BioNTech-Werk in Marburg | AFP

BioNTech in Marburg Werk der Hoffnung

Stand: 31.03.2021 00:12 Uhr

Große Hoffnungen ruhen auf dem neuen BioNTech-Impfstoffwerk in Marburg. Voraussichtlich in der zweiten April-Hälfte werden die Auslieferungen beginnen. Ein erster Einblick.

Von Johanna Wahl, SWR

Wer in das Innerste des Werkes gelangen will, auf dem nun so viele Hoffnungen ruhen, der muss mehrere Sicherheitsschleusen passieren.

Johanna Wahl

Denn was hier in Marburg hergestellt wird, ist in Pandemiezeiten wertvoller als Gold: mRNA, der Wirkstoff, auf dem der von BioNTech gemeinsam mit Pfizer entwickelte Impfstoff basiert. Das Botenmolekül mRNA soll den menschlichen Zellen die Information zur Produktion von Proteinen und damit zur Bekämpfung der Krankheitserreger vermitteln.

Keimfreies Herzstück

Wegen der Kunststoffböden und Metall-Waschbecken drinnen wirken die Produktionsräume wie eine Mischung aus Turnhalle und Raumschiff. In solchen Reinräumen geht es eben in erster Linie um Hygiene und Keimfreiheit. Drei Mitarbeiter in Schutzkleidung hantieren an einer pharmazeutischen Werkbank. Ihre Aufgabe ist es, die notwendigen Ausgangsstoffe für den Impfstoff zusammenzustellen. Dazu gehören DNA-Bausteine und Enzyme, aber zum Beispiel auch speziell gereinigtes Wasser. Über einen Schlauch läuft die Lösung dann in einen Kessel.

Der ist gewissermaßen das Herzstück der Impfstoffherstellung, die Mitarbeiter sprechen von einem Bio-Reaktor. Dort wird die mRNA gebildet, ein biochemischer Prozess. Anschließend muss die Lösung gereinigt, konzentriert und gewissermaßen in eine Schutzhülle von Lipiden gepackt werden.

All das findet in Marburg statt. Nur der letzte Schritt in der Produktionskette, die Abfüllung in Spezialfläschchen, findet bei verschiedenen Partnern an anderen Standorten statt; von Sommer an wohl auch bei Sanofi in Frankfurt.

"Eine Herausforderung"

Im vergangenen September kaufte BioNTech das ehemalige Novartis-Werk in Marburg. Innerhalb weniger Monate wurde hier vieles umgebaut und alles auf die Produktion des neuen Wirkstoffes umgestellt. "Das war tatsächlich eine Herausforderung", erklärt Valeska Schilling. Sie ist Leiterin der Produktionsabteilung von BioNTech in Marburg. Nur Teile des Equipments und der Prozesse hätten übernommen werden können: "Da mRNA als Wirkstoffklasse ganz neu ist und so noch nie verwendet wurde für die breite Masse."

Um möglichst viel Impfstoff zu produzieren, arbeiten nach Unternehmensangaben knapp die Hälfte der 400 BioNTech-Mitarbeiter am Standort Marburg aktuell im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Voraussichtlich in der zweiten April-Hälfte wird BioNTech erste Chargen aus seiner Produktion am Standort Marburg ausliefern können. Bislang produziert BioNTech in Europa seinen mRNA-Impfstoff in Belgien, Mainz und dreizehn Orten von Produktionspartnern. In der vergangenen Woche bekam das Unternehmen nun die Zulassung von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) für die Nutzung des am Standort Marburg produzierten Wirkstoffes.

Schon im Februar hatte BioNTech mit der Produktion in Marburg begonnen, aber das grüne Licht von der EMA ist die Voraussetzung, den Impfstoff von dort nun auch bald ausliefern zu können. Die Zahlen, die die Produktionsleiterin am Standort Marburg ankündigt, klingen zumindest vielversprechend: "Wir planen für das erste Halbjahr 250 Millionen Dosen aus Marburg zu liefern", sagt Valeska Schilling. "Wenn das Werk dann läuft und alles ineinandergreift, werden es eine Milliarde Dosen pro Jahr." Das mache den Standort europaweit zum größten mRNA-Hersteller.

"Sehr, sehr gute Nachrichten"

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht in diesem Zusammenhang von "sehr, sehr guten Nachrichten", die genau zum richtigen Zeitpunkt kämen: "Das wird die Impfkampagne in Deutschland auf jeden Fall beschleunigen." Wie viele der in Marburg hergestellten Impfstoffdosen aber in Deutschland bleiben und wie viele in andere Länder gehen, ist bislang nicht bekannt.

Beim Pressetermin in Marburg ist kein Mitglied des BioNTech-Vorstandes anwesend. In einer Pressemitteilung schreibt das Unternehmen lediglich: "Nach der Abfüllung erfolgt die Verteilung an die Europäische Union und anderen Länder weltweit." Lauterbauch geht davon aus, dass eine nennenswerte Menge an Deutschland geht. Er rechnet mit zusätzlichen BioNTech-Impfdosen in Millionenhöhe.

Über dieses Thema berichtete hr-iNFO am 31. März 2021 um 00:00 Uhr.