Heil mit den Gorillas-Mitarbeitern. Er konnte keine konkreten Versprechungen machen, stellte aber in Aussicht, dass die Lieferdienste in Zukunft strengere Vorschriften erhalten sollen. Das könnte das Geschäftsmodell nicht einfacher machen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Mai 2021 um 06:43 Uhr.