Belen Garijo

Neue Merck-Chefin Von der Klinik an die DAX-Spitze

Stand: 03.05.2021 10:09 Uhr

Die erste alleinige Chefin eines DAX-Konzerns startet im Amt: Die Medizinerin und Topmanagerin Belén Garijo hat bei Merck das Arzneigeschäft neu ausgerichtet. Nun beliefert das Unternehmen viele Impfstoff-Hersteller.

Seit dem 1. Mai leitet Belén Garijo den Darmstädter Pharma- Technologie- und Chemiekonzern Merck. Heute beginnt also ihre erste reguläre Arbeitswoche im neuen Führungsamt. Die 60-jährige Spanierin startete ihre berufliche Karriere als Ärztin in einem Madrider Krankenhaus, ihr Fachgebiet ist die klinische Pharmakologie. Anschließend wechselte sie in die Pharmaindustrie, wo sie vor ihrer Zeit bei Merck unter anderem bei Sanofi-Aventis tätig war.   

Zu Merck gelangte die zweifache Mutter schließlich im Jahr 2011 als Chefin des Teilbereichs Biopharma. Seit 2015 leitete sie das Unternehmenssegment Healthcare, die Pharmasparte, und war stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Gesamtkonzerns.

Damit ist Garijo die erste Frau, die die alleinige Verantwortung für einen der 30 DAX-Konzerne trägt. Zuvor hatte der Softwarekonzern SAP mit Jennifer Morgan und Christian Klein im Jahr 2019 eine Doppelspitze installiert. Morgan musste den Posten aber bereits nach sechs Monaten wieder räumen.

"Hart arbeiten, Gelegenheiten nutzen"

Zum Thema Frauen in Managementpositionen vertritt die neue Chefin einen eher nüchternen Standpunkt: Sie möchte Diversität fördern, sie sei wichtig, "weil es gut für das Geschäft ist". Wie Daten der Beratungsgesellschaft EY zeigen, sind Frauen in den Vorständen hierzulande noch immer deutlich in der Minderheit. Demnach lag der Anteil weiblicher Vorstände in den Führungsgremien der 160 Konzerne aus den wichtigen Börsenindizes DAX, MDAX und SDAX zu Beginn dieses Jahres bei 11,5 Prozent.

Als Vorkämpferin für die Frauenquote ist Garijo nicht in Erscheinung getreten: "Ich bin gegen jede Art von Diskriminierung, und das schließt positive Diskriminierung mit ein", hatte sie in einem Gespräch mit der der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) gesagt.

Bei Merck liege der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei rund 35 Prozent. "Das ist mehr als in vielen anderen Unternehmen, aber wir sind damit noch nicht am Ziel." In ihrer beruflichen Laufbahn habe sich Fleiß ausgezahlt, so Garijo: "Was ich mein ganzes Leben lang getan habe, war, hart zu arbeiten und Gelegenheiten zu nutzen, wenn sie sich geboten haben."

Der Wandel geht weiter

Unter Führung der Managerin und ihres Vorgängers Stefan Oschmann schloss Merck Kooperationen mit Konkurrenten wie wie Pfizer und GlaxoSmithKline und richtete das Arznei-Portfolio auf die Krebsforschung und Krankheiten wie Multiple Sklerose aus. Und Garijo hat Erfolge vorzuweisen: Mercks Pharmasparte, die jahrelang keine einzige Arznei-Zulassung erreicht hatte, hat wieder Medikamente in der Pipeline.

Aber Garijo muss nun auch andere Geschäftsbereiche verantworten: Merck hat in den vergangenen Jahren den Wandel von einem reinen Chemie- und Pharmakonzern hin zu einem Wissenschafts- und Technologieunternehmen geschafft. Das gelangt Merck auch durch die Zukäufe des Laborausrüsters Sigma-Aldrich und des Halbleiterzulieferer Versum.  

Aktuell besteht der Konzern aus den drei Sparten Healthcare, dem Pharmasegment und der Sparte Life Science, wozu das Geschäft mit Laborausstattung und Dienstleistungen für die Forschung gehört. Hinzu kommt noch Electronics, wo Spezialchemikalien und Hightech-Materialien für die Elektronikindustrie hergestellt werden. 

"Die Transformation von Unternehmen ist eine nie endende Reise", unterstreicht Garijo. Merck setze auf technologische Megatrends und organisches Wachstum, werde aber auch weiter dort mitmischen, wo sich Chancen böten, um Mercks Gewinne langfristig und nachhaltig zu steigern.

Partnerschaft mit Biontech

Insbesondere das Segment Life Science mit der Laborsparte hat sich im Zuge der Corona-Krise als Renditebringer erwiesen. Mit Kunden wie Biotechunternehmen und aus der Forschung "stehen wir ganz vorne" im Kampf gegen das Virus, meint Garijo. In der Corona-Krise beliefert Merck mehr als 50 Impfstoffentwickler weltweit mit Laborbedarf wie Einwegmaterialien oder Filtern.

Auch die Produktion von Lipiden, die beispielsweise vom Mainzer Corona-Impfstoffhersteller BioNTech zur Herstellung des Impfstoffs benötigt werden, wurde ausgedehnt: "Wir haben bereits im zweiten Quartal Aufträge vorgezogen und werden in der zweiten Jahreshälfte unsere Lieferungen weiter ausbauen, um den hohen Bedarf an dringend benötigten Lipiden für BioNTech und unsere anderen Kunden zu decken", sagte Garijo. Merck und BioNTech hatten bereits im Februar eine vertiefte Partnerschaft bekannt gegeben.

In ihrer Zeit an der Spitze werde Merck ein "sehr aktives Portfoliomanagement" betreiben, kündigte Garijo an. "Wir schließen große, transformative Zukäufe ab 2022 nicht aus, werden uns aber wahrscheinlicher auf kleinere bis mittelgroße ergänzende Akquisitionen von innovativen Technologien konzentrieren."

Börsenwert stark gesteigert 

In der kommenden Woche, am 12. Mai, wird Garijo zum ersten Mal als alleinige Vorstandsvorsitzende die Bilanz des ersten Quartals vorstellen. Im vergangenen Jahr hatte Merck den Umsatz auf 17,5 Milliarden Euro gesteigert. Der Nettogewinn war um rund die Hälfte auf fast zwei Milliarden Euro gestiegen.

Der als gelungenen geltende Wandel des Unternehmens wird auch vom Aktienkurs gespiegelt. Im Verlauf der vergangenen drei Jahre legte das Papier um rund 80 Prozent zu.

Das mehr als 350 Jahre alte Unternehmen befindet sich zu etwa 70 Prozent im Besitz der Merck-Familie und beschäftigt derzeit etwa 58.000 Menschen weltweit, davon rund 12.000 im Raum Darmstadt.