Wartender im Impfzentrum bei BASF | picture alliance/dpa

Knapper Corona-Impfstoff Wenn Betriebsärzte boostern wollen

Stand: 12.01.2022 10:02 Uhr

Betriebsärzte gelten als dritte Säule der Impfkampagne. Doch sie müssen derzeit immer wieder Termine absagen, weil Impfstoff fehlt. Welche Rolle spielen sie bei den aktuellen Booster-Impfungen?

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

"Täglich können bis zu 1000 Mitarbeitende im BASF-Impfzentrum geimpft werden", sagt Claudia Schönfeld, Sprecherin des größten deutschen Chemiekonzerns. Das Unternehmen hat für seine Mitarbeiter ein eigenes Impfzentrum aufgebaut, in dem Erst-, Zweit- und Auffrischungsimpfungen angeboten werden. Bereits im Mai vergangenen Jahres fing der DAX-Konzern an, sein Personal gegen Corona zu impfen. Das Angebot wurde seitdem reichlich genutzt, mittlerweile haben bereits "rund 17.000 Mitarbeitende eine Auffrischungsimpfung erhalten", sagt Schönefeld auf Anfrage von tagesschau.de.

Lilli Hiltscher

In ganz Deutschland steigt die Zahl der Geboosterten immer weiter an: Bereits mehr als 33 Millionen Menschen haben bis zum 6. Januar eine Auffrischungsimpfung erhalten. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind damit nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) geboostert. "Die Betriebsärzte sind primär damit beschäftigt, dass in Unternehmen Drittimpfungen verabreicht werden", sagt Anette Wahl-Wachendorf vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) auf Anfrage von tagesschau.de.

Genaue Zahlen gibt es nicht

Welchen Anteil die Betriebsärzte zu den Auffrischungsimpfungen tatsächlich beitragen, lässt sich kaum ermitteln. Zwar meldet das RKI in seinem Wochenbericht, dass bis zum 6. Januar insgesamt 683.375 Menschen durch Betriebsärzte geboostert wurden. Doch die Zahl sei mit Vorsicht zu genießen, erklärt Wahl-Wachendorf: "Die Meldesysteme für Betriebsärzte sind sehr unterschiedlich. Dadurch werden die Daten teilweise nicht richtig erfasst."

Auch das RKI informiert in seinem Wochenbericht über diese "Unschärfen in der Zuordnung von Impfdaten": "Betriebsärzte können entweder unter eigener Kennung das 'Digitale Impfquotenmonitoring' nutzen oder über Impfzentren mit deren Kennung melden oder auch ihre Daten über das Portal der Kassenärztlichen Bundesvereinigung übermitteln."

Kein Überblick über Booster-Angebote der Betriebe

Außerdem wird nicht erfasst, wie viele Unternehmen deutschlandweit tatsächlich ein Boosterangebot für ihre Mitarbeitenden machen. Eine Umfrage aus dem Juli vergangenen Jahres, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführt hatte, war damals zu dem Ergebnis gekommen, dass nur rund 28 Prozent der Unternehmen ihrem Personal Erst- und Zweitimpfungen gegen Covid-19 anbieten.

Aktuelle Zahlen gibt es aber keine: "Wir können auf Grundlage der Rückmeldungen, die wir von Betriebsärzten bekommen, lediglich schätzen, dass die Impfangebote in Unternehmen wohl leicht rückläufig sind", erklärt die Expertin vom VDBW.

Betriebsärzte als wichtige Stütze

Dennoch glaubt Wahl-Wachendorf, dass die Betriebsärzte in der Pandemie eine entscheidende Rolle spielen: "Betriebsärzte sind wichtige Berater in Krisenstäben von Unternehmen. Sie können helfen, Entscheidungen zu treffen, die sinnvoll und erforderlich sind, aber nicht über das Ziel hinausschießen." Außerdem seien Betriebsärzte in der Lage, je nach Arbeitsplatz sinnvolle Hygienepläne zu erstellen: "Sie haben in ihrer Funktion Arbeitsplatz und Mitarbeiter im Blick, wodurch ihnen eine wichtige Rolle zukommt."

Für die wohl rückläufigen Zahlen der Impfangebote in Betrieben gibt es aus ihrer Sicht mehrere Erklärungen: "Die Nachfrage nach Drittimpfungen ist da. Allerdings kommt es immer wieder vor, dass Betriebsärzte die bestellten Mengen an Impfdosen nicht erhalten. Das macht die Situation für Betriebsärzte unberechenbar und häufig stellen Betriebe das Angebot dann ganz ein, wenn immer wieder Termine abgesagt werden müssen."

Das große Problem ist der Impfstoff von BioNTech/Pfizer, von dem es derzeit zu wenige Dosen gibt. Betriebsärzte haben lediglich Anspruch auf maximal fünf Vials von BioNTech/Pfizer, so die Expertin Wahl-Wachendorf. BioNTech/Pfizer darf nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) als einziger an Personen unter 30 Jahren verimpft werden darf. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte darum in der ARD-Sendung Hart aber fair, man prüfe derzeit noch einmal die Empfehlung der STIKO, Moderna nicht mehr an Menschen zu verimpfen, die jünger als 30 Jahre sind.

Der Krisenstab der Bundesregierung teilte auf Anfrage von tagesschau.de allerdings mit, dass genug Biontech-Impfstoff vorhanden sei, um die Zielgruppe gemäß STIKO-Empfehlung damit zu impfen. Betriebsärzte hätten dafür seit der 14. Kalenderwoche 2021 4,5 Millionen Impfdosen bekommen. Aus Sicht der Betriebsärzte ist es dennoch zu wenig, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Rund zehn Prozent der Boostertermine werden abgesagt

Im Schnitt werden wohl rund zehn Prozent aller Booster-Termine, die mit Betriebsärzten ausgemacht sind, wieder abgesagt, schätzt die Expertin vom VDBW: "Einerseits, weil es nicht genügend Impfstoff gibt und Ärzte Termine nicht halten können. Und andererseits nutzen Beschäftigte auch immer häufiger Angebote außerhalb der Betriebe zum Boostern." Denn das Impfen finde wieder verstärkt in den noch offenen Impfzentren statt.

Darum würden immer mehr Unternehmen die Impfkampagne im eigenen Haus einstellen, so Wahl-Wachendorf. Ein Beispiel dafür ist die Commerzbank: "Nach erfolgreichem Abschluss unserer Impfkampagne im Jahr 2021 ist aktuell keine weitere innerbetriebliche Impfinitiative geplant", erklärte eine Sprecherin auf Anfrage von tagesschau.de. Allerdings stelle man die "Mitarbeitenden für die Wahrnehmung eines externen Impftermins von der Arbeit frei. Sowohl die Wegezeit als auch die Zeit für die Impfung gelten als Arbeitszeit."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. November 2021 um 19:00 Uhr.