Eine Maschine des Typs Boeing 737 MAX im Landeanflug | REUTERS

Krise um die 737 MAX Anklage gegen Ex-Testpiloten von Boeing

Stand: 15.10.2021 10:50 Uhr

Trägt der ehemalige Chef-Testpilot der 737 MAX die Verantwortung für die Abstürze zweier Maschinen, bei denen 346 Menschen starben? Die Frage soll nun ein Geschworenengericht in Texas klären.   

Ein früherer Testpilot des US-Flugzeugbauers Boeing ist wegen seiner Rolle bei den verheerenden Abstürzen zweier Boeing-Maschinen vom Typ 737 MAX angeklagt worden. Der ehemalige technische Chefpilot Mark Forkner habe der US-Flugaufsichtsbehörde FAA "falsche, ungenaue und unvollständige Informationen über einen neuen Teil der Flugsteuerung der Boeing 737 MAX" geliefert, erklärte das US-Justizministerium. Das Assistenzsystem spielte eine zentrale Rolle bei den Unglücken.

Airlines und deren Piloten seien nicht über die Funktionsweise der Software unterrichtet worden, heißt es in der Anklage. Der 49-jährige Forkner muss sich deshalb vor einem Geschworenengericht im US-Bundesstaat Texas wegen Betrugs verantworten. "Das Justizministerium wird Betrug nicht dulden, vor allem nicht in Branchen, in denen so viel auf dem Spiel steht", sagte der texanische Bundesstaatsanwalt Chad Meacham. Im Fall einer Verurteilung drohen Forkner bis zu 100 Jahre Haft.

Software sollte gegensteuern

Das System mit dem Namen MCAS sollte den Piloten der 737 MAX helfen, das Flugzeug in der richtigen Position zu halten. Es wurde notwendig, weil die Maschine eine modifizierte Version der 737 aus den 60er Jahren ist. Die MAX bekam größere Triebwerke, dadurch konnte in manchen Fällen die Nase des Flugzeugs nach oben gehen. Die Software sollte dann gegensteuern und leicht korrigieren.

Doch wie sich herausstellte, konnte MCAS auch in anderen Situationen eingreifen und die Maschine nach unten lenken. Bei den zwei Abstürzen in Indonesien 2018 und in Äthiopien 2019 waren Piloten nicht darauf vorbereitet, 346 Menschen kamen ums Leben.

Forkner prahlte

Boeing hatte der US-Luftverkehrsbehörde FAA ursprünglich mitgeteilt, dass MCAS nur in einer seltenen Situation eingreifen solle, wenn das Flugzeug scharfe Kurven bei hoher Geschwindigkeit mache. Doch im November 2016 stellte Chef-Testpilot Forkner im Flugsimulator fest, dass das System auch bei deutlich niedrigerem Flugtempo aktiv wurde. "Also habe ich die Regulierer belogen (unwissentlich)", schrieb Forkner danach einem Kollegen im firmeninternen Chat. Dieser Austausch war bereits bekannt, seit Boeing ihn 2019 veröffentlichte.

Die 737 MAX wurde im März 2017 zugelassen. Dabei war Forkner die direkte Kontaktperson zwischen dem Flugzeugbauer und der FAA. Laut Dokumenten, die Anfang 2020 veröffentlicht wurden, hatte er damit geprahlt, seine FAA-Kollegen täuschen zu können, um die Zertifizierung für das speziell für die Boeing 737 MAX entwickelte Stabilisierungssystem MCAS zu erhalten.

Vom Ex-Testpiloten oder seinen Anwälten lag zunächst keine Reaktion auf die Anklage vor. Zu früherer Kritik nach Veröffentlichung der Chats hatten sie betont, dass Forkner nie wissentlich Passagiere und Besatzungsmitglieder in Gefahr gebracht habe.

Klage auch gegen Boeing

Die 737 Max war während der Untersuchungen für 20 Monate mit Flugverboten belegt worden. Boeing hatte Anfang des Jahres seine Verantwortung für die Abstürze eingestanden und eine Milliardenstrafe akzeptiert, um ein Strafverfahren abzuwenden. Der Konzern stimmte zu, 2,5 Milliarden Dollar Strafe und Entschädigung zu zahlen.

Im September ließ ein US-Richter eine weitere Klage gegen das Unternehmen zu. Die Aktionäre verklagen demnach den Vorstand von Boeing, weil dieser nach dem ersten Absturz Warnungen bezüglich des Sicherheitssystems MCAS ignoriert habe.

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 15. Oktober 2021 um 11:08 Uhr.