Eine Maschine des Typs Boeing 737 MAX im Landeanflug | REUTERS

737-MAX-Abstürze Richter wirft Boeing-Vorstand Lüge vor

Stand: 08.09.2021 10:04 Uhr

Ein US-Gericht hat eine Klage von Aktionären gegen den Vorstand des Flugzeugherstellers Boeing wegen der 737-MAX-Abstürze zugelassen. Es sei erwiesen, dass der Vorstand gelogen habe, erklärte der zuständige Richter.

Der US-Flugzeugbauer Boeing sieht sich im Zuge der 737-MAX-Abstürze nun auch mit einer Klage eigener Aktionäre konfrontiert. Ein Gericht im US-Bundesstaat Delaware ließ eine Klage von Anlegern zu. Es sei erwiesen, dass der Vorstand in der Frage gelogen habe, ob und wie er die Sicherheit der 737 MAX überwacht habe, hieß es in der Begründung des Richters. Der erste der beiden Abstürze sei eine "Warnung" in Bezug auf einen Fehler im Sicherheitssystem MCAS gewesen, "die der Vorstand hätte beachten sollen, aber stattdessen ignoriert hat".

Mangelnde Sicherheitsmaßnahmen

Dass der Vorstand wissentlich versagt habe, zeige sich auch darin, dass er zum damaligen Zeitpunkt erklärt habe, bestimmte Maßnahmen zur Überwachung der Sicherheit ergriffen zu haben, die er in Wirklichkeit nicht durchgeführt hat.

2018 und 2019 waren bei zwei Flugzeugabstürzen von Maschinen des Typs Boeing 737 MAX binnen weniger Monate 346 Menschen gestorben. Als Hauptursache der Unglücke galt ein fehlerhaftes Steuerungsprogramm. Boeing hatte die Probleme eigentlich bereits nach dem ersten Absturz beheben wollen.

Falschaussagen von Dave Calhoun?

Der damalige Boeing-Direktor und jetzige Unternehmenschef Dave Calhoun hatte ausgesagt, dass der Vorstand nach dem ersten Absturz einer Lion-Air-Maschine "sofort und im Großen und Ganzen" informiert worden sei und danach "sehr, sehr schnell" zusammenkam.

Israelische Ermittler untersuchen das Wrack der Boing 737 Max 8 an der Absturzstelle. | picture alliance/AP Photo

Israelische Ermittler untersuchen das Wrack der Boing 737 MAX 8 an der Absturzstelle. Bild: picture alliance/AP Photo

Auch nach dem zweiten Absturz - eine Maschine der Ethiopian Airlines - habe sich der Vorstand innerhalb von 24 Stunden nach dem Unglück getroffen, um ein mögliches Flugverbot der 737 MAX zu diskutieren. "Jede von Calhouns Darstellungen war falsch", hieß es in der Gerichtsentscheidung.

Am Ende zahlt die Versicherung

Boeing zeigte sich in einem ersten Statement enttäuscht über die Entscheidung des Gerichts, die Klage zuzulassen. Man werde in den kommenden Tagen über weitere Schritte nachdenken. Brian Quinn, ein Professor an der Boston College Law School, hält es für sehr unwahrscheinlich, dass der Fall wirklich vor Gericht kommt.

Derzeit würde der Vorstand seinen Anwälten wohl Folgendes erzählen: "Ich möchte nicht vor Gericht. Sie müssen ihnen zahlen, was auch immer es kostet, ich kann als Vorstand nicht Verantwortung übernehmen." In diesem Szenario dürfte laut Rechtsexperte Quinn alles auf eine außergerichtliche Einigung hinauslaufen - die dann die Versicherung des Vorstands bezahlen wird.

Es ist nicht das erste gerichtliche Nachspiel des 737-MAX-Desasters für Boeing: Erst im Januar hatte sich der Flugzeughersteller mit dem US-Justizministerium über die Zahlung von 2,5 Milliarden Dollar Entschädigung für die Täuschung über Konstruktionsmängel geeinigt. Insgesamt haben die zwei Crashs Boeing der Nachrichtenagentur Reuters zufolge bislang mehr als 20 Milliarden Dollar gekostet.

Wichtige Änderungen vor der Neuzulassung

Die 737 MAX war im März 2019 nach den beiden Abstürzen weltweit aus dem Verkehr gezogen worden. Erst im November 2020 hatte die US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) das Flugverbot nach über 20 Monaten wieder aufgehoben. Bei den Untersuchungen waren weitere Mängel zutage getreten.

Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hob das Grounding für die Boeing 737 MAX Ende Januar 2021 auf. Zu den wichtigsten Änderungen gehören Software-Updates für den Flight Control Computer und das MCAS, das als Hauptursache für die zwei Abstürze identifiziert worden war.

Airlines ziehen Airbus A321 Neo vor

Doch auch mit der neuen Version des Fliegers hat Boeing wenig Erfolg. Zuletzt hatten zahlreiche potenzielle Kunden dankend abgewunken. So teilte der irische Billigflieger Ryanair erst vor zwei Tagen mit, er wolle doch keine weiteren Flugzeuge vom Typ 737 MAX bei Boeing bestellen.

Beide Seiten hatten laut Ryanair in den vergangenen zehn Monaten Gespräche über einen "großen Folgeauftrag" für die Langversion 737 MAX 10 geführt. Allerdings habe Boeing "einen optimistischeren Ausblick auf die Flugzeugpreise als wir", sagte Ryanair-Chef Michael O'Leary. Ryanair bezahle aber keine hohen Preise für Flugzeuge.

Zuvor hatten bereits andere große Boeing-Kunden wie Delta und Jet2 neue Aufträge vorzugsweise an den europäischen Boeing-Konkurrenten Airbus vergeben. Beide Fluggesellschaften entschieden sich für den Airbus A321 Neo - die direkte Konkurrenz zur Boeing 737 Max 10.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. September 2021 um 10:00 Uhr.